Mit dem Blick eines Touristen

8. Juni 2017 - 8:22 | Janina Kölbl

Eine Fahrradtour zu Augsburger Industriedenkmälern mit dem Autor Karl Fieger.

Meist mit Schiebermütze und Fahrrad unterwegs, wirkt Karl Fieger für manche wie ein Exot. Es sind die kleinen Dinge, für die der ehemalige Geschichtslehrer schwärmt – schöne Ornamente, farbige Dächer oder blühender Flieder. Mit dem Blick eines Touristen fährt er seit Jahren durch die Stadt und hält Augsburger Bauten mit seiner Kamera fest. Daraus sind die beiden beim Wißner-Verlag erschienenen Bücher »Jugendstilzeit in Augsburg« und »Historismus in Augsburg« entstanden.

Die Ästhetik der eigenen Stadt findet häufig kaum Beachtung, so schön sie auch sein mag. Ganz anders ist das bei Fieger: Mit seinem geschulten Blick kennt er alles, was Augsburg an Architektur zu bieten hat. Der 74-Jährige, der im Stadtteil Oberhausen groß geworden ist, ist einer der wenigen, der über die Gebäude, ihre Fenster und Dächer sowie die kunsthistorischen Zusammenhänge Bescheid weiß.

Kaum im Ruhestand, fing der pensionierte Realschullehrer damit an, sein größtes Hobby – das Fotografieren – auszubauen. Aus der ursprünglichen Idee eines Fotokalenders über Oberhausen, der ein Geschenk werden sollte, wurde schnell mehr. Die Arbeit daran veranlasste Fieger dazu, immer weiter zu recherchieren. So erschien 2014 das erste seiner Bücher: »Jugendstilzeit in Augsburg«. »Ich habe mich schon immer für schöne Bauten interessiert«, erzählt er mir. »Am Anfang aber war es eigentlich nur der Flieder an den Haustüren, der mir gut gefallen hat. Ich liebe die Natur und war auch hier in der Region viel unterwegs. Wenn man älter wird, dann hat man aber wieder das Bedürfnis, sich mehr in der Stadt und unter Menschen aufzuhalten.« Der Fokus seiner Arbeit liegt auf der Verbindung der Natur mit der Schönheit von Gebäuden: »Das ist wichtiger als jede Kunsthistorie«, meint Fieger.

Ich möchte einen Teil von dem kennen lernen, was der Autor wohl schon zu Genüge gesehen hat: Bauten, die während der Industrialisierung errichtet wurden und eine Umnutzung erfahren haben. Natürlich sind wir nicht zu Fuß unterwegs, sondern mit dem Fahrrad – wie sollte es auch anders sein: Fieger legt seit Jahren alle Wege mit seinem Drahtesel zurück. Wir beginnen unsere Tour beim Gaswerk, wo wir uns vor dem grünen, schmiedeeisernen Tor verabredet haben.

Station 1: Gaswerk

Das ab 1912 erbaute Gaswerk ist wohl eines der wichtigsten Denkmäler der Augsburger Industriegeschichte und sorgte in den letzten Jahren immer wieder für Diskussionsstoff. Gerade findet der Umbau des alten Ofenhauses statt, das zur Übergangsspielstätte des Theaters wird. Die Bauarbeiten sind laut und wir können uns nur schwer unterhalten. Was das Gaswerk so besonders macht, frage ich Fieger. »Die Übergangszeit vom Historismus zur neuen Sachlichkeit hat hier deutlichen Spuren hinterlassen«, erklärt mir der Mann mit der Schiebermütze.

Davon zu sehen sind allerdings nur ein paar wenige Ornamente, wie zum Beispiel Eckverzierungen. Die Bauten haben es ihm jedoch sichtlich angetan, weil sie nicht so überladen sind wie neubarocke Gebäude, aber trotzdem nicht so nüchtern erscheinen wie die modernen Zweckbauten. Vor allem am Abend wirkt der Gaskessel fast dämonisch und ein wenig unheimlich. Wichtig ist Fieger die richtige Umnutzung des Bauwerks. Ein positives Beispiel sieht er bei den Gasometern in Wien-Simmering: Diese sind zu einem Kultur-, Wohn-, Geschäfts- und Einkaufszentrum geworden. Eine sinnvolle und zeitgemäße Nutzung historischer Bauten hat für den Autor höchste Relevanz: »Leerstehen lassen können wir sie nicht.«

Station 2: Kahnfahrt

Von Oberhausen aus geht es weiter gen Oblatter Wall. Genauer gesagt an die Kahnfahrt zum ehemaligen Stadtgraben. Sie wurde 1876 errichtet und ist seither in Familienbesitz. Auch war der Stadtgraben Dreh- und Angelpunkt für die wahnwitzige Idee des »Donauhafens« – eine Verbindung über den Lech und die Donau zum Schwarzen Meer, die vom Augsburger Architekten Karl Albert Gollwitzer 1898 ins Leben gerufen wurde. Wo einmal große Frachtschiffe anlegen sollten, sind heute allerdings nur kleine Ruderboote zu sehen. Wenn Gollwitzer seine Pläne umgesetzt hätte, dann wäre der Stadtgraben heute wohl eines unserer Industriedenkmäler geworden. Fieger stört das allerdings herzlich wenig, die Kahnfahrt selbst ist für ihn ein herrlicher Naturschauplatz, umgeben von den Resten der alten Wallanlagen.

Station 3: Textilviertel

Von singenden Vögeln und plätscherndem Wasser geht es zu den mächtigen Backsteinbauten des Textilviertels. Ab 1820 entwickelte sich Augsburg zu einem wichtigen Zentrum der Textil- und Metallindustrie. 1836 wurde die Augsburger Kammgarnspinnerei errichtet, 2010 eröffnete auf demselben Gelände das Staatliche Textil- und Industriemuseum (tim) zum Gedenken an diese für die Stadt prägende Zeit. Für Fieger ist das Museum ein Beispiel hervorragender Umnutzung, da es die Spinnerei und Weberei zeitgemäß wieder zum Leben erweckt.

Vom tim aus fahren wir zum Glaspalast, dem vierten Bau der früheren Mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg. »Hier ging es vor allem um das Licht für die Arbeitskräfte«, erklärt mir der Experte. Eine neue Bauweise fand Anklang, es wurden Elemente der antiken Kunst in das Gebäude integriert. Auch sind die drei Türme – Wasserturm, Staubturm und Aufzugsturm – eine architektonische Besonderheit. »Da die Textilindustrie in Augsburg spätestens ab Ende der 1980er-Jahre ihren Untergang fand, wurde die Frage der Umnutzung natürlich immer wichtiger«, so Fieger. Heute sind hier unter anderem die Galerie Noah, das Kunstmuseum Walter, das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst und die Staatsgalerie Moderne Kunst zu finden.

Station 4: Bahnpark

Unser letzter Halt ist der Bahnpark an der Firnhaberstraße zwischen dem Prinz-Karl-Viertel und der Messe. Das frühere Bahnbetriebswerk wurde 1906 als eine Art »Garage« für Lokomotiven angelegt. Bis ins Jahr 2000 hinein erledigte die Bahn hier bestimmte Reparaturarbeiten. Zurzeit befindet sich das Museumsprojekt Bahnpark Augsburg noch im Aufbau. Unter anderem werden hier bald wieder historische Lokomotiven im sogenannten Rundhaus Europa ausgestellt sein. Was Fieger am Bahnpark so begeistert? »Im Vergleich zu anderen Verkehrsmuseen wie in Nürnberg oder in München ist hier das Originalgelände erhalten. Außerdem habe ich einen großen Respekt vor den Konstrukteuren und den Leuten, die die Bahnen repariert haben.« Und sind wir einmal ehrlich: Es ist für jeden irgendwie grandios, neben so gigantischen Dampfloks zu stehen – ob man Eisenbahnfan ist oder nicht.

Mein Fazit: Ich habe auf unserer rund vierstündigen Radtour viel über Augsburg und seine Industriedenkmäler gelernt. Vor allem aber, dass man ab und zu mit dem Blick eines Touristen durch die eigene Stadt gehen sollte, um die Schönheiten der Architektur wirklich wahrzunehmen.

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfehlen wir die beiden Bücher von Karl Fieger: »Jugendstilzeit in Augsburg« und »Historismus in Augsburg«. Weitere Infos unter:
www.wissner.com

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