Gesichter des Zorns

6. April 2017 - 8:35 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Kinokolumne im April

Zorn beschreibt ein starkes oder heftiges Gefühl, das negativ gegen etwas oder jemanden gerichtet ist. Er kann viele Gesichter haben. Zorn auf das Wetter oder weil man seinen Willen nicht bekommt. Zorn auf den Straßenbahnfahrer, weil dieser wieder einmal über die freche Bitte um eine Fahrkarte gemault hat, oder über die miserable Internetverbindung im Elternhaus, wenn man mal zu Besuch ist. Da lacht meine Mutter jetzt wahrscheinlich laut. Man kann über die jungen Leute in zerrissenen Jeans zornig sein, weil man ihr Youtube-Modestatement nicht versteht, oder auf Gott, weil ein Mann mit Hamsterfrisur jetzt US-Präsident ist. Was aber ist, wenn die jungen Leute zornig werden oder Gott vermeintlich einen irdischen Handlanger auserwählt, um seinem Ärger Luft zu machen? Das können Sie sich diesen Monat im Kino ansehen. Ob Sie sollten und, wenn ja, warum, lesen Sie hier:

Vanilla (Maria Dragus) möchte Gutes tun, scheitert aber bei der Polizeiprüfung. In logischer Konsequenz heuert Sie bei einer Sicherheitsfirma an. Als sie »Tiger Girl« (6. April, CinemaxX, Kinodreieck) begegnet, gerät ihr regelkonformes Leben völlig aus den Fugen. Tiger (Ella Rumpf) ist unberechenbar, eigensinnig, wagemutig, gewaltbereit und lullt Vanilla in ihre Welt ein. Die Frauen beginnen in Uniformen der Sicherheitsfirma Macht gegenüber vermeintlich schwächeren Mitbürgern auszuüben und zetteln Straßenschlachten an. Wie Kollege Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung schreibt, schwingt hier tatsächlich ein wenig die Erinnerung an einen braun gekleideten Schlägertrupp von vor 80 Jahren mit. Hier geht es jedoch nicht um die Unterdrückung eines Volkes, sondern um Emanzipation und provokantes Unangepasstsein im Hier und Jetzt. Manchmal überzogen wie ein Martial-Arts-Film, manchmal gnadenlos brutal oder weich und zärtlich inszeniert Jakob Lass seine fiktive Geschichte in einer dokumentarischen Umwelt. Wie schon in Lass’ »Love Steaks« wurde dieser Film von den Darstellern innerhalb grober Richtlinien größtenteils improvisiert. Das macht diesen Film frisch, spontan, spannend und unbedingt sehenswert.

»Birth of a Nation: Aufstand zur Freiheit« (13. April, CinemaxX, Kinodreieck) von Regisseur und Hauptdarsteller Nate Parker erzählt die Geschichte des amerikanischen Sklavenführers Nat Turner. Turner ist ein gebildeter Prediger, der als Sklave unter Plantagenbesitzer Samuel Turner (Armie Hammer) lebt. Der Sklavenhalter steht kurz vor dem Bankrott, als er ein Angebot erhält, das viel Geld verspricht: Die Fertigkeiten seines Untergebenen als Prediger sollen dazu missbraucht werden, widerspenstige Sklaven unter Kontrolle zu bekommen. Als Handlanger der Mächtigen wird er unzähligen Demütigungen ausgesetzt, bis er sich schließlich zum gottgewählten Führer der Unterdrückten aufschwingt. Er wird zum Anführer eines Aufstandes bei dem viel weißes und noch mehr schwarzes Blut fließen. Basierend auf der Biografie des realen Nat Turner inszeniert Nate Parker einen brutalen, ehrlichen, einen brutal ehrlichen Film über die Sklaverei. Bemerkenswert ist, dass er am Ende den Film von seinem historischen Kontext loslöst und in die Gegenwart transponiert. Getragen wird der Film dabei über seine zwei Stunden Länge von einem ausdrucksstarken Cast, der neben Parker und Hammer beispielsweise noch Aja Naomi King und Jackie Earle Haley umfasst.

Zu beachten ist, dass D.W. Griffith 1915 bereits einen gleichnamigen Film drehte. Griffiths Film, der zwar denselben historischen Hintergrund hat, erzählt jedoch die Geschichte zweier Familien auf beiden Seiten des amerikanischen Bürgerkriegs. Der circa dreistündige Zweiteiler gilt als einer der innovativsten Filme seiner Zeit. So enthält er etwa die ersten bei Nacht gefilmten Szenen, auch wurden Filmtechniken wie die Irisblende oder Parallelmontagen hier zum ersten Mal angewandt beziehungsweise perfektioniert. Dieser Film gilt jedoch auch als einer der kontroversesten der Hollywoodgeschichte. Der Inhalt ist massiv rassistisch und hat durch den großen Erfolg des Werks – bereits im ersten Jahr konnten eine Million Zuschauer verzeichnet werden – maßgeblich zur Neugründung des Ku-Klux-Klans durch den Methodistenprediger William Joseph Simmons beigetragen.

Foto: Mit Dekadenz und Gewalt kämpfen Vanilla (Maria Draus, links) und »Tiger Girl« (Ella Rumpf) gegen alle Konventionen.

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