Das Böse erfasst man allein über das Leid

29. Januar 2017 - 12:33 | Jürgen Kannler

Vor kurzem erschien Gino Chiellinos ebenso faszinierender wie erschütternder Roman »Der Engelfotograf«. Ein Gespräch mit dem Chamisso-Preisträger anlässlich seiner Buchpräsentation in der Galerie MZ.

a3kultur: In »Der Engelfotograf« gelingen dir klare, poetische Bilder, bei der Beschreibung von Landschaften, aber auch bei Dingen, etwa Stoffen. Du sprichst mit einer großen Liebe von ihnen. Den menschlichen Charakteren, die im »Engelfotograf« vorkommen, versagst du diese Güte weitestgehend. Warum?

Gino Chiellino: Mir ging es darum, die Umwelt aufleben zu lassen, die den jungen Protagonisten von seiner Geburt an geprägt hat. Ich wollte alles bis ins Detail herausarbeiten, was zu seiner inneren Entwicklung beigetragen hat. Der Leser sollte sehr genau nachempfinden, was der junge Rusco bis zu dem Tag erlebt hat, als er den Geburtsort gegen seinen Willen verlässt. Er ist in eine Bauern- und Handwerkerkultur hineingeboren worden, in der die Sprache anders eingesetzt wird als in der bürgerlichen Kultur. Es gibt kein Erzählen von Erfahrungen als Konversation. Man verständigt sich beispielsweise eher durch gemeinsame Handlungen denn durch sprachliche Mitteilungen. Daraus habe ich eine Erzählstrategie erarbeitet, um dem Leser einen Zugang zur Innenwelt des Protagonisten zu ermöglichen. Dass ich bei der Ausarbeitung der menschlichen Charaktere sehr zurückhaltend verfahre, hat damit zu tun, dass im Roman allein der Auslöser autobiografisch ist, der Roman an sich ist ein literarisches Werk.

Hat diese Sprachlosigkeit, diese Form der bitter erzwungenen Stille, die Rusco wie ein Panzer umfängt, Wurzeln in den Erinnerungen an deine eigene Kindheit in Kalabrien? Bist du auch so aufgewachsen?

Eine Sprache der Kommunikation gab es eigentlich bei Handwerker- und Bauernkulturen im Kalabrien der Vierziger- bis Fünfzigerjahre nicht. Es gab Hinweise, Befehle, kurze Berichte, weder Märchen noch Erzählungen. Sprache war eine Ersatzmöglichkeit, um zu kommunizieren, wenn nicht gearbeitet wurde. Aber es wurde den ganzen Tag gearbeitet. Eine Sprache frei von Handlungen gab es in meiner Kindheit nicht. Dies ist an Ruscos Verwirrung zu erkennen, als er in der Grundschule mit dem abstrakten Erlernen des Italienischen konfrontiert wird. Für den Roman ist es deswegen so entscheidend, die Bedeutung dieser Sprachkargheit herauszuarbeiten, weil ein junger Mensch innerhalb eines einzigen Tages in eine Welt gerät, die nur aus Sprache besteht. Dadurch verliert er seine Körperlichkeit, denn alles, was er ab jetzt erfährt, ist nur Sprache. Sprache als Gebet, Sprache als Beichte, Sprache als Ausbildung zum Gottesdiener und natürlich Sprache in der Schule. Diese intensive Spracherfahrung lässt Rusco »anders« gegenüber den Freunden in seinem Geburtsort werden.

Aus dir wurde ein Mann des Wortes, ein Mann der Sprache, wenn man so will. Befällt dich trotzdem zuweilen ein Anflug dieser Sprachlosigkeit?

Das ist fast ein Paradox. Dennoch liegt mir sehr daran, ein Handwerker des konkreten und hoffentlich des wahrhaften Wortes geworden zu sein. In unserem Haus am Dorfeingang wurde nicht einfach wenig gesprochen, sondern es wurde nur das Notwendige mitgeteilt. Genauso wie im Roman. Die drei Sprachen, die ich im Alltag spreche und in Forschung und Kunst einsetze, sind für mich ein Fundus, mit dem ich sehr sparsam, fast geizig umgehe.

Das ist doch auch Respekt vor dem Wort.

Mehr als Respekt, aber bzw. und es gibt einen weiteren Grund: Wenn ich auf Deutsch, dem ich mein Leben als Einwanderer anvertraut habe, schreibe, ist mir mehr als bewusst, dass ich keine freihändige Sicherheit in dieser Sprache erreichen kann. Nur wer das Gefühl in sich trägt, defizitär zu sein, geht respektvoll mit Sprache um. Wie respektlos wir als Muttersprachler mit unserer Sprache umgehen, kann man überall in der Welt hören und lesen.

Zum Thema Respekt kam mir auch noch ein Gedanke: Die Menschen, die du porträtierst, haben großen Respekt vor dem Leben. Insbesondere fällt mir da eine Passage ein: der Monolog von Ruscos Vater im Kapitel »Zeit der Verantwortung«. Mit welcher inneren Konzentration er das jährliche Schweineschlachten vorbereitet und ausübt, mit welchem Respekt vor den Tieren.

Zwischen der Welt der Menschen und jener der Tiere gab eine sehr enge Verbindung, die ich selbst über Jahre ausgelebt habe. Während der Fünfzigerjahre hat man uns eingeredet, dass wir mit unserer Nähe, ja dem Zusammenleben mit unseren Tieren falschlagen, als wäre das alles schmutzig und dreckig. Man musste diese Welten trennen. Im Kapitel »Zeit der Verantwortung« geht es darum, dass der Vater des Protagonisten seine eigenen Schweine schlachtet, weil er sie züchtet, um die Familie zu versorgen. Ich habe es über Jahre erlebt und als Kind nie begreifen können, mit welcher liebevollen Sorge Bauer ihre eigenen Tiere züchteten, um sie eines Tages schlachten zu müssen. Diesen Widerspruch zwischen Vorsorge und Notwendigkeit konnte ich als Kind nie verstehen, bis zu dem Tag, an dem ich beobachtet habe, mit welcher Intensität sich mein Vater vorbereitet hat, um das Schlachten seiner Tiere so „schmerzlos“ wie möglich, durchzuführen. Dabei habe ich ihn ganz direkt dabei erlebt, wie er in sich verschwunden ist und wie lange er gebraucht hat, um wieder zu sich zu finden. Sein Vorgehen hat mich als Kind beunruhigt und zugleich in meiner Angst vor dem Tod getröstet.

Du schreibst von den Cousinen, den Cousins, der Mutter, der Großmutter, dem Erst- und dem Zweitgeborenen. Namen spielen in diesem familiären Kontext keine Rolle, erst später in der Klosterschule bekommen die Protagonisten einen. Ist diese Form der Anonymität ein Schutz, den du für dich selber oder für deine Protagonisten aufbaust?

Beim Schreiben werden viele Entscheidungen als selbstverständlich getroffen und erst später erweisen sie sich als Teil einer gesamten Erzählstrategie. In der Tat wurden keine persönlichen Rufnamen für die einzelnen Mitglieder in den Großfamilien verwendet. Alle waren eher Träger einer Funktion, also Mutter, Vater, Tante, Onkel, Tochter oder Sohn, und als solche wurden sie angesprochen. Obwohl jeder Dorfeinwohner mindestens zwei Namen hatte, waren in der Öffentlichkeit alle Tochter oder Sohn von diesem oder jenem. Dieses Lebensmodell hat sich längst erschöpft. Heute gibt es keine Namenlosen mehr, sondern nur noch paritätische Protagonisten mit ausgefallenen Rufnamen.

Du erzählst von den Patres, die den vermeintlich großen Kindern sehr engagiert Möglichkeiten aufzeigen, indem sie helfen, die Situation der Armut durch Bildung zu überwinden, aber sie werden nicht alle dieser Rolle des Mentors gerecht. Sie werden ihrer Verantwortung nicht gerecht und verraten eben dadurch diese jungen Seelen. Mir kam da ein Vergleich mit der Moderne: Sie möchte die Kinder des Gestern ins Morgen holen, scheitert aber eben oft an der Verantwortung, sie auch wirklich zu begleiten. Hat so ein Bild für dich auch eine Rolle gespielt? Gibt es da noch eine andere Ebene?

Wie gesagt, der Auslöser des Romans ist autobiografisch, der Roman selbst ist ein literarisches Werk, und daher soll er offen für unterschiedliche Lesarten sein. Durch deine Frage bin ich selbst aufgefordert, diese Dimension in meinem Roman zu finden. Diese Leseart des Romans könnte darin begründet sein, dass es mir selbst trotz meiner hervorragenden Leistungen an der römischen Universität La Sapienza in Italien versagt war, mein Fachwissen und kreatives Können auszuleben.

Das Verantwortungsversagen im Roman ist jedoch anders zu verstehen. In den betreffenden Ausbildungsinstitutionen hat sich über Jahrhunderte eine innere Dynamik durchgesetzt, die es erlaubt und sogar dazu zwingt, sich an den Anvertrauten zu vergreifen. Dies ist eine tragische Fehlentwicklung, aber das anzuprangern war nie mein erstes Anliegen im Roman. Mir lag sehr daran, eine erzählende Sprache zu entwickeln, die gleichzeitig auch ein Schutz für den Protagonisten ist. Es geht ja nicht darum, etwas zu beschönigen oder zu verstecken, sondern es geht um den Entwurf einer Sprache, die den Schmerz, der dem Protagonisten zugefügt wurde, in seiner gesamten Intensität erfassen und wiedergeben kann, ohne Letzterem zusätzliches Leid zuzufügen.

Du erzählst vom Leiden der Kinder, von großem Trennungsschmerz und der Einsamkeit. Die Kinder in diesem Internat sind für sich allein, sie schaffen jedoch eine gewisse Verbundenheit über Standesgrenzen hinweg, ohne die dieses Leid vielleicht niemals zu überwinden gewesen wäre. Ist es eine Lebenserfahrung von dir, dass gemeinsames Leid Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenbringt?

Ob die Klosterschüler ihren Schmerz bewusst erlebt haben, ist schwer zu sagen. Rusco versteht die Mitschüler, die Schmerz empfinden, nicht. Mir ging es um die Verführung, der er ausgesetzt ist. Als Schüler bekommt er im Internat all das, wovon er in seinem Geburtsort nicht einmal zu träumen gewagt hat, und er erkennt, dass ihm das Lernen unter solchen Voraussetzungen leichter und besser gelingt, ja er wird der Beste. Ob er durch eine solche positive Erfahrung den Schmerz verdrängt oder ob er bei der Ankunft im Internat tatsächlich keinen Schmerz empfunden hat, ist nicht festzustellen. Später erlebt er Zeiten oder Situationen, in denen ihn die bitterste Einsamkeit ihn einholt. Er fühlt sich von Eltern, Gott und von den Patres allein gelassen. Gegen diese Verlassenheit wälzt er in Wörterbüchern und versucht Mandoline spielen zu lernen, obwohl er weder das Instrument kennt noch Noten lesen kann. Diese Verlassenheit treibt ihn dazu, den Weg zu finden, um zur Welt der Handwerker und der Bauer zurückzukehren, und sein Vorhaben wird aufgehen.

Sehr knapp, fast am Rande streifst du den Missbrauch von Schülern. Als Autor gewährst du dem Täter keine Verjährungsfrist. Seine Tat holt ihn ein, ebenso wie den Missbrauchten, der die Tat nie vergessen kann. Welche Art von Aufarbeitung bietet die Kirche in Italien diesen Fällen an, was weißt du dazu?

Ich habe den Roman im Jahr 2006 abgeschlossen und zurückgehalten, weil ich vermeiden wollte, dass er falsch gelesen wird. Ich suche keine Auseinandersetzung, weder mit Gott noch mit seinen Anhängern. Mein Anliegen war und ist, ein literarisches Werk als Gegenentwurf zu der allgemeingültigen Vorstellung zu schaffen, dass das Böse erfasst werden kann, indem man sich mit Verbrechern jeder Natur beschäftigt. Das Böse erfasst man allein über das Leid, das unschuldigen Menschen zugefügt wird. Gelingt es dem Romancier, dem Maler, dem Komponisten, dem Filmemacher, den Schauspielern, das Leiden wahrhaft zu erfassen und den Lesern, Betrachtern, Zuschauern und Zuhörern erfahrbar zu machen, dann wissen wir, was böse ist. Was interessieren uns die Verbrecher. Es ist Aufgabe der Justiz, Verbrecher zu erfassen und zu bestrafen, und zwar in aller Stille. Die mediale Vielbeschäftigung mit den Verbrechern ist eine Beleidigung des Schmerzes, ob man es wahrhaben will oder nicht, und wo der Schmerz beleidigt wird, löst sich die Geschichte auf.

Manches am Ende des Romans erinnert in seinen archaischen Momenten an das Bild der Blutrache, allerdings bleiben uns eben auch die Sätze des Vaters in Erinnerung, der vom Respekt vor dem Leben und von der Verantwortung des Überbringers des Todes spricht. Gewährst du dem Täter damit eine Form von Erlösung?

Im Roman gibt ein Kapitel mit der Überschrift »Der Monopoly-Spieler verlässt Afrika«. In diesem Kapitel diskutieren die nächtlichen Besucher eines Mailänders Cafés über einen rätselhaften Mord in der Nähe ihrer Stadt. Einem Menschen, von dem niemand in der Stadt weiß, wer er ist, wurde von einem unbekannten Mörder die Kehle durchgeschnitten, mit einem zurückgelassenen Messer, das eine winzige Scharte hat. Trotz unzureichender Informationen versucht jeder Besucher, eine nachvollziehbare Rekonstruktion des Mordes ins Gespräch zu bringen. Es geht um die spontanen Reaktionen der Zuhörer auf eine Nachricht in den Massenmedien. Jeder kann an einem Mord erkennen, was er empfindet und was er aus eigenen Erfahrungen hinzufügen kann. Ich wollte den Leser zu keiner Klärung des Vorgangs anspornen. Im Roman findet sich kein stichhaltiger Anhaltspunkt, um die dortige Äußerung des Monopoly-Spielers als Projektion oder als Bekenntnis zu verstehen.

 

»Der Engelfotograf – Eine Kindheit in Kalabrien« erschien im Folio-Verlag. Am 5. Februar von 11 bis 11:30 Uhr liest der Schauspieler Johannes Silberschneider das erste Kapitel aus dem Roman in der Sendung »Das offene Buch« im BR. Foto: Yves Noir Photographie
www.chiellino.eu

Thema:

Weitere Positionen

Julia bornefeld Kunstverein Augsburg
20. Juni 2017 - 19:16 | Bettina Kohlen

Der Kunstverein Augsburg gewährt einen Einblick in den dunkelzarten Kosmos der Künstlerin Julia Bornefeld.

Gertrud Nein Warzenschwein
20. Juni 2017 - 14:26 | Bettina Kohlen

Tierplastiken locken heutzutage nicht gerade den Hund hinterm Ofen hervor. Doch die Tiere der Gertrud Nein im Maximilianmuseum sollte man besuchen - unbedingt.

20. Juni 2017 - 10:41 | Dieter Ferdinand

Zum Jubiläum »500 Jahre Reformation«: Uraufführung der Friedensoper »Letzte Nacht« als Auftragswerk in der evangelisch-lutherischen Kirche St. Anna.

19. Juni 2017 - 14:34 | Martin Schmidt

19. Stadtbezirk, Planungsraum II, PLZ 86154, so called Oberhausen, Helmut-Haller-Platz: Spielort des Augsburger Musikfestivals »Sommer am Kiez – Fiesta de la Musica«.

14. Juni 2017 - 13:36 | Felicitas Neumann

Welche Rolle spielen die Römer für Augsburg? Eine Spurensuche in der Römerstadt.

8. Juni 2017 - 8:22 | Janina Kölbl

Eine Fahrradtour zu Augsburger Industriedenkmälern mit dem Autor Karl Fieger.

5. Juni 2017 - 8:34 | Dieter Ferdinand

Die israelitische Kultusgemeinde feiert in diesem Jahr das Jubiläum 100 Jahre Synagoge Augsburg.

2. Juni 2017 - 8:50 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Juni

31. Mai 2017 - 10:53 | Jürgen Kannler

Ein Interview mit André Bücker, dem neuen Intendanten am Theater Augsburg.

29. Mai 2017 - 10:50 | Jürgen Kannler

Zweiter Teil des Interviews mit Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel