Das Hobos in der Ukraine

25. September 2017 - 9:30 | Gast

Leo Hopfinger, Tom Simonetti und Frank Nägele machen sich auf gen Osten. Für a3kultur berichtet die Band von ihrem Gastspiel beim Odessa Jazz Fest und dem Vinnytsia Jazz Fest.

Vorbereitungen

* Als uns vor rund einem halben Jahr die Anfrage erreichte, auf dem Odessa Jazz Fest (22. bis 24. September) in der Ukraine zu spielen, glaubte ich zunächst, es würde sich um einen moderne Art von Phishing-Mails handeln. Als wir aber vor drei Wochen dann die Flugtickets nebst einer Überweisung vom Auswärtigen Amt Kiew auf unserem Bandkonto einging, war klar: Es geht mit Das Hobos nach Odessa! Weitere Infos zum Festival gibt es unter: www.jazzinodessa.com (Tom)

* Eine Konzertreise in den Osten beginnt meist schon zu Hause mit einem Besuch beim Hauptzollamt Augsburg. Es empfiehlt sich ein Formular INF3 auszufüllen. Auf diesem sind alle Equipment-Teile aufgeführt. Der Zollbeamte zeigte sich sehr interessiert und hilfsbereit. Als wir alles wiegen, weiß ich nun auch, dass mein Equipment inklusive Becken 23 Kilogramm wiegt. Am liebsten würde ich meine Becken auch da lassen. Die Formulare sind eigentlich für die Wiedereinreise nach Deutschland gedacht. In der Ukraine können sie aber bei Zollformalitäten auch nützlich sein. Am Ende empfahl mir der freundliche Beamte den ukrainischen Kollegen immer nur ein Exemplar auszuhändigen und das zweite immer zu behalten. Zitat: »Da hört man immer die wildesten Sachen! Der Stempel ist denen am wichtigsten!« Okay, vielleicht sollte ich mir doch die Nummer der Hotline für Fälle mit korrupten Beamten notieren. (Tom)

* So, erste Probe am Freitag in Augsburg. Wir haben einen mäßig bis zufriedenstellenden Durchlauf  gespielt. Aber irgendwie fühlen wir uns auch etwas distanziert von dem, was wir so vor gut einem Jahr gespielt haben. Also erstmal essen und reflektieren. Okay, noch zweimal das Set durchspielen. Neue Videos importieren und die Übergänge zwischen den Stücken anschauen. Ich bin hier und da geplagt von Zweifeln. Fast vergessen wir eine Videonachricht zu filmen. Das wurde schon seit einer Woche fällig, aber da wir nur einen Probetag haben, müssen wir das auch noch unterbringen. Highlight des Abends war dann doch eine Stunde freie Improvisation nach dem Essen und einem Ouzo beim Nicos, unserem Griechen in Augsburg. (Tom)

* Im Gegensatz zu einem DJ-Gig im Ausland, der sich heutzutage auch mit einem USB-Stick bewältigen lässt, sind wir vor einige logistische Probleme gestellt. Wie verteilen wir das Eqipment? Wo muss noch Gepäck dazu gebucht werden? Kommendes Wochenende geht es wirklich los. Frank hat noch eine Dreistundenfahrt fahrt vor sich. Ich darf das Video noch etwas editieren. Als ich es sende, kommt gleich die Antwort: Odessa will auch ein Video! Oh man, Strafarbeit. Ich geh nochmal eine Stunde ins Studio, um das zu machen. (Tom)

* Video des Tages: www.youtube.com/watch?v=-pswC-Mz7u8&sns=em

* Die Dame bei Ukrain Air (Julia) war sehr nett, doch leider kommen wir nicht drum herum, Zusatzgepäck einzubuchen. Gitarren z.B. sind Übergröße und kosten extra. Wie machen das die anderen Bands? Mal wieder zieht das Musikerhandwerk die A.-Karte. Naja, was solls. Goethe zahlt.  Die zusätzliche Zigarrenbox Hobo guitar geht jetzt doch ins Handgepäck. Bis auf den letzten Zentimeter: 115 um genau zu sein. Das zugehörige Case muss da bleiben, zu groß. Wird auf jeden Fall einen super Eindruck machen, wenn ich auf dem Jazzfestival mit umgeschnalltem Besenstiel reinstolzier. Genial! (Leo)


Der Flug, Ankunft in Kiew

* Am Flughafen München stellen wir fest, dass es schon ein spannendes Gefühl ist, so als Band irgendwohin zu fliegen. Leo sagt, dass man das öfters machen sollte, damit es nicht so aufregend ist. Ich habe mich ja entschieden, die Becken zuhause zu lassen. So war ich gezwungen nach dem Check-In noch einmal den Zoll aufzusuchen. Da ist sie wieder, die deutsche Gründlichkeit, die mir in meiner tiefsten italienischen Seele  gegen den Strich geht. Manchmal finde ich sie sogar beängstigend. Beim Anstehen zum Zoll höre ich aus dem Glaskasten Stempelgeräusche. Ein Zeichen, dass es gleich wieder ein Stückchen weiter geht. Für den Vermerk bekomme ich sechs Stempel auf das Blatt. Alles kostenlos! Mission erfolgreich!  Das Boarding läuft. Wir sehen zu, wie gerade die Gitarrenkoffer verladen werden.

Geschäftigtes Treiben an der Maschine. Ich finde, Flugplätze haben irgendwie etwas von Sortieranlagen. So eine von Menschen geschaffene Maschine, die Menschen sortiert,  und am Ende durch eine Kanüle in Flugzeuge presst. Alles bestens organisiert. Faszinierend, oder? Funktioniert durch Gründlichkeit sicher richtig gut so eine Flughafen-Maschine.  Ich versuche, zu schlafen, aber nach einiger Zeit wecken mich heftige Turbulenzen. Ich denke, mir wird nicht das letzte mal holprig. Vorfreude und ein Hungergefühl, ausgelöst durch die Duftaromen der Bordküche, machen sich breit. (Tom)

* Die Landung war aber mal so richtig holprig. Der Kollege von der roten Zone des Zolls fragt uns, wo wir spielen. Als wir »Odessa Jazz Festival« sagen, schickt er uns in die total überfüllte grüne Zone. Warum? Ich glaube, Frank macht das skeptisch, kein offizielles Papier zu bekommen. Nach einigen Minuten werden an den uns musternden Zollbeamten durchgepresst. Es ist 19:30 Uhr plus eine Stunde Zeitumstellung. Am Ausgang empfängt uns ein freundlich wirkender Herr mit einem Schild »Das Hobos« in der Hand. Das ist Dimitry, so stand es in unserem Plan. Er ist unser »long distance manager«. Wir begrüßen ihn auf Englisch, er antwortet etwas gebrochen: »Ich spreche Deutsch«. Wir warten noch ein bisschen, da er noch irgendwas telefonisch organisiert. Er bittet uns, erstmal zusammen zu bleiben.  Dimitry macht einen netten ersten Eindruck.  Ein bisschen wirkt er wie ein Pastor mit seiner zurückhaltenden Art und seinem etwas steifen Gang. Als wir aus der Halle kommen herrscht ein unerwartet mildes Klima mit Herbstwind. Wir sind da! Dimitry führt uns zu unserem Shuttlebus. Er erklärt uns den Zeitplan für die nächsten 24 Stunden bevor wir in die Nacht starten. Noch ein paar Minuten Zeit zum Rauchen. Irgendwie wirkt Dimitry auf mich, als hätten wir Zeitdruck. Vier Stunden Fahrt sind geplant. Doch eine Pause für einen kleinen Snack werden wir machen. (Tom)


Fahrt durch die Nacht

* Wir fahren durch Kiew. Sehr moderne Wohngebiete mit vielen Hochhäusern. Am Rande der Straße ist viel los. Viele Menschen an Bushaltestellen, riesige bunte Werbetafeln am Straßenrand werben immer wieder für die üblichen Verdächtigen. Wir überqueren einen großen Fluss. Als ich auf dem Wasser ein nervös-blinkendes Partyschiff sehe, erinnere ich mich sofort an unsere Rhytm-Police-DJ-Nacht auf dem Partyboot in Ryazan damals. Ich glaube wir durchqueren einmal die Stadt. Sind wir nicht im Kreis gefahren?

Das hell erleuchtete und sehr belebte Kiew entlässt uns in die Nacht. Wir erfahren von Dimitry, dass Kiew eine drei Millionen Einwohner Stadt ist. Es ist inzwischen 20:30 Uhr.

Wir passieren Birkenwälder, dahinter Dunkelheit. Das einzige, das die Nacht durchbricht, sind Bushaltestellen oder alle paar Kilometer hell erleuchtete Tankstellen oder Shops. Durch die Glasscheiben einer nicht enden wollenden Schallschutzmauer erkennt man kleine Häuseransammlungen und Kioske, aber selten ist ein Gebäude beleuchtet. Es wirkt alles, als wäre es 5 Uhr morgens. Mit dem Unterschied, dass man immer wieder Fußgänger neben der Straße erkennt. Bestätigt wird dieser Anblick durch Fußgängerbrücken in allen möglichen Varianten, die die vierspurige Fahrbahn überqueren. Eine halbe Stunde später ist es nur noch dunkel, dafür lässt die holprige Straße noch keinen Schlaf zu. Wir kommen am Hotel in Vinnytsia an, inzwischen regnet es. Das Haus macht einen sehr feinen Eindruck, so im klassichen französischen Stil mit braun-weiß glänzendem Marmor und Stuck an den Decken. Zumindest diese Farben nehme ich noch war. Die alte Standuhr in der Lobby krächzt und schlägt 1 Uhr. Das war ein langer Tag. (Tom)

Vinnytsia Jazz Festival

*
Wir stehen um 11:30 Uhr in der Konzerthalle. Sie wirkt riesig. Dimitry wirkt angespannt, er erklärt uns den Tagesablauf. Ich frage, wo unsere Zugtickets für den Nachtzug nach Odessa sind. Wir stellen fest, dass das Festival nicht für den Transfer verantwortlich ist. Wir versuchen, jemanden in Odessa zu erreichen. In sende eine Mail an den Stage Manager. Der hat oft sehr schell geantwortet, als wir Kontakt hatten. Ganz nebenbei haben wir erfahren, dass Dimitry 29 Jahre alt ist. Wir hätten ihn wirklich älter geschätzt. Er kümmert sich wirklich gut um uns. (Tom)

* In der Konzerthalle werden wir Natalia und Oleg vorgestellt, sie werden für uns übersetzen und uns den ganzen Abend begleiten. Aufbau und Soundcheck läuft ganz gut, bis auf die Tatsache, dass die Videoprojektionen noch nicht aufgebaut werden können. Im Backstage wird uns vom Chefproduzenten nochmal der geänderte Plan erklärt: Das Konzert wird live im Fernsehen übertragen! Jetzt verstehe ich auch den Stress… Außerdem wird beim »change over« im Nebenraum ein Live-Interview mit einem Bandmitglied geführt. Der Ablauf muss also perfekt passen. Man sagt uns, es wird schon klappen. Wir schicken Leo vor für das Interview, die Stimme der Band. (Tom)

* Und jetzt das endgültige aus für die AV-Show. Keine Visuals. Das ist wirklich schade! Wir lassen die Sachen im Backstage stehen und spazieren eine Stunde mit Dmitri durch Vinnytsia. Die vielen Denkmäler der Stadt, die um den alten Wasserturm stehen, sind beeindruckend. Die kurioseste Geschichte ist, dass der Präsident eine Schokoladenmarke hält. Ich will auch eine Schokolade vom Präsidenten! Zum Mittagessen bekommen wir eine köstliche Gemüsesuppe. Zeit uns auszuruhen. Es ist schwer, zu entspannen. Aber gute Nachrichten per E-Mail: Alexej aus Odessa hat sich gemeldet. Wir sollen neue Zugfahrkarten an der Rezeption ausdrucken lassen. (Tom)

* Nun kommt der »change over«. Die Sprachbarriere stellt gerade bei technischen Fragen eine größere Hürde dar. Vielleicht ist es auch das ukrainische Temperament, das mir gerade zu schaffen macht. Unsere Dolmetscherin beteuert immer wieder, dass alles in Ordnung ist. Wir verlassen jetzt in dem Trubel trotzdem die Bühne, ohne alles aufgebaut zu haben. Die Stimmung kippt. Klar, der Druck beim Fernsehen in einer Live-Situation ist für alle Beteiligten hart. Vor allem, wenn Sprach- und Kommunikationsprobleme dazu kommen. Punkt 22 Uhr sollen wir auf die Bühne. Leo wird von drei Technikern und zwei Dolmetschern sowie der Festivalleitung belagert. Er soll das Interview führen. Und wir wissen, er kann nicht wirklich den Aufbau checken. (Tom)

* Der »change over« läuft wie in Trance. Als ich fertig bin, steht schon die Moderatorin auf der Bühne. Unser Song »Danzig« beginnt mit einem Loop. Das Publikum klatscht den Takt mit. Das Konzert beginnt... Nach und nach breiten sich die Signale von Leo und Frank im Raum aus. Die Szenerie verwandelt sich in einen surrealen Hobo-Trip, den wir im Nachhinein wirklich schwer beschreiben können. (Tom)

* Als das Konzert vorbei ist, stehen viele Besucher beim Applaus auf. Aus unserer Sicht haben wir wenig Connection gehabt. Jedenfalls haben wir polarisiert. Ganz sicher. Nach dem Konzert gibt es einen Pressetermin vor der Fotowand. Ist total unser Ding, schön freundlich zu sein. Fragen vom Fachpublikum und Journalisten. Der Höhepunkt: Eine Verlosung von LP’s, Singles und Kaffeegutscheinen. Zum Schluss ein Foto mit allen Gewinnern. (Tom)

* Als ich im Konzertsaal mein Zeug abbaue, bin ich alleine. Die Luft ist heiß und verbraucht. Wir sind da grade wirklich durchgegangen? Ja, und irgendwie war es Punk. Danke Vinnytsia für dieses Erlebnis. Und ein Danke an die Dolmetscher Natalia, Oleg und Dimitry! Es ist spät. Um 4:30 Uhr sollen wir in den Nachtzug nach Odessa. Unsere erste gemeinsame Fahrt im Night Train. (Tom)

* Das Telefon neben meinem Bett klingelt. Es ist Dimitry. Er sagt, der Fahrer will, dass wir um 3:40 Uhr unten sind. Ich schaue auf die Uhr. Ich hätte noch 22 Minuten schlafen können. In mir breitet sich Wut aus. 22 Minuten! Ich möchte schreien. Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich etwas kaputt machen möchte. Ich habe wirklich kein Verständnis für Gewalt und konnte bis zu diesem Moment den Mythos dieser »Gepflogenheit« diverser Jazzmusiker nicht verstehen. Ich will nur bisschen Schlaf. Verdammt! (Tom)


Auf nach Odessa

* In der Lobby sage ich zu Dimi, wie wir ihn inzwischen nennen, dass ich etwas sauer über seinen Anruf war. Seine Antwort: »Ich liebe meinen Job!« Wir warten auf den Bus, der uns zum Bahnhof bringt. 10 Minuten Fahrzeit. Als wir dort sind, haben wir noch 30 Minuten. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen in der Dunkelheit einige Männer herum. Dimi sagt, wir sollten besser noch etwas im Bus bleiben. Als wir zum Gleis kommen, rollt der Night Train schon ein. Ich habe den Fieldrecorder und das Gepäck. Wir müssen schnell laufen, da unser Wagen weit vor rollt. Der Zug ist ewig lang. Es riecht nach Kohle. Die Züge im Osten haben einen eigenartigen Geruch. Das liegt an dem Samowar-Ofen in jedem Wagen. In jedem Wagon gibt es einen Zugbegleiter, der beim Einsteigen das Ticket checkt. Wir verabschieden uns von Dimitry und steigen in den rostigen Zug. Drinnen Holz-Flair und warme Orangetöne. Das ist für ukrainische Verhältnisse die Luxusvariante. Es sind Zwei-Bett-Abteile in diesem Wagon. Ich finds gemütlich, es hat ein bisschen was vom Orient-Express... 15 Minuten später liege ich schon im Bett. Das schaukeln des Zugs und die eigenartige Soundkulisse nehme ich noch mit dem Fieldrecorder auf. Dann wiegt mich der Wagen schön in den Schlaf. (Tom)

* Nach rund fünf Stunden wache ich wieder auf. Ich fühle mich gut erholt. In Odessa angekommen, findet sich niemand, der uns abholt. Eventuell wurden wir aber auch übersehen, also warten wir am Ende des Gleises, da es ein Kopfbahnhof ist. Nach ein paar Minuten meldet sich Yulya, sie wird uns die nächsten 24 Stunden begleiten. Wir checken in ein modernes Designhotel ein. Gleich weiter zum Mittagessen. Ein erstes Licht am Horizont. Wir essen in der Optimistic Bar. Es gibt gutes, frisch gekochtes vegetarisches Essen. Meine Müdigkeit weicht der Vorfreude.  Nach dem Essen haben wir sogar noch eine Stunde Zeit. (Tom)

* Wir entscheiden uns für einen Spaziergang zum Hafen. Irgendwie ist fast jedes Haus in Odessa auf seine Art einzigartig. Wahnsinnig groß und die Architektur von vor hundert Jahren finde ich einfach umwerfend. Die Stadt wurde durch den Einfluss italienischer und französchischer Architektur erbaut. Ohne Katharina die Große gäbe es Odessa gar nicht. Die Sonne scheint. Um zum Hafen zu kommen, gehen wir 300 Treppen herunter. Natürlich bleibt dieser Ausflug  nicht folgenlos: Wir müssen uns inzwischen beeilen, dass wir pünklich zum »get in« da sind. (Tom)


Odessa Jazz Fest

* Wir betreten das Odessa Philharmonic Theater, das 1898 erbaut wurde. Ein riesiger Saal mit 910 Quadratmetern und einer 15 Meter hohen Decke. Das Gebäude, eingewachsen zwischen vielen anderen imposanten Bauwerken, fällt von außen fast gar nicht auf. Soviel zu den Dimensionen. In Odessa ist alles in die Jahre gekommen, und noch nicht kaputt renoviert worden. Ich finde, das ist genau der Charme im Osten. Alexej begrüßt uns freundlich. Er  fragt kurz, wie es gestern lief. Ich sage: »Lass uns bitte nicht darüber reden.« »Heute wird's besser«, erwidert er. Das Technik-Team macht einen jungen, engagierten Eindruck. Alles ist möglich. Ich höre öfter: »Wir sind hier um uns um Euch zu kümmern.« Ich sehe, wie der Mischer weit hinten im Saal beim Soundcheck mitwippt. (Tom)

* Noch ein Interview mit einer Journalistin. Yulya übersetzt, da sie gut Englisch kann. Irgendwie fasziniert die Journalisten die Geschichte von Das Hobos, vor allem die Aufnahmen neben den Bahngleisen. Einige glauben, wir würden in einem Güterwagon leben und dort Musik aufnehmen. Wir sind tatsächlich am Gleiskörper gewesen, und das hat so eine Stimmung erzeugt. Das Hobos-Gefühl. Von der Hand in den Mund leben, nicht viel brauchen, dadurch vielleicht freier sein. Und was hat das nun mit Jazz zu tun? Das fragen wir uns auch. Bestimmt seid wir gebucht wurden. Ein Satz aus Leos Antwort bieb hängen: »Es hat vielleicht sogar gar nichts mit Musik zu tun... Wir sind vielleicht gar keine Musiker?« Das finde ich schon abschließend auf den Punkt gebracht. Danach machen wir uns daran, unsere Playlist zu kürzen, da nur 45 Minuten angesetzt sind. Wir werden nach dem »get in« auf der Bühne eingewiesen. Vor uns spielt das Wladimir Tarassow Trio. Sein Avantgarde Jazz ist sicher herausfordernd für manche Hörer. Vladimir war gestern schon in Vinnytisa dabei. Er ist sehr sympathisch. Immer mit diesem Lächeln in den Mundwinkeln. (Tom)

* Okay, wir warten zehn Minuten vor dem Aufbau im Backstage. Eine letzte Einweisung durch den Stage Manager und dann geht es hoch. Der Umbau läuft perfekt. Am Ende warten wir am Bühenenrand, der Saal füllt sich. Das Odessa Philharmonic Theater ist am Ende mit gut 1.000 Menschen gefüllt. Alles bestuhlt. Wir starten pünktlich. Wir entscheiden uns gegen fertige Songs, für mehr Improvisation mit der Hobo-King-Gitarre. Das Konzert läuft gut. Wir fühlen uns musikalisch connected. Die Aufregung ist gewichen. Sie war in Odessa komischerweise nie wirklich präsent. Wir fühlen uns einfach gut aufgehoben. Die kurze Playlist mit freien Improvisationseinlagen bewähren sich. Der letzte Song ist heute »whitelines«. Heute können wir ihn spielen. Gestern war die TV-Übertragung schon vorbei, bevor wir fertig waren. Wir verlassen die Bühne. Es ist ziemlich hektisch. Viele haben Fragen oder klopfen uns auf die Schulter. Mich überfordern solche Situation eher. Natürlich darf ein Foto vor der Fotowand mit den Offiziellen nicht fehlen. Worte der Dankbarkeit von allen Seiten. Bei der Jazzsession beim Dinner ist es uns zu laut. Wir sind müde und die Möglichkeit, Schlaf zu bekommen, wird immer weniger. Nachdem alles Equipment wieder im Hotel ist, entscheiden wir uns für ein Bier in eine ruhigeren Bar und verlassen das laute Treiben der Jazzsession. Die Veranstalter feiern heute den Abschluss und den Erfolg des Festivals. Ich rechne die Zeit, die ich zum Schlafen bekomme. Wecker stellen. Um 5 Uhr geht es mit dem Shuttle zum Flugplatz und dann über einen Zwischenstopp in Kiew nach München. Andrej holt uns mit dem Bus ab. Er hat durchgemacht und sagt, wir feiern noch. (Tom)

* Vielen Dank an das Goethe Institut bzw. das Bavarian House Odessa, die dieses Konzert ermöglicht haben. Danke an alle, die uns in dieser Zeit begleitet haben. Unser Dank gilt besonders auch Patrick Bellgardt von a3kultur, der unser Handygetippe in lesbare Sätze übersetzt hat.


Das Hobos sind Leo Hopfinger (Gesang, Gitarre, Mundharmonika), Tom Simonetti (Schlagzeug & Elektronik) und Frank Nägele (Gitarre, Gitarrensynthesizer, Bass). Im Rahmen der neuen a3kultur-Serie »Gastspiel« berichteten sie von ihrem Ukraine-Trip. Mehr zur Band unter:

www.facebook.com/dashobos/
https://dashobos.bandcamp.com
https://soundcloud.com/dashobos

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