Arbeiten – wohnen – leben

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15. April 2017 - 8:56 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der vierzehnte Teil behandelt: Arbeiten – wohnen – leben

Beim Spazieren an der Wertach, unter Läufern, Fahrradfahrern, freundlichen Hundebesitzern, Kinderwagen schiebenden Vätern und Müttern – neuerdings auch Skiläufern –, trainiere ich meine Sprachkompetenzen auf Deutsch, falls mich kein anderes Vorhaben davon abhält. Das Sprachentraining sieht folgendermaßen aus: Zu Beginn des Spaziergangs stelle ich mir eine Sprachaufgabe, die ich beim Verlassen der Wertachauen gelöst haben soll. Meine allerneueste Aufgabe lautete: die Geschichte der Einwanderung seit 1955 bis heute in drei Wörtern wiederzugeben. Es hat mich nicht sehr überrascht, dass sich drei Adjektive angeboten haben. Adjektive ermöglichen es dem Sprecher, Beschreibungen, Gefühle und Urteile auszudrücken, und daher sind sie bei Sprechern und Erzählern willkommen. Gerne unterliegt man der Selbsttäuschung, dass der Gesprächspartner das mitgeteilte Glück nachempfinden kann, wenn man ein Ereignis als glücklich bezeichnet. Dies ist ist nicht der Fall, aber er soll mindestens nachvollziehen können, dass das Ereignis irgendjemanden glücklich gemacht hat. Und doch kamen mir die drei Adjektive »schwierig«, »widersprüchlich« und »entspannt« nicht besonders suspekt vor. Dass die Anfänge der Einwanderung in der Bundesrepublik (1955: erstes Anwerbeabkommen, 1973: Anwerbestopp) schwierig für Einwanderer und Bundesrepublikaner zugleich verlaufen sind, allerdings nicht aus denselben Gründen, kann in jeder Abhandlung über jene Jahre nachgelesen werden. Für die Einwanderer waren die Anfänge schwierig, da ihre Erwartungen nicht so zu erfüllen waren, wie sie es sich vor der Abfahrt nach Deutschland vorgestellt hatten. Für die Bundesrepublikaner war es schwierig, sich auf Einwanderer aus immer neuen Kulturen und Sprachen einzustellen. Die offizielle Version, wonach sich die Gastarbeiter nur für befristete Zeiten in Deutschland aufhalten durften, sollte über die schwierigen Zeiten hinweghelfen. Nach den abgeschlossenen Anwerbeabkommen war die offizielle Version korrekt. Zugleich war sie ein Widerspruch in sich, weil sich Gewerkschaften und Arbeitgeber auf den nicht haltbaren Kompromiss eingelassen hatten, der Rotationsprinzip hieß. Gastarbeiter ja, Bleiberecht nein, denn »Deutschland ist kein Einwanderungsland«. Widersprüchlich aber auch, weil die Bundesrepublik, obwohl sich Deutschland nicht als Einwanderungsland verstand, den Gastarbeitern den sofortigen Zugang zu allen Pflichten und Rechten ihrer Bürger einräumte, bis auf das Wahlrecht, und de facto leistete sie beste soziale Integrationsarbeit. Entspannt hat sich der Umgang mit den Einwanderern infolge der deutschen Wiedervereinigung, ohne die Opfer von Mölln und Solingen vergessen zu wollen. Erst durch die eigene innere Integration befand sich das Land in der Lage, sich den Einwanderern gegenüber anders, das heißt realistisch zu verhalten. Die entspannte Anerkennung der Geschichte der Einwanderung in Deutschland wurde durch das Zuwanderungsgesetz von 2005 besiegelt, womit den Widerspruch, Deutschland sei kein Einwanderungsland, endgültig beseitigt wurde.

Hatte ich die Trainingsaufgabe wirklich gelöst? Nein!, denn ich spürte Unzufriedenheit. Sie ergab sich aus der unvermeidbaren Frage: Wie haben die Einwanderer selbst ihre Geschichte in der Bundesrepublik/Deutschland sprachlich verarbeitet bzw. festgelegt? Ich, einer von ihnen, habe es durch die folgenden drei Verben getan: arbeiten, wohnen, leben. In der Tat geben die drei Verben die zwei Seiten desselben Vorgangs gleichzeitig wieder. Mit der Aussage »Ich arbeite in Deutschland« wird die eigene Anwesenheit als Gastarbeiter vor Ort legitimiert. Zugleich und gegenüber dem eigenen Herkunftsland bekundet man Abwesenheit auf Zeit. Mit der Aussage »Ich wohne in Deutschland« setzt man sich von der existenziellen Vorläufigkeit als Gastarbeiter ab. Dies geschieht durch juristische Instrumente wie eine unbefristete Aufenthaltsberechtigung. Gegenüber dem Herkunftsland ist dies der erste Schritt hin zur Emanzipation als selbstbewusster Bürger. Mit der Aussage »Ich lebe hier« macht man sich von alten Loyalitäten gegenüber dem Herkunftsland frei, indem man sich zugesteht, dass das Leben dort stattfinden, wo man sich befindet. Dieser Schritt fällt meistens mit der Gründung einer Familie zusammen oder ergibt sich aus ihr. Eine solche Gründung ist nicht anders zu verstehen als ein Sichbekennen zur Zukunft der Gesellschaft, in die man eingewandert ist. Mit den drei Verben lässt sich die Geschichte der Einwanderung nicht so schön zusammenfassen wie mit den drei Adjektiven, umso mehr geben sie die innere Lebensentwicklung der einzelnen Einwanderer wieder, und darauf kommt es an. Hatte ich nun die Aufgabe richtig gelöst? Vorläufig ja!

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man die gleiche Sprache paritätisch spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie bereit sind, sich zu verändern, und sich dabei über die Unterschiede ein und desselben Vorgangs durch gegenseitige Information verständigen können.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

www.chiellino.eu

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