Brecht versus Brecht

9. März 2017 - 8:02 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne als Brecht-Spezial

Dass ich Brechtfan bin, hat nicht nur etwas mit meiner Geburtsstadt zu tun, die ich mit Brecht teile. Den größten Ausschlag gab wohl meine schulische Bildung. Nach der Grundschule ging es auf die Realschule. Natürlich auf die Bert-Brecht-Realschule in der Innenstadt. Vor mehr als zehn Jahren hingen dort im Erdgeschoss Bilder von Brecht im Ledermantel, mit Zigarre im Mund und lässiger Pose. Das beeindruckte mich als Teenager. Aber erst der Deutschunterricht machte mich endgültig zum Fan. Mein erster Kontakt mit Brechts harten Dramen und coolen Songs wurden durch den Enthusiasmus meines Lehrers zum Ausgangspunkt einer tiefen Faszination und Würdigung von B.B. Tiefer Dank an dieser Stelle an meinen ehemaligen Deutschlehrer Johannes Kaiser.

Dass Brecht, wie ich, eine Leidenschaft für Film hatte, freut mich natürlich umso mehr. Inwiefern ihn diese Kunstform bewegt und auf sein Werk Einfluss genommen hat, können Sie am Samstag, den 11. März im Liliom erfahren. Ab 15 Uhr beleuchtet Filmforscher Dr. Norbert Aping im Rahmen des Brechtfestivals unter dem Titel »B.B. inspired by Chaplin« Charlie Chaplins Einfluss auf Bertolt Brecht. Wer lieber auf dem heimischen Sofa bleibt, könnte sich die nachfolgenden Vorschläge in den DVD-Player legen. Amüsieren Sie sich brechtig.

Baal, die Geschichte eines jungen Dichters, der sich mit seiner Kunst und Lebensweise über die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft hinwegsetzen will und sie regelrecht sprengt. 1969, die damaligen Stars des jungen deutschen Kinos machen sich im Hinterzimmer der Münchner Gaststätte Hackerhaus an die Verfilmung von Brechts Zündstoff »Baal« (1970). Rainer Werner Fassbinder vor und Volker Schlöndorff hinter der Kamera. Sie schufen mit dem bescheidenen Etat von 160.000 Mark die wohl radikalste Theaterverfilmung ihrer Zeit. Nicht wie damals noch üblich abgefilmtes Bühnenschauspiel, sondern mitten in München und der umgebenden Natur aufgenommen, überwiegend mit natürlichem Licht und einer Handkamera, die Dietrich Lohmann bediente. So radikal, dass Brechts Witwe Helene Weigel den Film nach seiner Erstausstrahlung in der ARD mit einem Vorführungs- und Ausstrahlungsverbot belegen lies. Mehr als 40 Jahre lang verstaubte Schlöndorffs vierter Film in den Archiven, bis die Brechttochter Barbara Brecht-Schall 2011 schließlich der Bitte der Rainer Werner Fassbinder Foundation nachgab und den Film freigab. Digital aufgearbeitet feierte er 2014 seine Wiederauferstehung auf der Berlinale und wurde im selben Jahr als DVD veröffentlicht.
Alan Clarks »Baal« (1982) für die BBC mit David Bowie in der Hauptrolle ist wieder eine ganze Spur konventioneller. Hauptsächlich in Totalen gefilmt und dunkel ausgeleuchtet wirkt der Film wie das genaue Gegenteil von Schlöndorffs Produktion, wie eine akademische Bühnenperformance. Herausragend sind lediglich Bowies Spiel und seine Interpretation von Brechts legendären Liedern.

Uwe Jansons »Baal« (2004) holt den Dichter zurück auf die Straße. Besser gesagt hievt er ihn auf die Bühne. Baal ist jetzt Punkmusiker. Frauenschwarm und Publikumsliebling Matthias Schweighöfer gibt Baal als rotzigen Prollkünstler. Zwar wird durch Musik, Licht und Schnitt der Rausch des baalschen Lebens spürbar, aber die Besessenheit der Figur geht anders als bei Fassbinders Interpretation verloren und löst sich bei Schweighöfer in teenagerhaftes Kokettieren auf.

Mit »Dogville« (2003) schuf Regielegende Lars von Trier einen radikalen Film ganz nach Brechts Vorbild. Auf der Flucht vor der Mafia landet Grace Mulligan (Nicole Kidman) in Dogville, einem abgelegenen Bergdorf mit nicht einmal 100 Einwohnern. Der dort ansässige Schriftsteller Tom Edison (Paul Bettany) überredet sie, sich erst einmal in Dogville zu verstecken. Er hofft, den anderen Einwohnern durch die Hilfsbedürftige einige überfällige Lektionen in Sachen Bürgerpflicht und über das Wesen der Gemeinschaft beizubringen. Widerwillig lässt sich Grace darauf ein. Was folgt, erfüllt nicht Toms Erwartungen, enthüllt aber viel vom Wesen der Gemeinschaft. Dogville ist zu einem großen Teil inspiriert von Brechts Ballade von der Seeräuber-Jenny aus der »Dreigroschenoper«. Im Gegensatz zu Schlöndorff und Janson entzieht von Trier das Geschehen der realen Umgebung und lässt es in minimalistisch ausgestatteten, theaterartigen Kulissen spielen. Doch die Kamera ist nicht starr, sondern wandert ganz filmtypisch zwischen den Kulissen hin und her und hat durch das Fehlen von Wänden eine Bewegungsfreiheit, die an Filmsets oder realen Schauplätzen niemals möglich wäre. Vom gesamten Cast hervorragend gespielt, zeigt »Dogville« die besten und die schlechtesten Seiten des menschlichen Seins. Eine brillante und brutale Antiillusion, die Brechts Vorstellung vom epischen Theater modernisiert und ihrem Schöpfer sicher Freude bereitet hätte.

Foto: Baal (R.W. Fassbinder) und seine geliebte Johanna (Irmgard Paulis) in Volker Schlöndorfs »Baal«. Foto: Weltkino/Volker Schlöndorff

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