Begreifen, was einen ergreift

6. November 2017 - 7:37 | Martin Schmidt

Spiritualität studieren – der Masterstudiengang »Theologia spiritualis« an der Uni Augsburg.

Den in Deutschland einzigen Masterstudiengang für eine Theologie der Spiritualität anzubieten – dieses Alleinstellungsmerkmal hatte bis vor Kurzem die Katholische Fakultät der Universität Augsburg. Es bestanden zwar verwandte, aber spektrumsärmere Angebote wie zum Beispiel als schwerpunktbezogener Lizentiatsstudiengang in Münster oder etwa im deutschsprachigen Raum im Lassalle-Haus (Schweiz). Erst im Oktober nun zog die evangelisch-methodistische Theologische Hochschule Reutlingen mit einem vergleichbaren, aber doch kürzeren Studiengang nach. Aber auch hier: Der Augsburger Studiengang ist um mindestens ein Drittel breiter angelegt und setzt einen stärkeren Schwerpunkt bei den systematisch-theologischen Aspekten.

Während die Homepage der Uni Augsburg den Namen des Studiengangs sprachlich auf ein handliches, säkular-administratives »Masterstudiengang Spiritualität« herunterbricht, lautet die genaue Studiengangbezeichnung »Theologie des geistlichen Lebens«, nämlich »Theologia spiritualis«. Dieser Begriff war bewusst gewählt worden, um das Einheitswort und auch esoterischen Modebegriff »Spiritualität« christlich, vor allem aber klassisch religiös zu kontextualisieren. Für das berufsbegleitende Studium ist aber keine Kirchenangehörigkeit oder bestimmte Konfession Voraussetzung. Notwendig hingegen ist ein berufsqualifizierender Abschluss. Dieser kann in Theologie, aber auch in Philosophie, Sozialwissenschaften, Philologie oder Pädagogik sein.

Derzeit besuchen sieben Studierende den Lehrstuhl. Vier kommen aus dem Bistum Augsburg, zwei aus dem Bistum Regensburg, ein Student pendelt aus Schleswig-Holstein. Die Altersstruktur geht von 27 bis 54 Jahren, mit vier Studentinnen überwiegt der Frauenanteil. Für den Erhalt des Lehrbetriebs bedarf es einer Mindestzahl von fünf Studenten, ein Pensum von etwa zwanzig Studierenden wäre eine Ordnungszahl, mit der der Lehrstuhl momentan gesund und problemfrei umgehen könnte. Das Blockstudium ist berufsbegleitend, dauert drei Jahre und besteht aus einzeln geprüften Modulen. Die Motivation der Studierenden ist beruflich oder des persönlichen geistigen Wachstums wegen.

Der im Jahr 2011 gegründete Lehrstuhl zählt zwölf Dozenten. Sechs stellt der eigene Augsburger Fakultätsstandort, sechs kommen von auswärts, zum Teil aus Rom oder, wie die Koryphäe Marianne Schlosser, aus Wien. Diese ist übrigens geborene Donauwörtherin. Papst Franziskus hat sie 2014 zum Mitglied der Theologenkommission berufen. Zum Dozentenstamm gehören neben Vertretern der Ostkirchen auch evangelische Theologen. Inhaber der Stiftungsprofessur ist Prof. Dr. Wolfgang Vogl. Der 51-Jährige pendelt für seine Lehrstuhltätigkeit zwischen Augsburg und der Region Ingolstadt, wo er praxisverwurzelt als Pfarrvikar in einer Pfarreiengemeinschaft arbeitet. Gleichzeitig bildet er am Augsburger Priesterseminar aus.

Warum aber ist Spiritualität ein eigener Studiengang? Müsste sie als Grund und Kern jeglichen Glaubens nicht einem Theologiestudium integral eingeschrieben sein? Tatsächlich waren, sehr vergröbernd wiedergegeben, Theologie und Spiritualität bis ins hohe Mittelalter einst eins: Die mitten in der spirituellen Erfahrung stehenden Heiligen selbst waren die maßgeblichen Theologen. Mit dem Aufkommen der Scholastik im Mittelalter und damit der Systematisierung geistlichen Lebens erfolgte dann eine Trennung zwischen subjektiver Glaubenserfahrung und objektivierender, akademischer Theologie. Es brauchte die spirituelle Sprengkraft der spanischen Mystik im 16. Jahrhundert, um dies aufzubrechen. Es sollte bis 1917 dauern, dass in Rom der weltweit erste Lehrstuhl für Spiritualität entstand (unter dem damaligen Namen »Wissenschaft von der Frömmigkeit, die Aszetik genannt wird«). Gegründet wurde er von dem Dominikaner Réginald Garrigou-Lagrange (1877–1964), dem Doktorvater von Papst Johannes II. Fast versteht es sich, dass auch Prof. Dr. Vogl an jenem Lehrstuhl ebenfalls Spiritualität studierte.

Der Studiengang will geistliche Erfahrung historisch, systematisch und komparativ erschließen – aber auch praktische Exerzitienerfahrung gehört für die Studierenden dazu. Für den neuen Studiengang zum Sommersemester 2018 endet die Bewerbungsfrist am 31. Dezember 2017.

Am 9. November, 19:30 Uhr, findet ein öffentlicher Gastvortrag im Hörsaal III (Gebäude C) der Uni Augsburg statt. Prof. Dr. Dr. Elmar Nass spricht zu: »Gesellschaft wieder christlich gestalten – einladende Christlichkeit als offensives Programm«.

www.kthf.uni-augsburg.de

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