Feine Balance

27. Januar 2017 - 8:22 | Jürgen Kannler

Susanne Reng und Volker Stöhr leiten seit einem Jahr das Junge Theater Augsburg. Ein Interview

a3kultur: Seit Januar 2016 leitet ihr gemeinsam das Junge Theater Augsburg (JTA). Allerdings arbeitet ihr schon viele Jahre an diesem privaten Theater. Mit seiner Bühne im abraxas hat sich das Haus seit dem Ende der Neunzigerjahre einen guten Namen mit Kinder- und Jugendtheaterproduktionen erspielt, unterhält ein Theaterpädagogisches Zentrum (TPZ) und ist gerade in jüngster Zeit auch sehr erfolgreich mit seiner Bürgerbühne. Das hört sich nach viel Arbeit und einiger Verantwortung an. Wie verteilen sich im Alltag die Aufgaben zwischen euch beiden?

Susanne Reng: Wir sind beide seit über zehn Jahren beim JTA und haben uns tatsächlich sehr genau überlegt, ob die Leitung des Hauses in dieser Konstellation klappen kann. Volker ist im Wesentlichen für die Arbeit im TPZ zuständig, die Verantwortung für das Schauspiel in all seinen Formen liegt bei mir. Die Geschäfte führen wir gemeinsam. Es ist jede Menge zu besprechen, zu planen und zu organisieren. Der Reiz an diesem Job liegt darin, dass wir umsetzen können, was wir für richtig und wichtig halten. Vonseiten der Stadt gibt es inhaltlich wenig Vorgaben, wir sind natürlich verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Premieren, Aufführungen und Workshops zu machen. Die neu verhandelten Verträge spiegeln das wider, was uns am Herzen liegt, nämlich Kinder- und Jugendtheater, Theaterpädagogik und unsere Bürgerbühne zu machen.

Als Schauspielerin und Regisseurin genießt Susanne eine andere öffentliche Wahrnehmung als Volker, der sich der Theaterpädagogik verschrieben hat. Um was genau geht es bei deinen Projekten?

Volker Stöhr: Im Wesentlichen arbeite ich für und mit Schulen. Dabei stehen keine Leuchtturmprojekte im Mittelpunkt, sondern dauerhafte, in den Alltag integrierte Kreativ- und Präventivangebote zu allen möglichen Themen. Wir sprechen heute von 30 bis 40 Projekten jährlich. Als wir 2006 mit dieser Arbeit begonnen haben, hätte das niemand für möglich gehalten. Der Bedarf ist auch mit der Anzahl der Ganztagsschulangebote gewachsen. So organisieren wir mehrmals in der Woche Betreuungstermine durch Theaterpädagogen, arbeiten aber auch mit der Stadtbücherei, der Caritas oder bei verschiedenen Flüchtlingsprojekten mit. Diese Arbeit zeigt natürlich auch Spuren im Spielplan.

Das hat auf den ersten Blick recht wenig mit einem klassischen Verständnis von Jugendtheater zu tun. Wie ist das JTA in die Rolle hineingewachsen, solche Leistungen anbieten zu können?

Stöhr: Ich selber konnte mit Ende 20 erste Erfahrungen bei pädagogischen Aktionen sammeln. Ich habe später für das Spielwerk in Walkertshofen gearbeitet, vor allem in Projekten im Kontext Prävention. Da geht es meist um langfristige Projekte mit Jugendlichen, oft über Jahre hinweg, und das war immer wichtig für mich. Diese Zeitdimensionen erlauben es, Beziehungen aufzubauen, die in der klassischen Theaterarbeit nicht möglich sind. Im JTA fand ich dann eine Basis, um diese Arbeite weiter voranzutreiben.

Reng: Es gibt einige Punkte, wo sich unsere Arbeitsfelder berühren und im besten Fall auch ergänzen. Wir bieten im Schauspiel klassische Stücke, in denen Profis für ein junges Publikum spielen. Oft bearbeiten wir Bücher, die uns besonders gut gefallen. Zuletzt »Das kleine Engele« von Michael Moratti für Kinder ab 5 Jahren, demnächst »Das Traumfresserchen« von Michael Ende für Kinder ab 4 Jahren oder in 2015/16 »Der Boxer« für Jugendliche und Erwachsene in Kooperation mit dem Theater Augsburg. Wir entwickeln auch Produktionen ohne literarische Vorlagen, wie zum Beispiel »Rosa Parks«, das aus einer Schreibwerkstatt mit Schüler*innen entstanden ist. Bei den Produktionen unserer Bürgerbühne habe ich im Vorfeld Kontakt zu diversen Expert*innen unserer Stadtgesellschaft, die in Interviews befragt werden. Am Schluss steht dann eine Produktion mit 20 bis 30 Protagonist*innen, die zu sehr spezifischen Themen wie Glaube, Flucht oder Tod auf der Bühne stehen.  

Stöhr: Entscheidend sind natürlich auch die Netzwerke, die man sich im Lauf der Zeit hier aufgebaut hat. Man kennt Lehrer, Leute, die im Jugendschutz arbeiten, oder aus anderen Bereichen, und kommt im gemeinsamen Gespräch immer mal wieder auf Themen, derer man sich gerne annehmen würde, für die es aber keine oder nicht die passenden Angebote gibt. So entstehen dann unsere Projekte zum Thema Mobbing oder Radikalisierung.

In meiner Generation ging man, wenn man Glück hatte, an Weihnachten mit der Schulklasse ins Stadttheater und sah sich das Märchen an. Wie sieht eure Zusammenarbeit mit den Schulen aus?

Stöhr: Das kommt auf den Schultyp an. Früher waren die Gymnasien wichtige Kunden. Das hat sich mit der G8-Reform geändert. Die Kinder haben keine Zeit mehr fürs Theater. Diese Zusammenarbeit ist heute sehr viel schwieriger. Besser ist die Situation bei den Real- und Mittelschulen. Die dortigen Verantwortlichen wollen gerne etwas machen, sind auch flexibel, sehen sich allerdings einem riesengroßen Angebot gegenüber und wissen oft nicht genau, für welches Programm sie sich entscheiden sollen. Das fordert auch von uns sehr viel Informationsarbeit. In dem Bereich machen uns zudem die Etatkürzungen beim Programm »Schule plus« zu schaffen, das beim Bildungsreferat angedockt ist.

Reng: Ich bin in Hamburg aufgewachsen, und da war Theater schon zu meiner Zeit ein anerkanntes Schulfach, in dem ich Abitur machen konnte. In Bayern ist das nicht der Fall. Die Zusammenarbeit mit unseren Theaterpädagog*innen ist insofern für die Schulen von großer Bedeutung. Die Nachfrage nach mobilen Produktionen, die in den Schulen aufgeführt werden, wächst. Viele Bühnen versuchen, diesem Trend gerecht zu werden, und produzieren sogenannte schlanke Formate mit wenig Spieler*innen und unaufwendigem Bühnenbild. Die freie Augsburger Kinder- und Jugendtheaterszene ist darin spezialisiert und bestens aufgestellt.

Der Erfolg eurer Arbeit beruht nicht zuletzt auf einem gut gepflegten Netzwerk. Wie macht sich in dem Kontext ein Intendantenwechsel am größten Theater der Region bemerkbar, bei dem sich neben der Spitze ja auch die weiteren Führungsriegen, fast wie beim US-Präsidenten, bis in die dritte Ebene hinein verändern können?

Reng: Diese Brüche in der Organisations- und Besetzungsstruktur sind für die Betroffenen nicht immer angenehm, künstlerisch aber absolut nachvollziehbar. Am JTA arbeiten wir gerne mit Leuten zusammen, die wir schon länger kennen und schätzen. Das Theater Augsburg hat mit André Bücker einen Intendanten bekommen, der sich schon im Vorfeld seiner Amtszeit sehr intensiv mit der gesamten Theaterlandschaft Augsburgs auseinandersetzt, Kontakte knüpft und sein Netzwerk aufbaut. Das haben wir so noch nie erlebt. Wir freuen uns darüber und hoffen, mit dem neuen Team ebenso gut zusammenzuarbeiten wie mit dem Team, das Augsburg im Sommer verlässt.

Stöhr: Netzwerke bilden, genau so muss man heute arbeiten. Sich informieren, sich mit den Kolleg*innen und Auftraggebern austauschen, bei Veranstaltungen präsent sein.

Reng: Wir sind hier gut vernetzt, eben weil wir schon so viele Projekte mit diversen Partnern gemacht haben, die Leute kennen uns und unsere Überzeugungen. Aber die Welt verändert sich, und damit auch die Art, wie wir arbeiten und wie sich unsere Programme zusammensetzen. Gegenwärtig gibt es ein großes Bedürfnis nach Teilhabe. Wir nehmen das an, indem wir vermehrt Projekte im Rahmen unserer Bürgerbühne anbieten. Von Expert*innen des Alltags authentische Geschichten spielen zu lassen, verdichtet sich im besten Fall zu einer sehr direkten Qualität, einem sehr puren Theatermoment. Dass sie uns an ihren Geschichten teilhaben lassen, empfinde ich als Geschenk! Allerdings würde ich das Publikum nur ungern für einen Shakespeare zahlen lassen, der von Laien aufgeführt wird. Dafür haben wir ausgebildete Schauspieler, die beherrschen den Umgang mit fremder Sprache, Körper, Emotion und Raum definitiv besser.

Die Etats im Kulturbetrieb sind in der Regel recht eng, auch wenn euch gerade mitgeteilt wurde, dass ihr auf eine Aufstockung des städtischen Zuschusses für euer Haus hoffen dürft. Zahlreiche Projekte werden querfinanziert und kommen nur ins Rollen, weil Gelder aus verschiedenen Kassen dafür eingeworben werden konnten. Überlegt ihr euch gelegentlich, welche Theaterstoffe zu gerade verfügbaren Etats passen?

Reng: Nein, so arbeiten wir eigentlich nicht.

Stöhr: Anhand von »KRASS!«, einem unserer letzten Projekte, lässt sich ganz gut aufzeigen, wie wir arbeiten. Bei diesem Stück ging es zunächst um diverse extreme Lebensentwürfe und um die Frage, warum sich Jugendliche radikalisieren.

Reng: Von einer ganzen Reihe von Themen und Möglichkeiten der Radikalisierung, mit denen wir uns daraufhin beschäftigt haben, blieben die Aspekte Salafismus und rechte Gewalt übrig. Das sind die radikalen Szenen, zu denen sich derzeit viele Jugendliche hingezogen fühlen.

Stöhr: Erst viel später gingen dann diverse Türen für uns auf und es kam auch zu einer Zusammenarbeit mit dem bayerischen Sozialministerium.

Reng: Alle unsere Bürgerbühnen- und Präventionsprojekte sind drittmittelfinanziert.

Stöhr: Das verlangt eine feine Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben.

Reng: Unsere eigene Bühne ist klein. Dort spielen wir vor allem gerne Stücke für sehr junge Menschen. Wir haben nur 50 Plätze, die wir aus Überzeugung zu günstigen Preisen anbieten, damit niemand draußen bleiben muss. Aus diesem Grund muss unsere Theaterarbeit subventioniert werden, und ich finde, das ist ganz okay so.

Am 19. März feiert das Junge Theater die Premiere von »Das Traumfresserchen«. Das Familienstück nach dem Kinderbuchklassiker von Michael Ende ist für alle ab 4 Jahren geeignet. Unter dem Titel »Fromm und frei?!« arbeitet das JTA derzeit an einem interreligiösen Theaterstück zum Reformationsjahr 2017. Die Produktion hat die Freiheit des Glaubens zum Thema und wird von Bürgerinnen und Bürgern aus Augsburg und der Region entwickelt. Die Premiere findet im Rahmen des Friedensfestes statt. Den kompletten Spielplan finden Sie online unter:
www.jt-augsburg.de

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