Friedenskirche in der Friedensstadt

6. Februar 2017 - 8:38 | Martin Schmidt

Die Vorläufer der Mennoniten wurden 1528 als pazifistische »Wiedertäufer« aus der heutigen Friedensstadt vertrieben. 2017 tagt in Augsburg die Weltkonferenz der ältesten Freikirche.

Ketzer, Aufrührer, Rottengeister, Himmelsstürmer – viele Namen gab man den Mennoniten einst. Die Glaubensgemeinschaft, benannt nach dem niederländischen Täuferführer Menno Simmons (1496–1561), gilt als älteste Freikirche. Und wegen ihres Engagements für Frieden und Gewaltfreiheit als historische Friedenskirche. Die Bergpredigt, aus der die Mennoniten einen konsequenten Pazifismus ableiten, steht zentral in ihrem Glaubensverständnis. Weitere wichtige Inhalte sind die Gläubigentaufe in Abgrenzung zur Kindtaufe und das gelebte Priestertum aller Gläubigen. Geschichtlich eng verbunden sind die Mennoniten mit den Hutteren und den Amischen.

Seit 1926 gibt es die Augsburger Gemeinde, entstanden war sie 1912 in Donauwörth. Die Gemeinschaft zählt derzeit rund 40 Mitglieder. Das Einzugsgebiet reicht von Augsburg bis Heidenheim, Ichenhausen und Ellgau. Zu den monatlichen Gottesdiensten trifft sich ein harter Kern von 12 bis 20 Leuten. Die nächsten Mennonitengemeinden in der Region befinden sich in München, Aichach, Eichstock (Markt Indersdorf) und Ingolstadt. Die Altersstruktur hat einen starken Schwerpunkt zwischen 60 und 70 Jahren, das Zahlenverhältnis von Frauen und Männern ist ungefähr 50 zu 50. Die Community finanziert sich über freiwillige Beiträge und Kollekten, ihre Räumlichkeiten muss sie anmieten.

Bis Oktober 2016 traf man sich noch in den CVJM-Räumen in der Frauentorstraße. Nach 66 Jahren finden die Zusammenkünfte nun in Oberhausen in der Ulmer Straße 25 statt – der CVJM zog dorthin um, die Mennoniten mit. Im Hinterhof stehen nun schöne helle Räume zur Verfügung. Den Begriff des Pfarrers gibt es bei den Mennoniten nicht – sie lehnen autoritäre Strukturen ab und damit auch die eigentliche Wortbedeutung »Pfarr-Herr«. Stattdessen gibt es in Augsburg einen Leitungskreis mit einer Handvoll Leuten, zum Predigen braucht es keine theologische Ausbildung. Eine Besonderheit ist der Brunchgottesdienst im Café Neruda: Ab 11 Uhr werden hier mitgebrachte Speisen und Getränke geteilt, Musikinstrumente und Freunde dürfen mitgebracht werden, ab 12:30 Uhr wird auf Gottesdienst »umgeschaltet«. Auch einen zweimal im Monat stattfindenden theologischen »Menno«-Stammtisch im Neruda gibt es. Er dient auch als unkomplizierte Kontaktmöglichkeit nach außen für Interessierte und Neugierige.

Verfolgt und getötet

Vorläufer der Augsburger Mennonitengemeinde waren die »Wiedertäufer«, die als Gemeinde um 1526 in Augsburg auftauchten. 1527 soll es rund tausend Gläubige gegeben haben. Mit Billigung Martin Luthers wurden sie in der Reformationszeit verfolgt. So trägt die sogenannte Augsburger Märtyrersynode von 1527, ein überregionales Treffen süddeutscher, schweizerischer und österreichischer Täuferführer, ihren Namen deswegen, weil viele der Teilnehmer anschließend den Märtyrertod erlitten. Im Jahr darauf wurde am Hinteren Lech 2 eine Osterversammlung der Täufer gesprengt. 88 Menschen wurden verhaftet, die Hausherrin Susanna Daucher ausgewiesen, der Prediger Hans Leupold hingerichtet. Drei Personen wurde ein Kreuz in die Wangen gebrannt, einer Frau die Zunge herausgeschnitten. Eine von den Mennoniten initiierte Gedenktafel, 2013 an das Haus Ecke Schleifergässchen angebracht, erinnert daran. 1535 war die Täufergemeinde erloschen.

In der Confessio Augustana (1530), der zentralen lutherischen Bekenntnisschrift, auf die bis heute Pastoren ordiniert werden, werden die »Wiedertäufer« wegen ihrer Gewaltfreiheit, ihrer Leitung durch den Heiligen Geist und der Ablehnung der Kindtaufe »verdammt«. Die Mennoniten, selbst reformatorische Kirche, berufen sich geistlich und theologisch auf diese Bewegung. Im Jahr 2010 versöhnten sich in einem historischen Akt der Lutherische Weltbund und die Mennonitische Weltkonferenz. Die Rolle der Augsburger Mennoniten als Friedenskirche in der Friedensstadt scheint aber, auch im Reformationsjahr, noch nicht recht erkannt worden zu sein.

Weltkonferenz in Augsburg

Im Februar 2017 findet in Augsburg die Mennonitische Weltkonferenz (MWK) statt. Von Sonntag, 12., bis Sonntag, 19. Februar, tagen Delegierte aus fünf Kontinenten in der Fuggerstadt. Dabei wird das »Renewal 2027« gestartet, eine weltweite Dekade der Erinnerung und Erneuerung der Täuferbewegung, die 2027 auf 500 Jahre Bestehen zurückschauen kann. Versammlungsort ist das katholische Tagungshotel Haus St. Ulrich. Hier findet auch die öffentliche Eröffnungsveranstaltung statt: Am Sonntag, 12. Februar, von 9:30 bis 16:30 Uhr, werden Mennoniten aus aller Welt und ökumenische Gäste unter dem Titel »Erneuert durch Das Wort – Die Bibel lesen aus täuferischen Perspektiven« zusammenkommen.

www.mennonitengemeinde.de

Foto: Das Logo des »Renewal 2027«, einer Dekade der Erneuerung und zur Erinnerung an den Beginn der Täuferbewegung vor 500 Jahren.

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