Faust mal anders

15. Oktober 2017 - 17:15 | Iacov Grinberg

Am Freitag, 13. Oktober, wurden die 13. (!) Klapps Puppenspieltage im abraxas eröffnet.

Ungeachtet dieser furchterregenden Kombination war der Saal am Abend, bei Eröffnung des Programms für Erwachsene, ganz gefüllt. Das ist nicht verwunderlich: Wir Erwachsene sind bei dieser Leckerei – Puppentheater – benachteiligt. In Augsburg gibt es außer der Augsburger Puppenkiste viele Puppentheater, doch sie arbeiten ausschließlich für Kinder. Auch wenn sie, wie das Mussong Theater mit Figuren, manchmal auf Veranstaltungen einige exzellente Nummern für Erwachsene zeigen, machen sie meist keine speziellen Aufführungen für die Großen. So bleibt also Klapps unser einziges Vergnügen.

Das Abendprogramm begann mit »Auf eigene FAUST oder: Kasper spielt Goethe« vom Hamburger Ambrella Figurentheater. Wenn man »Faust« hört, kommt gleich die Tragödie von Goethe ins Gedächtnis. Sie ist Klassik und ein unentbehrlicher Teil des Schulunterrichts, einige Zeilen sind längst zu Aphorismen geworden, auch außerhalb Deutschlands. Auch ich, der ein Schüler im Ausland war, erinnere mich seit der 8. Klasse an zwei Zeilen aus Faust:

Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung um ohne Wunsch zu sein

Deren tiefere Bedeutung habe ich natürlich erst viel später verstanden. Aber Goethe war nicht der erste, der über Dr. Faust erzählte. Seit dem 17. Jahrhundert war die Geschichte von einem Gelehrten, Alchemist und Magier, der seine ewige Seele dem Teufel verkauft hat, im Umlauf. Erzählt wurde sie natürlich ganz verschieden und oft als ein Puppentheaterstück gezeigt. Eine solche Aufführung war der Anstoß für Goethe, dann letztlich 36 Jahre an seiner berühmten Tragödie zu arbeiten.

Das Figurentheater Ambrella hat uns natürlich nicht die zwei Bände von Goethes Faust gezeigt. Es ist unmöglich, dieses gigantische Stück in zwei Stunden einzupferchen. Auch das Sujet war etwas anders: Der liebe Gott wettet nicht mit Mephisto, sondern mit Kasper um einen Kasten Bier. Und dieser Kasper ist eine ganz besondere, authentische Figur – die Handpuppe ist schon in der 7. Generation der Puppenspieler weitervererbt!

Das Stück kann man als ein Monospektakel betrachten, da die Schauspielerin und gleichzeitige Puppenspielerin Heike Klockmeier alle Figuren allein führt und für alle spricht. Das ist an sich selbst nicht einfach, aber mit Marionetten ist es besonders schwer: Man führt sie von oben und muss sich dabei vorwärts bücken, was die Stimme stört. Früher gab es daher bei Wanderpuppentheatern eine eigene Person, die mit lauter Stimme für alle Puppen sprach.

Außer klassischen Marionetten gibt es bei diesem Theaterstück auch Handpuppen, eine fantasievolle Stockpuppe als »Allsehendes Auge Gottes«, eine Figur auf hohen Stelzen, die das Gewissen verkörpert, und wunderbar gestaltete Figuren von Sorgen und Gottesdienern. Als etwas Besonderes zeigt die Künstlerin eine Marionette in Menschengröße – mit solchen Figuren führte man »Faust« seit anderthalb Jahrhunderten auf. Die Bühne sieht wie ein alter Schauspielwagen aus, das sparsame Requisit ist erfindungsreich benutzt: Ein Kasten auf der Bühne wandelt sich in Bank, Tisch oder Ofen. Die Schauspielerin zeigt sich mit ihrem Gesicht und mit einer Maske, der Text ist witzig und voll mit Anspielungen. Alles machte einen wunderbaren Eindruck.

Ich schreibe das nicht, um noch ein Mal ein Lob für das Theaterstück auszusprechen, ich habe das gleich nach der Aufführung schon getan. Der Saal war der gleichen Meinung, so lauten und langen Applaus hört man in Theater selten. Und nicht, um bei Ihnen Neidgefühl zu erwecken – was für ein schönes Stück, das in absehbarer Zeit in Augsburg kaum noch ein Mal aufgeführt wird, haben Sie da versäumt. Ich möchte Ihnen etwas anderes sagen: Dieses Stück war nur der Auftakt, und der hat die Latte sehr hoch gelegt. Klapps dauert noch an, Sie können vier verschiedene Puppentheaterstücke bis zum 22. Oktober bewundern. Versäumen Sie diese Möglichkeit nicht!

www.klapps.de

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