Eine Ausstellung, die Erklärungen braucht

22. Januar 2018 - 9:31 | Iacov Grinberg

Im Bukowina-Institut ist eine Ausstellung zu sehen, die den Spuren des jüdischen Lebens in Lemberg und Czernowitz gewidmet ist.

Sie wurde gemeinsam vom Institut und der Universität Augsburg auf Grundlage von Fotografien der Studentin Luisa Hagen, die während einer Studienreise in diese Städte entstanden sind, organisiert. Zahlreiche Bilder zeigen nicht nur die erhaltenen Spuren, sondern auch den aktuellen Zustand der Städte. Die Fotos sind sehr hochwertig, die Beschreibung der Ausstellung wirft jedoch einige Fragen auf. Die Schau sollte ja nicht nur die Reise einiger Studenten widerspiegeln, bei der alle Teilnehmer perfekt verstehen, was gezeigt wird, sondern auch für den Zuschauer »von der Straße« verständlich sein. Es wäre notwendig, zu erklären, welche Art von Spuren in diesen beiden völlig verschiedenen Städten entdeckt wurden. Ohne derartige Erläuterungen ist das Ausgestellte kaum zu verstehen.

Eine sicherlich nicht repräsentative, aber doch aufschlussreiche Umfrage bei der Eröffnung der Ausstellung zeigte, dass viele Besucher nicht wussten, dass in Galizien (dessen Zentrum Lemberg war) die deutschsprachige Kultur der österreichisch-ungarischen Monarchie mit einem polnischen traditionellen Katholizismus und in der Bukowina (dessen Zentrum Cernowitz war) mit der Orthodoxie der dort angesiedelten Völker interagierte. Diese lokalen Kulturen waren daher völlig verschieden. Das jüdische Leben wurde in diesen Orten auch durch die Tatsache beeinflusst, dass in Galizien das traditionelle aschkenasische Judentum vorherrschte, in der Bukowina hingegen der Chassidismus. So denke man an Vizhnitsker und Sadogorsker Chassidim, deren Nachfolger bis heute in Amerika leben (Sadogora ist heute ein Stadtteil von Czernowitz).

Im 19. Jahrhundert wollten die wohlhabenden Juden in Europa die Einschränkungen des traditionellen Judentums los werden, doch waren sie dazu nicht in der Lage. Im Europa dieser Zeit wurde das nicht akzeptiert. Sie haben sich daher einen »Judaismus light«, einen Reformjudaismus ausgedacht und dadurch ist auch in Cernowitz ist im Jahr 1877 eine große Reformsynagoge errichtet worden. Nur wegen Aktivitäten des Oberrabbiner L. I. Igel (1825-1892) konnte letztlich ein Kompromiss gefunden und die drohende Spaltung verhindert werden.

Heute ist das jüdische Leben in Lemberg und Czernowitz fast vollständig verschwunden, die Ursachen hierfür sind aber sehr unterschiedlich. In Lemberg, die Zone der deutschen Besatzung, fielen fast alle Juden dem Holocaust zum Opfer, und das nicht ohne Beteiligung der lokalen Bevölkerung. In Czernowitz dagegen entkamen durch die Bemühungen des rumänischen Bürgermeisters Traian Popovici (enthalten in der Liste der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem) während des Zweiten Weltkriegs mehr als 20.000 der dort ansässigen Juden Deportation und Vernichtung. Und während in der Nachkriegszeit in Lemberg kein bedeutendes jüdisches Kulturleben erneut errichtet werden konnte, blieb Czernowitz ein Zentrum der Kultur in Jiddisch. Erinnern Sie sich an Sidi Tal, eine berühmte Sängerin jiddischer Volkslieder, die in der dortigen Philharmonie arbeitete. Es ist sehr schwierig, die verbliebenen Spuren ohne Berücksichtigung dieser Tatsachen zu verstehen.

Ebenfalls nicht passend war die musikalische Umrahmung der Vernissage, ist die Ausstellung doch dem jüdischen Lebens von damals gewidmet. Das Ensemble Feygele, in Augsburg eigentlich als Kenner jüdischer Musik positioniert, hat einige religiöse Lieder im Stil von Unterhaltungsmusik – mit Orchester und Frauengesang – ausgewählt. In historischer Betrachtung waren jedoch sowohl Musikinstrumente als auch Frauengesang während eines Gebetes für Juden in Lemberg oder Czernowitz absolut undenkbar. Zwei Lieder in Jiddisch waren zudem eindeutig Melodien aus Bessarabien und keine aus Bukowina oder Galizien.

Die Organisatoren versuchen nun erklärende Plakate zu organisieren. Die Ausstellung mit den notwendigen Erklärungen zu sehen und gleichzeitig die Aktivitäten des Bukowina-Institutes besser kennenlernen, wäre durchaus empfehlenswert. »Lemberg und Czernowitz – zwei ukrainische Städte im einstigen multikulturellen Jiddish Land« ist noch bis zum 15. Juni geöffnet.

www.bukowina-institut.de

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