Theaterneubau: Tempelbergszenario oder kultureller Thinktank?

Niemand weiß, wie das Mammutprojekt Theaterneubau am alten Standort finanziert werden soll. a3kultur stellt 32 Fragen zum Thema.

 

Niemand weiß, wie das Mammutprojekt Theaterneubau am alten Standort finanziert werden soll.Auch die Frage, ob die Stadt einen solchen gewaltigen Kulturkomplex in der Stadtmitte in dieser Form überhaupt braucht und verkraften kann, ist unklar. In der inhaltlichen Diskussion um das Theater der Zukunft lieferten die Verantwortlichen bisher wenig Erhellendes. Es ist eher eine Zeit der Ratlosigkeit und fragenden Blicke. Aus diesem Grund bietet a3kultur seinen Lesern in diesem Beitrag wenig Antworten, dafür aber 32 Fragen zum Thema, die nicht nur unserer Redaktion unter den Nägeln brennen.

Spätestens nach dem Opernball 2017 soll das Theater Augsburg so, wie wir es heute kennen, endgültig schließen und im besten Fall nach sieben Jahren Baustelle neu erfunden seine Pforten wieder öffnen. Seit Jahren ist die bauliche Struktur des Hauses bekanntermaßen so schlecht und die Sicherheitsmängel des Theaters so gravierend, dass der Spielbetrieb seit 2010 nur mittels einer Sondernutzungsgenehmigung durch die Feuerwehr aufrechterhalten werden konnte. Ähnliches gilt für die Werkstätten, Personalräume, Sanitäreinrichtungen usw. Im Regelfall gehen Fachleute von maximal fünf Jahren aus, in denen ein Haus wie unser Theater dem öffentlichen Spielbetrieb weiter nachgehen kann, bevor es von amtlicher Seite geschlossen wird und seine Genehmigung verliert. Augsburg wird diesen Zeitraum mindestens um ein gutes Jahr überschreiten und alle hoffen, dass in dieser Zeit kein Unglück geschieht.

Wie konnte es zu diesem Desaster kommen? Seit den frühen 80er-Jahren ignoriert die Stadtpolitik den aufgelaufenen Investitionsstau beim Theater, obwohl die wechselnden Leitungsebenen des Hauses immer wieder und mit wachsendem Nachdruck auf diese schwelende Problematik aufmerksam machen. Erst als die Komödie als Spielstätte endgültig wegbricht, ist der angestaute Handlungsdruck so hoch, dass eine Voruntersuchung zur Theatersanierung bestellt wird. Im Winter 2008 präsentiert das Hamburger Architekturbüro Friedrich diese Voruntersuchung, ohne jedoch den Brandschutz und die Statik des Hauses am Kennedyplatz in seine Berechnungen einzubeziehen. Das war nicht Teil der Aufgabenstellung. Das Ergebnis, dass der Komplex für rund 100 Millionen Euro generalsaniert werden kann, hat von Beginn an Schlagseite. Der Freistaat signalisiert trotzdem eine Etatübernahme von 45 Prozent der zuschussfähigen Baukosten. Eine leise Euphorie stellt sich ein. Tenor: Rund 60 Millionen Eigenanteil könnten zu stemmen sein. Ein erstes handfestes Ergebnis wird 2011 mit der Eröffnung des Interimsbaus Brechtbühne präsentiert. Darauf folgt erneut ein mehrjähriger Winterschlaf.

Erst nach der Kommunalwahl 2014 findet die Politik Zeit und Mut, die Planungen wieder aufzunehmen. Das Münchner Architekturbüro Achatz gewinnt die beiden Ausschreibungen für Sanierungsprojekt und Neubau. Auf die Auslobung eines Wettbewerbs verzichtet die Stadt. Alternative Konzepte und Standorte werden nicht diskutiert. Eine Lenkungsgruppe aus Bau-, Finanz- und Kulturreferat begleitet von städtischer Seite die Arbeit der beauftragten Architekten. Parallel dazu organisieren Theater und Stadt unter dem Motto »Theatersanierung? Das schaffen wir spielend!« Ende 2014 einen Bürgerbeteiligungsprozess zum Theater der Zukunft. Dieser endet nach drei Vortragsabenden und einem Hearing samt Workshops und Diskussion am 15. März.

Anfang 2015 informiert das Stadtplanungsamt den Kulturreferenten über den neu ermittelten Finanzbedarf für Sanierung, Neubau, Planung und Interimsspielstätten. Ab sofort geht es um rund 235 Millionen Euro – maximal, wie Architekt Achatz mehrfach versichert. Stadtrat und Bürgerschaft werden informiert. Zeitgleich präsentiert die Stadt weit gediehene Planungen aus dem Hause Achatz zwischen Kennedyplatz, Kasernstraße und Ottmarsgässchen. Es fällt auf, dass der Denkmalschutz bei der Neuplanung keine wirkliche Rolle mehr spielt. Er wurde zur Verhandlungssache.

Das genannte Kostenvolumen von rund 235 Millionen Euro für Sanierung, Neubau, Planung und Interimsspielstätten übersteigt dennoch alles Fassbare. Die Finanzreferentin weiß nicht, wie die Stadt diese Summe jemals aufbringen soll, und hofft wohl auf Geld aus München. Vielleicht bekommt Augsburg auf diesem Weg sein Staatstheater, ob die Bürger es wollen oder nicht. Der Baureferent sieht keine Alternative zum alten Standort. Der Kulturreferent bangt um sein Vierspartenhaus und um Budgetsicherheit in den kommenden Jahren für alle anderen Projekte, denen sein Haus verbunden ist und für die es Verantwortung trägt.

Die von ihm avisierte Erhöhung des Kulturetats um ein Prozent vom Gesamtetat der Stadt würde wohl komplett zur Finanzierung des Theaterneubaus verwendet werden. Handlungsspielräume für neue Kulturprojekte gäbe es nicht. Auch das von ihm selbst geforderte Theater als vom sonst üblichen Wertschöpfungsanspruch freier Ort ist in Gefahr. Denn schon heute baut er auf die Verwertungen aus Inner-Circle-Veranstaltungen. Im Klartext heißt das, dass Firmenveranstaltungen und freie Veranstalter im Kampf um Raumkapazitäten antreten werden. Ein ungleicher Wettbewerb.

Die Frage muss erlaubt sein, ob dieser Einsatz in Summe für eine Kulturinstitution gerechtfertigt ist, die in den vergangenen 20 Jahren nur selten Vorreiter kultureller und gesellschaftlicher Innovationen in Bereichen wie postmigrantische Kultur, bürgerschaftliches Engagement oder soziokulturelle Initiativen war. Oder anders gefragt: Wie soll unser Theater der Zukunft sein und nicht nur aussehen?