Augsburg Reunion

12. Januar 2018 - 8:01 | Gast

Erinnerung, Forschung, Vermittlung – das Jüdische Kulturmuseum 2018. Ein Gastbeitrag von Benigna Schönhagen

Die Arbeit des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben (JKM) war im vergangenen Jahr bestimmt von dem Jubiläum des 100-jährigen Bestehen der Augsburger Synagoge, in deren Westtrakt das Museum 1985 als erstes selbstständiges Jüdisches Museum in der Bundesrepublik untergebracht wurde. Vom historischen Einweihungsdatum im April bis zum Festakt in Anwesenheit des Bundespräsidenten Ende Juni organisierten wir ein vielfältiges Jubiläumsprogramm. Dessen Höhepunkt war ein Treffen von 99 Jüdinnen und Juden, deren Vorfahren von den Nationalsozialisten aus Augsburg vertrieben oder ermordet worden waren. Sie kamen zu dieser ersten »Augsburg Reunion« aus allen fünf Kontinenten, teils in großen Familienverbänden. Bei Workshops, Stadtführungen, Empfängen, einer Tagesexkursion zu einigen jüdischen Orten im Umland und vielen, vielen Gesprächen begaben sie sich fünf Tage lang mit uns auf Spurensuche in der Stadt ihrer Vorfahren.

Mit der Arbeit mit den Nachfahren haben wir ein neues Kapitel in der Erinnerungsarbeit aufgeschlagen, die das Museum seit 16 Jahren mit dem Zeitzeugenprojekt »Lebenslinien« intensiv be­treibt. Damit ist das JKM ein Wegbereiter der erinnerungskulturellen Arbeit in der Stadt, was die Erforschung und Vermittlung der NS-Vergangenheit, insbesondere der Schoa  betrifft. Gerade weil Augsburg (noch) kein zeithistorisches Stadtmuseum hat, nimmt das JKM in der historisch-politischen Bildung eine wichtige Rolle ein. Das zeigt die große Zahl von Schulklassen, die vormittags ins Museum strömen. Zunehmend wird es auch als Forum wie als Auskunftgeber wahrgenommen. Die intensive Beschäftigung mit der Erinnerung hat nicht zuletzt auch zum Engagement für die Erinnerungsbänder gemeinsam mit der ErinnerungsWerkstatt Augsburg geführt. Gleichwohl ist es mir ein Anliegen, dass jüdisches Leben nicht auf die 12 Jahre der NS-Zeit reduziert, sondern in seiner Vielfalt in Vergangenheit und Gegenwart sichtbar und verstehbar wird. Deswegen haben wir in den vergangenen Jahren eine Ausstellungsreihe über jüdisches Leben in Augsburg nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur heutigen Zuwanderergemeinde erarbeitet, als bislang einziges Jüdisches Museum, und haben damit tatsächlich lokalhistorisches Neuland betreten. Neben der historisch-politischen Bildung steht die interreligiöse Bildung im Fokus. Die im Kalenderrhythmus wechselnden Installationen zu den jüdischen Feiertagen, die wir mit Grund- und Mittelschulklassen eröffnen, sowie die Lehrhaus-Veranstaltungen gemeinsam mit dem Rabbiner machen mit der jüdischen Kultur vertraut.  

Gerade weil Augsburg (noch) kein zeithistorisches Stadtmuseum hat, nimmt das JKM in der historisch-politischen Bildung eine wichtige Rolle ein

Herzstück eines jeden Museums ist seine Sammlung. Wir haben eine hervorragende Sammlung und mit der ehemaligen Synagoge in Kriegshaber neben der Großen Synagoge in der Innenstadt zwei authentische Orte jüdischer Geschichte und Kultur. Allerdings schränkt das Fehlen eines sachgerechten Wechselausstellungsraums die Möglichkeiten schmerzlich ein. Zielgerichtete Forschung kann ein Museum heute aber in der Regel nur im Kontext von Ausstellungen und Publikationen betreiben.

Seit langem gibt es Pläne, die Arbeiten, die Augsburger Silberschmiede für jüdische Auftraggeber schufen, im Rahmen einer großen Ausstellung vergleichend zu präsentieren. Als einen ersten Schritt dazu kann man unsere neue Ausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? Judaica aus dem Umfeld der Synagoge Kriegshaber« sehen, an der ich seit Monaten intensiv mit der freien Wiener Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek arbeite. Mit dieser kleinen, ambitionierten Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft von Dr. Josef Schuster steht,  beschließen wir das Jubiläumsjahr. Denn 1917 war nicht nur das Jahr der Einweihung der Synagoge in der Halderstraße, sondern  zugleich auch das Jahr des Zusammenschlusses der jüdischen Gemeinde Kriegshaber mit derjenigen in der Innenstadt. Insgesamt 23 Objekte aus dem Beziehungsraum Augsburg-Kriegshaber, die in vielfacher Weise Träger von Erinnerungen sind und während des Nationalsozialismus in die ganze Welt verstreut wurden, holen wir für einige Monate zurück an den Ort ihrer Herkunft oder Bestimmung. Als stumme Zeugen verschiedener Vergangenheiten können das kostbare Tora-Silber, die wertvollen Textilien, seltene Manuskripte und andere Judaica wie Gebrauchsgegenstände auf Brüche wie Kontinuitäten der Geschichte verweisen, wenn man ihre vielfältigen Dimensionen aufdeckt. Sie erinnern an die religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der einstigen Vorstadtgemeinde Kriegshaber, die weit über die einer landjüdischen Gemeinde hinausging. Sie verweisen aber auch auf die individuellen Erinnerungen ihrer Stifter, Benutzer und früheren Besitzer und sie stellen Fragen nach einem heute adäquaten Umgang mit diesen Erinnerungen.

Die Erinnerung an historische Ereignisse wird auch das Programm 2018 prägen. Neben Vorträgen, Lesungen und Konzerten werden wir uns in beiden Häusern intensiv mit dem 80. Jahrestag des Novemberpogroms 1938, dem 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel 1948 sowie dem 100-jährigen Ende des Ersten Weltkriegs in verschiedenen Formaten auseinandersetzen.

Dr. Benigna Schönhagen studierte Geschichte, Germanistik, Geografie, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Mainz und Tübingen. 1988 promovierte sie an den Universitäten Tübingen und Stuttgart über »Tübingen – eine Universitätsstadt in der Zeit des Nationalsozialismus«. Für das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, das sie seit 2001 leitet, hat sie 2006 die neue Dauerausstellung und seither viele Wechselausstellungen erarbeitet und kuratiert.

Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? Unter diesem Titel zeigt das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben ab dem 30. Januar Judaica aus dem Umfeld der Synagoge Kriegshaber. In der NS-Zeit in alle Welt verstreut, kehren kostbares Tora-Silber, wertvolle Textilien,  seltene Manuskripte und andere Gegenstände für einige Wochen in ihre Heimat zurück. Die von Souzana Hazan, Felicitas Heimann-Jelinek und Benigna Schönhagen kuratierte Ausstellung in der Museumsdependance Ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Straße 228, ist bis zum 17. Juni zu sehen. Zur Schau wird ein Begleitkatalog im Berliner Verlag Hentrich & Hentrich erscheinen.

www.jkmas.de


Was bringt das neue Jahr? Die a3kultur-Redaktion hat 16 Kulturmacher*innen aus unserer Region um einen Gastbeitrag zu ihren Projekten 2018 gebeten. Mehr in unserer aktuellen Printausgabe: http://a3kultur.de/ausgabenarchiv

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