Fehlerfrei oder intelligent

24. August 2015 - 13:08 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der siebte Teil behandelt: Fehlerfrei oder intelligent.

Als Sprachlehrer habe ich es in meinem Berufsleben schwer gehabt, die Lernenden auf Fehler hinzuweisen, vor allem dann, wenn andere Dozenten sich eifrig über die objektive Vermessung von Fehlern unterhalten haben. Es gibt Fehler, die als ein Minuspunkt zählen, andere, die nur als halber Minuspunkt gelten dürfen, usw. Einmal kam eine Studentin in die Sprechstunde, um zu erfragen, nach welchem System ich die blauen und roten Fehler in ihrer Klausur bewertet habe. Sie war erstaunt, als ich ihr antwortete, dass ich nur an dem Risiko und der Intelligenz ihrer Sprache interessiert war, und die lassen sich nur erahnen, aber nicht nach einem Punktsystem bewerten. Sie hielt die Erklärung für ein Kompliment und verließ angesichts der guten Note höchst zufrieden den Raum.

Als ich selbst angefangen habe, Bücher zu veröffentlichen, und sie an meine deutschen Freunde und Gesprächspartner verschenkte, bekam ich eher Hinweise auf die von ihnen gefundenen Sprachfehler denn einen Kommentar über die Qualität meiner Anstrengungen. Das Arroganteste, das mir in meinem Fehlerlebenslauf begegnet ist, war die zweiseitige Liste eines deutschen Geschichtsprofessors an den C.H. Beck Verlag, die er mit der Empfehlung versehen hatte, das Buch einstampfen zu lassen. Der kluge Lektor, der von der Qualität der Arbeit überzeugt war, tröstete mich mit dem Hinweis, die Fehler, die wir bei der zweiten Auflage nicht erwischen, werden wir bei der dritten entdecken. Und so ist es gewesen, vielleicht!

Als ich damit begann, meine ersten deutschsprachigen Gedichte bei Lesungen vorzutragen, warnte ich die Zuhörer mit dem Satz, dass abgesehen von meinen Fehlern mein Deutsch perfekt sei. Sie haben immer herzlich gelacht, verstanden haben meinen Hinweis nur die Wenigsten. Nach der Warnung fiel es mir jedoch leichter, die Gedichte durch meinen Körper hörbar werden zu lassen. Bei der Einführung meiner Seminare habe ich den Anwesenden die Frage gestellt, wieso sie sich dafür entschieden haben, ein Seminar bei einem Dozenten zu besuchen, der kein fehlerfreies Deutsch spricht. Ihr Lachen half uns, die gegenseitige Verlegenheit zu überwinden. Nur in den letzten zehn Jahren als Dozent habe ich mir zugetraut, den Studenten deutlich zu machen, dass es Fehler gar nicht gibt.

Es gibt Informationen, die uns vorläufig fehlen, um zu erreichen, was wir vorhaben. In der Sprache allerdings geht es niemals darum, sie fehlerfrei zu sprechen, sondern intelligent. Wobei intelligent nichts anderes als verbindlich bedeutet, d.h., der Sprechschöpfer steht zu dem, was er von sich gibt, gerade weil er dieser Sprache sein Wesen anvertraut. Für Schriftsteller ist es keine leichte Kunst, eine intelligente Sprache zu schreiben, denn sie fördert von ihnen die größte Umsicht, gerade weil kein Schriftsteller intelligenter als die Summe seiner Leser sein kann.

In dem Werk »Eine verschlossene Sprache. Die Welt des Japanischen« von Suzuki Takao, Direktor des Forschungsinstituts für Sprache und Kultur an der Keiō-Universität in Tokio, habe ich endlich den Beweis gefunden, den ich vergeblich jahrelang woanders gesucht habe, und der lautet:

»In dieser Hinsicht war ich sehr beeindruckt von dem Vortrag des weltbekannten Linguisten Roman Jakobson, der vor kurzem Japan besuchte. Das Englisch, das aus dem Munde dieses großartigen Linguisten kam, war stark durchsetzt von dem Tonfall und der Aussprache seiner Muttersprache Russisch. Da er bereits mehr als dreißig Jahre in Amerika lebte, muß es vermutlich früher noch extremer gewesen sein. Auch grammatikalisch war sein Englisch, wie sich nach Abhören des Tonbandes feststellen ließ, recht fehlerhaft. Aber als ich seinem Vortrag lauschte, vergaß ich allmählich das anfängliche Befremden und die Verständnisschwierigkeiten und wurde vollkommen von dem hervorragenden Inhalt der Rede und seiner großen Menschlichkeit gefangengenommen. Als er Japan verließ, blieb uns ein unvergeßlicher Eindruck.« (S. 203)

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man eine Sprache fehlerfrei spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.

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