Der Autodidakt

25. November 2016 - 10:14 | Jürgen Kannler

Ein Interview mit dem Sammler Helmut Klewan. Von Jürgen Kannler

München: Helmut Klewans Galerien in der Maximilianstraße und später im Glockenbachviertel zählten seit den 70ern in dieser Stadt zu den wichtigsten Kulturorten. Seit fünf Jahren lebt er mit Tausenden Kunstwerken in einem besseren, aber noch nicht ganz abgehobenen Viertel hinter dem Prinzregententheater. Die Wohnung von Helmut Klewan liegt in der vierten Etage. Er wundert sich ein wenig, warum ich nicht den Aufzug benutzt habe, doch der elegante Schwung der Wendeltreppe lädt freundlich dazu ein, die Stockwerke zu Fuß zu erklimmen.

Noch in der Tür stehend bietet er ein Gläschen Roten an, da sei gerade ein gutes Fläschchen offen. Er selber trinkt Leitungswasser. Davon nehme ich auch ein Glas, dazu reicht der gebürtige Wiener im Laufe des immer trüber werdenden Nachmittags Pralinen, Schokolade und Gebäck. Nach der Begrüßung folgt eine erste Begehung der Wohnung. Den großzügig geschnittenen Altbau untereilt der ehemalige Galerist und immer noch leidenschaftliche Kunstsammler nicht in Schlafzimmer, Bad, Salon und Küche, sondern in Bereiche für seine Arbeiten von Giacometti, Selbstbildnisse von Literatinnen und gefühlt hundert weitere Themen. Seine ausladende Schallplattensammlung findet sich im Wohnzimmer. Als DJ beglückt er seit einigen Jahrzehnten Freunde und Zufallsbekanntschaften mit seinen wilden Tanzpartys. Er legt zu diesen Anlässen in verschiedenen Bars, Galerien und Privathaushalten ausschließlich Singles auf. Das nächste Mal zu Silvester in seiner Münchner Wohnung. Er erwartet in dieser Nacht um die hundert bessere Freunde und hofft, dass sich das Missgeschick, das ihm beim letzten wilden Tanzfest widerfahren ist, nicht wiederholt. Klewan brach sich den Hals und plagt sich seither mit sechs Nägeln, die seine Wirbel halten. Das ist lästig, aber nicht so, dass er auf seinen Sport verzichten würde. Helmut Klewan ist 73 Jahre alt und Fußballer, Tischfußballer. Sein Kicker steht in der Bibliothek. Nach dem Interview fordert er mich heraus. Wir brechen das Turnier nach vier Spielen ab. Es steht 2:2. Er freut sich über das rasante Match, nennt mich einen Berserker und ahnt sicher, dass ich die fünfte Runde wohl nicht überstanden hätte. 

a3kultur: Herr Klewan, als erfolgreicher Galerist haben Sie über viele Jahre hinweg den Kunstmarkt mitgeprägt. Nun haben Sie keine Galerieräume mehr, besitzen aber sehr viele Kunstwerke, die von Ausstellungskuratoren gern und häufig angefragt werden. Gegenwärtig läuft im Augsburger Schaezlerpalais die Schau »Rendezvous der Künstler« mit Arbeiten vom Maria Lassnig bis Pablo Picasso, einige Ihrer Giacomettis befinden sich gerade in der Schweiz und die Hundertwasser-Werke im Museum Buchheim. Verdient man mit dem Verleih von Kunst eigentlich gut?
Helmut Klewan: Wissen Sie, seit meine Galerie geschlossen ist, lebe ich nicht mehr von der Kunst. Den Umgang mit den Behörden auf ein Minimum beschränken zu können, ist einer der schöneren Aspekte am Leben als Pensionist. Ich habe eine nette, junge Assistentin, die sich für mich um den ganzen Versandablauf kümmert. Die bekommt auch die jeweils fälligen Leihgebühren. Sie sehen also, es geht dabei nicht um gewaltige Summen.

Ihre Expertenmeinung ist auch bei der Bewertung und Zuschreibung von Kunst gefragt.
Das ist mir eigentlich lästig. Ich mache das nur noch selten für einige Freunde. Ich habe ja so viel Arbeit hier, sehen Sie selbst. Die Zeitung stapeln sich bis zurück ins letzte Jahr. Ich lese ja immer nur das Feuilleton. Zu den anderen Themen, die ich auch gerne lesen würde, komme ich gar nicht mehr. Und hier, diese Stapel: Das sind Bücher von Kollegen, denen wohl auch meine Publikationen zugestellt wurden und die sich dann mit diesen Retourkutschen bedanken. Das habe ich nun davon.

Sie haben viele Künstler als Galerist vertreten. Funktionieren solche Beziehungen auch als Freundschaften?
Schwer. Man kann mit einem Künstler nur arbeiten, wenn man sein Werk schätzt. Die sympathischen Künstler, mit denen ich gerne gearbeitet hätte, waren wohl einfach zu schwach, zu wenig originell. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Mit Friedensreich Hundertwasser zum Beispiel war ich gut befreundet. Einmal waren wir gemeinsam sechs Wochen in Afrika unterwegs. Aber vertreten habe ich ihn nie, obwohl er sehr teuer ist und ein gutes Geschäft gewesen wäre.

Zu welchem Zeitpunkt haben Sie wahrgenommen, dass die Preise bei den großen Namen durch die Decke gehen werden?
Bei Maria Lassnig habe ich das genau gespürt. Die hat den Markt immer hungrig gehalten. Sie und Arnulf Rainer, das waren immer die zwei Kraftfelder der österreichischen Nachkriegskunst. Aber geschäftlich waren sie total gegensätzlich. Rainer hat den Markt überschwemmt, der war überall dabei. Lassnig hat bei Mappen oder Gruppenausstellungen immer gebremst und war mit ihren Bildern sehr geizig. Bei ihrer einzigartigen Qualität in Verbindung mit diesem Habitus war mir klar, dass sie richtig teuer wird, wenn sie sich durchsetzt, weil es auf dem Markt zu wenig von ihr gibt.
 
Aber generell haben es Frauen in der Kunstbranche schwerer?
Ja, das war bis vor wenigen Jahren so. Nun ist aber ein deutlicher Trend zu weiblicher Kunst spürbar. Da ist ein Umschwung eingetreten. Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel oder Karin Kneffel werden heute wichtige Ausstellungen gewidmet. Man merkt deutlich, dass auch die Museen jetzt sehr gerne Frauen ausstellen.

Vielleicht, weil Frauen vorher erfolgreich durch die Institutionen des Kunstmarktes marschiert sind?
Stimmt, auch die Museumsleute sind jetzt oft weiblich.

Haben Sie gerne mit Frauen zusammengearbeitet?
Ja natürlich, lieber mit Frauen als mit Männern.

Christiane Lange hat sehr lange bei Ihnen gearbeitet. Heute leitet sie die Staatsgalerie in Stuttgart.
Zwölf Jahre war sie bei mir. Erst vor wenigen Tagen hat sie mich wieder besucht. Sie hat auch sehr starke Kolleginnen. Wobei mich bei manchen wundert, wie sie ihren Weg gestalten. Marion Ackermann zum Beispiel. Sie ist eine schöne, große Frau und hat lange Zeit gute Arbeit für die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gemacht. Nun ist sie in Dresden. In Nordrhein-Westfalen hatte sie die Sammlung Schmalenbach, was hat sie in Sachsen – die Pegida?

Vielleicht müssen heute gerade deswegen gute Leute nach Dresden. Was sagen Sie zu solchen Entwicklungen?
Kurios, Kurios. Wir haben ja ähnliche Entwicklungen in Österreich. Ich muss jetzt Anfang Dezember extra nach Wien fahren, um meine Stimme bei der Präsidentenwahl abzugeben, damit wir keinen Nazi als Präsidenten bekommen. Da muss man gegensteuern, da zählt jede Stimme. Es ist gespenstisch. Überall sind die Rechten auf dem Vormarsch.

Auf dem Kunstmarkt ist Ihr Urteil sehr gefragt, wenn es um den Verdacht auf Fälschung geht. Wie erkennt man Fälscher in der Politik?
Da geht es mir nur um Sympathie. Von den österreichischen Bundeskanzlern mochte ich den dicken Sinowatz sehr gern. Ein Jugendfreund von mir, der Richter geworden ist, hat ihn 1991 einmal verurteilt. Das ist eben Österreich, man kennt sich. Alfred Gusenbauer war mir auch unheimlich sympathisch. Den habe ich in Venedig kennengelernt. Nun haben wir mit Christian Kern ja einen ziemlichen Schnösel als Kanzler.

Im Leben orientieren Sie sich an Sympathiewerten. Wie halten Sie es beim Kauf von Kunst? Ist da das Bauchgefühl ein guter Ratgeber?
Hier leitet mich jahrzehntelange visuelle Erfahrung. Ich bin als Elfjähriger zur Kunst gekommen. Meine Eltern waren Kunsthändler, von ihnen habe ich viel gelernt. Außerdem habe ich 14 Semester Kunstgeschichte studiert, dabei habe ich nicht einmal die Matura. Ich bin reiner Autodidakt. Mit 27 konnte ich meine erste Galerie eröffnen, das war 1970. Da ging ich immer noch zu Vorlesungen.

Was Sie in Ihren Büchern schreiben, lässt auf ein erfülltes Leben schließen.
Es war sehr interessant, aber auch abenteuerlich. Allein diese vielen Messen, davon habe ich 50 gemacht. Und dann die aufregenden Auktionsbesuche in New York, London oder Zürich. Wenn man nicht so gut Französisch spricht, kann das sehr kompliziert werden.

Haben Sie eigentlich André Hellers »Buch vom Süden« gelesen?
Ja. Ich habe mehrere Bücher von ihm. Ich kenne ihn ja schon seit den Sechzigern. Ich hätte ihm dieses Buch nicht zugetraut. Es ist durchaus poetisch geschrieben. Heller war ja immer so ein Abstauber. Der hatte immer einen Fotografen hinter der Hausecke stehen, wenn er einen Prominenten wie den Warhol getroffen hat. Er hat sich sehr spekulativ in diese Kunstszene hineingeboxt. Alle meine Jugendfreunde kennt er auch. Ich sehe den Heller heute nur sehr selten, meist zufällig. Er hat mich auch schon paar Mal besucht. In dieser Wohnung war er aber noch nie. Ich wohne allerdings auch erst seit fünf Jahren hier.

Wann haben Sie zum letzten Mal mit blutendem Herzen ein Bild verkauft? Ein Bild, von dem Sie heute noch sagen, dass es rausmusste, damit der Umsatz stimmt, bei dem es aber es immer noch richtig weh tut?
Drei Mal war es wirklich schlimm. Einmal bei der Lassnig. Eines meiner Lieblingsbilder, »Lady und Masochist«, ein kleines Ölbild, hatte ich 1984 einem Freund für heute rund 7.000 Euro verkauft. Der hat es vor einigen Jahren an einen Kollegen verkauft, ohne es mir vorher zu sagen. Ich hätte ihm für das Bild für 200.000 Euro und einen Handkuss abgekauft. Und er gibt es für 70.000 Euro ab und meint noch, er hätte ein gutes Geschäft gemacht. 1978 habe ich für 19.000 Mark einen schönen großen Richter verkauft, den ich sehr mochte. Das war im Nachhinein aber nicht so schlimm wie der Verkauf eines wunderschönen Porträts aus den 1920er-Jahren von Boris Grigorjew. Damals war er noch nicht so bekannt wie heute und ich erzielte mit 60.000 Euro einen guten Preis. Später ging das Bild dann an einen russischen Oligarchen, der bei einer Auktion mehr als 5 Millionen Euro zahlte.

Grämt es Sie sehr, wenn Kunst, die einmal in Ihrem Besitz war, heute solche Preise erzielt?
Ja, es macht mich ein bisschen nachdenklich.

Sie haben trotzdem viel Umsatz gemacht und vermutlich auch gut verdient.
Ich war immer bei den Messen, nur so habe ich 30 Jahre lang durchgehalten. Und weil meine Eltern mich immer unterstützt haben.

Das ist wichtig. Man nennt es Generationenvertrag.
Ja, das ist sehr wichtig. Weil ich leider keine Erben habe, muss ich meine Sammlung nun eben verschenken. Meine Zwillinge, Mädchen, sie wären heuer 40 Jahre alt geworden, waren als Frühchen nur zwei Kilo schwer. Heute ist das medizinisch ja gar kein Problem, aber vor 40 Jahren war die Wissenschaft noch nicht so weit. Haben Sie Kinder?

Zwei. Einen Sohn mit neun und eine Tochter mit drei Jahren.
Das ist ja ein Glück, ein Bub und ein Mädchen.

Ihre derzeitige Ausstellung im Augsburger Schaezlerpalais geht anschließend nach Wien und danach nach Liberec. Wien ist Ihre Heimatstadt, aber wie kam es zu Liberec?
Das hat alles Christof Trepesch von den Kunstsammlungen in Augsburg organisiert. Er arbeitet wohl regelmäßig mit den Museumsleuten dort zusammen, und so kam es zu der Idee. Mir ist es recht. Ich habe damit ja keine Mehrarbeit, weil die Sammlung von Wien direkt dorthin geht.

Sie sprachen davon, dass Sie sich Gedanken machen, was aus der Sammlung wird, wenn Sie sich nicht mehr darum kümmern können.
Ich habe ein Testament gemacht und Christiane Lange als Nachlassverwalterin bestellt. Die ist jung und findet bestimmt einen guten Platz in einem Museum dafür.

Im Laufe der Jahrzehnte haben Sie viele andere Galeristen erlebt. Sind das alles so leidenschaftliche Sammler wie Sie?
Die sind alle sehr verschieden. Die meisten sammeln gar nicht. Ich war immer ein bisschen traurig, wenn ich merkte, dass die Leute nicht auf die Kunst schauen, sondern es nach dem Wert geht. Da kann ein Künstler noch so schwach sein, wenn er drei gute Galerien im Rücken hat, die ihn puschen, wird er weltberühmt.

Hat Ihrer Ansicht nach ein Museum oder eine Ausstellung eher einen Bildungsauftrag oder einen Unterhaltungsauftrag?
Die Mischung aus beidem muss stimmen. Nur erlangt jetzt leider die Eventkultur immer mehr Vorherschaft. Es gibt bei uns auch zu vielen Museen. Die nehmen sich gegenseitig die Besucher weg.

Und treiben die Preise bestimmter Namen ins Unermessliche.
Ja, das ist eine interessante Entwicklung. Es wird sich viel verändern.

Heute gründen Firmen wie Luis Vuitton Museen, koppeln ihr Image an die Kunst und hoffen so auf eine Steigerung ihres Wertes. Das ist in doppelter Hinsicht nicht ohne Risiko.
Ja, das treibt die Preise. Aber nehmen Sie nur mal Jeff Koons. Der ist heute noch schier unbezahlbar. Ich habe ihn in London kennengelernt und er hat mir nie besonders gut gefallen. Er ist ein Geschäftsmann. Bei dem Treffen war ein guter Freund von mir dabei, Schweizer, auch er Geschäftsmann. Er sagte: Ich habe nichts gegen den Jungen, das ist genau der Künstler, den die Amerikaner verdienen.

Das ist im Hinblick auf die morgige Wahl in den USA ein sinniger, schöner Abschluss unseres Gesprächs. Vielen Dank.

Die Sonderpräsentation »Rendezvous der Künstler – Meisterwerke aus der Sammlung Helmut Klewan« ist noch bis zum 15. Januar 2017 im Augsburger Schaezlerpalais zu sehen.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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