Beziehungskrisen im Dezember

28. November 2016 - 8:56 | Thomas Ferstl

»Allied – Vertraute Fremde« und andere Paarkrisen in der a3kultur-Filmkolumne »Projektor«.

»Hast du die Klobrille wieder nicht runtergeklappt?« oder »Das nächste Mal stellst du den Fahrersitz aber wieder zwei Positionen zurück, ja?!« sind Sätze, aus denen gerne mal ein Beziehungsstreit entsteht. Zugegebenermaßen plumpe Klischees, aber doch nahe an der Wahrheit zumindest mit einem Augenzwinkern, oder? Herumgeplärre, fliegende Teller oder Uneinsichtigkeit können da die Folgen beziehungsweise die Vorboten einer Krise sein. Nun bin ich sicherlich einer der Letzten, den man in Sachen Paarberatung fragen sollte, bin ich doch ein Schreiberling und kein selbst ernannter Sigmund Freud. Aber in Anbetracht der verfilmten Bindungskonflikte würde ich eher davon abraten, dem eigentlich doch liebsten Partner eins mit der gusseisernen Bratpfanne überzuziehen. Nehmen Sie sich lieber wortlos in den Arm, gehen Sie ins Kino und schauen Sie anderen Paaren beim Kriseln und möglicherweise ja auch bei der Versöhnung zu.

1942, Casablanca: »Allied – Vertraute Fremde« (1. Dezember, Cineplex/22. Dezember CinemaxX) erzählt die Geschichte des frankokanadischen Geheimdienstoffiziers Max Vatan (Brad Pitt), der hinter den feindlichen Linien die französische Résistance-Kämpferin Marianne Beausejour (Marion Cotillard) kennen und lieben lernt. Beide haben die gefährliche Mission, den deutschen Botschafter vor Ort zu töten. Als sie sich später in London erneut über den Weg laufen, flammt ihre Romanze wieder auf und mündet in eine Hochzeit. Doch ihre Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt: Max erfährt, dass Marianne, seine Frau und die Mutter seines Kindes, in Wahrheit eine Doppelagentin sein und für die Deutschen arbeiten soll. Er erhält daraufhin den Auftrag, Marianne zu töten. Auch zum vierten Mal brilliert Brad Pitt als Killer von Nazischergen, noch mehr aber als verzweifelter Ehemann des vermeintlichen Feindes im eigenen Bett. Regisseur Robert Zemeckis inszeniert einen nervenaufreibenden Beziehungs- und Spionagethriller mit einer Marion Cotillard, die so beiläufig geheimnisvoll wirkt, dass man es nahezu mit der Angst zu tun bekommt. Was, wenn die eigene Beziehung vielleicht auch eine Lüge ist?

Weniger gewaltsam, aber nicht minder intensiv ist das Beziehungsleben etwas früher im vergangenen Jahrhundert. 1900, Bremen: »Paula« (15. Dezember, Kinodreieck) erzählt von der 24-jährigen Paula Becker (Carla Juri). Sie ist fest entschlossen, eine große Malerin zu werden. In einer für Frauen schwierigen Zeit versucht selbst ihr Vater Carl (Michael Abendroth), ihr diesen Traum auszureden. Doch Paula macht unbeirrt weiter und zieht schließlich nach Worpswede. Das Dorf ist schon seit zehn Jahren als Künstlerkolonie berühmt und damit der ideale Ort für Paula, als Malerin zu reifen. Bald lernt sie einige ihrer Kollegen kennen, darunter die Bildhauerin Clara Westhoff (Roxane Duran), den Dichter Rainer Maria Rilke (Joel Basman) und schließlich den Landschaftsmaler Otto Modersohn (Albrecht Abraham Schuch). Langsam, aber sicher kommen sich Paula und Otto, Witwer und Vater einer kleinen Tochter, näher. Das gemeinsame Leben als Künstlerpaar bringt jede Menge Herausforderungen mit sich, die Paula aber erst zu wahrer Größe verhelfen. Sinnlich und federleicht schildert Regisseur Christian Schwochow die Geschichte einer radikalen jungen Frau und einer großen Liebe, die aufgrund ihrer Konflikte nichts an Aktualität eingebüßt hat.

In seiner Filmbiografie »So weit und groß – Die Natur des Otto Modersohn« (15. Dezember, CinemaxX) setzt Carlo Modersohn, Urenkel des Künstlers, auf einen völlig anderen Weg des Erzählens. Er stützt sich ausschließlich auf historische Bildmaterialien: Filme, Fotografien, Reproduktionen von Gemälden, Zeichnungen und Schriftdokumente aus der Zeit um 1900. Modersohns Film ist unaufgeregt und zeigt ein realistisches, bodenständiges Porträt des Vorfahren. Heiligenverehrung vermieden, Glückwunsch.

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