Eine großartige Parodie

18. September 2017 - 10:27 | Geoffrey Abbott

Als viertes Konzert präsentierte mozart@augsburg »Bach und Überbach« in der Ev. St. Ulrichskirche.

Als Hauptprogrammpunkt war Arash Safaians Überbach zu hören. Festivalleiter Sebastian Knauers Aufnahme dieses bemerkenswerten Stücks (sehr empfehlenswert!) hat jetzt einen Echo-Klassik-Preis gewonnen.

Überbach ist eine großartige Parodie. Das heißt aber nicht, dass es witzig, sarkastisch oder übertrieben sein will. In der Musik, im Gegensatz zur Literatur, bedeutet Parodie nichts mehr als das Übernehmen von Material aus anderen Werken oder aus anderen Zusammenhängen. In der Renaissance war es eine übliche Kompositionstechnik und auch im Barock war es Gang und Gäbe. Sogar die Choräle der lutherschen Kirche, die so wichtig in Bachs Werk sind, gehen zum Teil auf ältere Volkslieder zurück. Insofern sind auch sie Parodien. Johann Sebastian Bach selbst parodierte nicht nur Konzerte von Vivaldi, sondern auch seine eigene Musik. 

Jetzt hat Arash Safaian (Foto, rechts) diese Technik in grandioser Weise auf die Musik des Meisters angewendet. Überbach ist ein mehrsätziges Werk für Streicher, Klavier und Vibraphon, bei dem »man Bach hört ohne Bach zu hören«. So kündigte Festivalleiter und Klaviersolist Sebastian Knauer (Foto, links) das Werk an und das trifft es genau.

Überbach ist wahrlich ein Klangerlebnis der Extraklasse. Arash Safaian hat es geschafft, Bachs Musik, ihre Tonalität, ihre Rhythmik, ihre Kraft, ihre Logik vollkommen in eine hoch moderne Form zu gießen. Man hat das Gefühl beim Hören, dass er sehr wenig in Bachs Notentext eingegriffen hat, dass Bach tatsächlich im Raum ist. Aber natürlich ist seine Arbeit eine Meisterleistung.

Arash Safaian nimmt Chor- und Arienmotive aus Kantaten, Stellen aus dem »Wohltemperierten Klavier«, Orgelwerke, Instrumentalstücke und Choräle, kombiniert sie kongenial und lässt sie von einem Instrumentarium erklingen, das einen Wohlklang zaubert. Das Streicherensemble (Deutsches Kammerorchester Berlin) spielte dynamisch und klar mit modernen Instrumenten, Sebastian Knauers Konzertflügel kraftvoll dazu (bravourös!). Die weichen, satten Klänge des Vibraphons (virtuos: Pascal Schumacher) ergänzten das fulminante Klangbild.

Überbach hat mich persönlich sehr erfreut und bewegt, denn Arash Safaian ist es gelungen, Bachs Musik von der Religion zu entkoppeln. Es mag sein, dass die Kirche meistens Bachs Auftraggeber war und die Religion seine Inspiration. Heute aber werden andere Leitbilder in der Welt verfolgt, während Bachs Musik zeitlos relevant bleibt. Dieses Stück gibt der modernen Welt Bach zurück. Das ist ein großer Wurf!

www.mozartaugsburg.com

Thema:

Weitere Positionen

19. Februar 2018 - 10:19 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere des Theatermonologs »Klavierkind« von Sebastian Seidel im Mozarthaus

14. Februar 2018 - 10:59 | Dieter Ferdinand

Die ehemalige Synagoge Kriegshaber zeigt bis zum 17. Juni die Ausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?«

Foto: a3kultur
14. Februar 2018 - 8:06 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 19.

12. Februar 2018 - 9:18 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere des neuen Ballettabends »Ballett? Rock It!« mit Choreografien von Riccardo De Nigris, Marguerite Donlon und Ricardo Fernando

8. Februar 2018 - 10:39 | Geoffrey Abbott

Das Theater Augsburg brachte Rufus Wainwrights erste Oper, »Prima Donna«, zur deutschen Erstaufführung im martini-Park.

5. Februar 2018 - 8:03 | Janina Kölbl

Freie Theater im Porträt: FaksTheater Augsburg

4. Februar 2018 - 21:11 | Iacov Grinberg

Im Münchener Haus der Kunst ist derzeit die Ausstellung »Procession« von Kiki Smith zu sehen.

3. Februar 2018 - 8:01 | Thomas Ferstl

Ein vielversprechender zweiter Monat des noch jungen Kinojahres 2018. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

1. Februar 2018 - 14:28 | Patrick Bellgardt

Sebastian Seidels »Lost in Transit« feierte seine Uraufführung in der neuen Studiobühne des Sensemble Theaters.

1. Februar 2018 - 11:50 | Jürgen Kannler

Dem Bezirk Schwaben steht in diesem Jahr ein Wechsel an der Spitze ins Haus. Bei ihrer traditionellen Pressekonferenz im Januar stellte die Institution ihr reiches Jahresprogramm Kultur für 2018 vor.