Bekennen. Mein Name ist Mensch

27. Juli 2017 - 10:32 | Gast

Das diesjährige Friedensfestprogramm setzt sich mit den verschiedenen Facetten des Bekennens auseinander. Ein Gastbeitrag von Christiane Lembert-Dobler

Hand aufs Herz: Wissen Sie, was die Confessio Augustana ist? Was in dem »Augsburger Bekenntnis« steht? Die 28 Artikel zu religiösen Inhalten und Verhaltensregeln und zur Anerkennung der weltlichen Obrigkeit sollten 1530 den Wunsch der Protestant*innen nach einer Reform der katholischen Kirche – nicht nach Revolution und Abspaltung – zum Ausdruck bringen. In Augsburg liegt es nahe, das diesjährige Motto des Friedensfestes mit Religion in Verbindung zu bringen. Bekennen bedeutet aber mehr als das Bekenntnis zu einer Glaubensrichtung.

Was sagt Ihnen der Name Rio Reiser? Als er 1971 den Song »Mein Name ist Mensch« schrieb, hatte Reiser, der erster schwuler König von Deutschland werden wollte, weniger Religion als gesellschaftspolitische Verhältnisse im Blick. Seine Band Ton Steine Scherben lieferte den Soundtrack zur Revolte der frühen 1970er-Jahre. Die Scherben repräsentierten das rebellische, trotzige, träumerische und utopische Lebensgefühl der Jugend, die den Aufstand probte. Der Text von »Mein Name ist Mensch« liest sich heute als zeitloses und universelles Bekenntnis zur Menschlichkeit: »Ich habe viele Väter. Ich habe viele Mütter, und ich habe viele Schwestern und ich habe viele Brüder … Ich bin über zehntausend Jahre alt und mein Name ist Mensch.«

Zu Luthers Zeiten war die Einbindung in ein strenges System rechtlicher, politischer und religiöser Ordnungen »normal«. Diese galten als von Gott gegeben. Der einzelne Mensch spielte nur eine untergeordnete Rolle. Heute gelten in Deutschland individuelle Freiheiten, Rechtsstaatlichkeit, Menschen- und Bürgerrechte, Religions-, Gewissens-, Meinungs- und Pressefreiheit als selbstverständlich. Sie sind als Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Grundgesetz verankert. Dem sollen alle Bürger*innen in Deutschland folgen.

Die Stadt Augsburg fühlt sich als Friedensstadt dem Bekenntnis zur Wahrung der Freiheiten und Rechte der Bürger*innen und dem paritätischen Aushandeln in Konfliktsituationen besonders verpflichtet. Davon zeugen z.B. die Zukunftsleitlinien, die 2015 verabschiedet wurden: Unter anderem soll allen die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht, Diskriminierung und Barrieren sollen in allen Lebensbereichen erkannt und abgebaut werden. Verschiedenheit wahrzunehmen und wertzuschätzen sowie die Kultur des Friedens und das Miteinander der Religionen weiterzuentwickeln werden genauso als Aufgabe betrachtet wie die Stärkung der Beteiligung und des bürgerschaftlichen Engagements. Besonders bemerkenswert ist das Bekenntnis, jeder*m die Freiheit zu ermöglichen, etwas ohne Ziel zu tun! Aktuell wird der Entwurf für eine »Resolution zur Friedensstadt Augsburg« in den Stadtratsfraktionen diskutiert.

Doch es bleiben Fragen: Wann wird heutzutage das öffentliche Bekennen in einem demokratischen Staat, in unserer offenen Gesellschaft gefährlich? Wann halten wir lieber den Mund, als unsere Meinung zu sagen, uns zu outen, zu einer Haltung, einer Sache oder einer Person zu stehen? Wie kann ein Mensch seine Standpunkte vertreten und dabei offen bleiben für die Standpunkte anderer? Bekenntnisse können dann schwierig oder problematisch werden, wenn der/die Einzelne allein oder in einer Gruppe Gleichgesinnter nicht mit dem Einverständnis oder der Toleranz eines Gegenübers, einer Gruppe, einer Partei oder Staatsform etc. rechnen kann. Welche Bekenntnisse sind aber unerträglich?

Das diesjährige Friedensfestprogramm setzt sich mit den verschiedenen Facetten des Bekennens in Bezug auf Geschlechternormalität, Fußballfans, Schuld und Todesstrafe, Erinnerung oder Europa auseinander. Wir bekennen uns und feiern mit verschiedenen Formen: dem Taubenschlag am Königsplatz, Musik, Theater, Lesungen, Gesprächen, Ausstellungen und Kunstinstallationen, Führungen und der Friedenstafel. Und mit einer Bekenntniswerkstatt: Im Café Neruda wird am 6.8. der Frage nachgegangen, ob es nicht Zeit ist für ein neues Augsburger Bekenntnis, eine moderne Confessio Augustana. In einer Bekenntniswerkstatt sollen aus Evangelium und Ökumene Elemente aktuellen Bekennens gesammelt und ein Weg zu einem Text entworfen werden. Und, schöner Zufall, Ton Steine Scherben traten im Juli beim »Sommer am Kiez« auf dem Helmut-Haller-Platz auf. Ohne Rio Reiser. Ralph Christian Möbius, so sein bürgerlicher Name, dessen Liedern laut taz (20.08.2016) ein tief sitzender Wunsch nach mehr Menschlichkeit, nach einer liberaleren Gesellschaft eingeschrieben ist, verstarb 1996 mit 46 Jahren.

Christiane Lembert-Dobler leitet das Friedensbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg.

www.friedensstadt-augsburg.de

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