Begegnungen Brechts

16. Mai 2017 - 14:32 | Gast

»Die Rückkehr«: Die Bühnenbildnerin Hella Buchner-Kopper zeigt eine Brecht-Werkschau im Brechthaus. Von Michael Friedrichs

Die Rückkehr
Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?
Folgend den Bomberschwärmen
Komm ich nach Haus.
Wo denn liegt sie? Wo die ungeheueren
Gebirge von Rauch stehn.
Das in den Feuern dort
Ist sie.
Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?
Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme
Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste
Gehen dem Sohn voraus.

Diese Zeilen hat Brecht 1943 in Kalifornien geschrieben. Prophetisch einerseits, weil er das im Bombenkrieg zerstörte Augsburg vorhersieht. Weltfremd andererseits, weil unterstellt wird, der Sohn der Stadt werde bei seiner Rückkehr empfangen. Tatsächlich war der Staatenlose nach der Rückkehr aus dem Exil darauf angewiesen, sich mit einiger List einen österreichischen Pass zu besorgen.

Das sind einige der Themen, die die Bühnenbildnerin Hella Buchner-Kopper in ihrer nun schon ein paar Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung mit Brecht behandelt hat. Ebenso geht es ihr um Begegnungen Brechts, reale und imaginäre. Und besonders intensiv um Ares, den Kriegsgott.

Die Künstlerin hatte auf einem Aquarell von Caspar Neher, das bis vor kurzem in einer Sonderausstellung im Brechthaus zu sehen war, eine verblüffende Entdeckung gemacht: Auf Caspar Nehers Skizzenblatt von 1948 – Teil eines Zyklus zu einem mit Brecht zusammen geplanten Theaterstück »Der Wagen des Ares« – stand, als Sprechblase für den Kriegsgott Ares: »Als uns der Purpurmantel der Vernichtung bei Köpelsbleek vollständig deckte, da war der Mann schon tot, der zur Erinnerung die Häute der Gefallenen präparierte.«

»Köpelsbleek«? Frau Buchner-Kopper erinnerte sich an einen Roman von Ernst Jünger, »Auf den Marmorklippen«, 1939 erschienen. Da spielt »Köppelsbleek« als düstere Schädelstätte eine zentrale Rolle. Ob der schwülstig-pathetische Roman eher pro- oder subtil anti-Nazi war, wurde früher viel diskutiert. Die promovierte Kunsthistorikerin stellte bei erneuter Lektüre fest, dass auch die Formulierung »Purpurmantel der Vernichtung« aus Jüngers Buch stammte.

Das Thema Brecht-Neher-Jünger passte perfekt in ihr Konzept, und sie hat es in drei Collagen interpretiert, die nun im hinteren Raum im Erdgeschoss zu sehen sind – da, wo Tage vorher noch die Aquarellskizzen von Caspar Neher hingen.

Frau Buchner-Kopper würde sich nicht als Brecht-Fan bezeichnen. Aber als sie in Salzburg Bühnenbild studierte, wurde Caspar Neher ein großes Vorbild. Seitdem hat sie sich immer wieder mit dem Werk von Brecht und Neher auseinandergesetzt, und davon legt die Ausstellung ein deutliches Zeugnis ab.

Gezeigt werden 62 Arbeiten. Neben vielfältigen Collagen findet man Masken aus Leder – Brechtköpfe in unterschiedlicher Stimmung, die sich teilweise unauffällig in die Ausstellung einfügen. Manches muss man geradezu entdecken, und mancher Brechtkenner wird sich fragen: »War das schon immer da?« Dazu kommen Figuren und eine Installation mit Bezug auf das Thema »Wagen des Ares«. Auch Marionetten aus einer Augsburger Inszenierung der »Tage der Commune« sind zu sehen.

Wichtig ist der Künstlerin, dass man Humor zulässt in der Interpretation der Ausstellungsstücke, so wie sie Brecht auch als Humoristen sieht. Es geht vielfach um Rollenspiele und Anspielung, um Beziehungen zu Zeitgenossen Brechts wie Einstein oder Karl Valentin, um Freundschaften wie zu Paula Banholzer oder Caspar Neher, um berühmte Augsburger wie Elias Holl, Augsburg-Besucher wie Luther, und um die späten Gedichte mit Augsburg-Bezug. Viele Details hat sie eingearbeitet, in das »Rückkehr«-Bild zum Beispiel das Datum der großen Augsburger Evakuierung wegen der zu entschärfenden Fliegerbombe am 25. Dezember letzten Jahres.

Etwa ein halbes Jahr Vorlaufzeit hatte Hella Buchner-Kopper für ihre Ausstellung. Ein glücklicher Umstand ermöglichte ihr, mehr zu zeigen als die beengten Räumlichkeiten des alten Brechthauses normalerweise zulassen. Eine der beiden Wohnungen im Dachgeschoss stand leer; es ist beabsichtigt, sie als Künstlerwohnung herzurichten. Das bot die Chance, dort eine räumliche Inszenierung zu schaffen. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Brechthauses, dass die Wohnung im Dachgeschoss für Besucher zugänglich ist. Und es ist auch das erste Mal, dass eine »Ausstellung in der Ausstellung« gezeigt wird, wie Christof Trepesch, der Leiter der Kunstsammlungen, erläutert. Das war nur möglich und sinnvoll, weil sich Frau Buchner-Kopper so intensiv mit der bestehenden Ausstellung auseinandergesetzt hat. So nehmen manche ihrer Exponate direkt auf Ausstellungsstücke Bezug und treten in Dialog mit ihnen.

Auch vor einer kleinen Provokation schreckt sie nicht zurück. Im ersten Stock, wo die Schlafzimmermöbel von Brechts Mutter ausgestellt sind, hat sie eine in Leder gewickelte rudimentäre Puppe neben Brechts Gedicht »Lied von meiner Mutter« gelegt, in dem er ihren Tod behandelt (»Dann starb sie und man fand einen Kinderleib«).

Die Ausstellung »Die Rückkehr – Collagen, Masken und Figuren von Hella Buchner-Kopper« ist bis zum 30. Juli im Brechthaus zu sehe. Foto (Silvio Wyszengrad): Ares, 2017

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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