Identität oder Lebensprojekt

chiellino
16. März 2015 - 8:00 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der zweite Teil behandelt: »Identität oder Lebensprojekt«.

Es liegt nahe, sich Auswanderer und Flüchtlinge als Menschen auf der Flucht vor Armut, Kriegen oder Epidemien vorzustellen. Die Sozialwissenschaften mit ihren erprobten Erklärungsmodellen haben eine derartige Vorstellung so fest untermauert, dass selbst Auswanderer und Flüchtlinge große Schwierigkeiten haben, sich anders zu verstehen.
Denn was passiert mit Einwanderern, sobald sie das Land erreichen, das sie unter interstaatlich ausgehandelten Bedingungen aufnimmt? Ihnen wird ein Wahrnehmungsmuster ihrer selbst angeboten, um sich neu zu verstehen. Es wird ihnen nahe gelegt, sich zu den ungelernten Arbeitskräften im Lande zu zählen, bloß weil das Land ungelernte, das heißt: billige Arbeitskräfte braucht, die einfache Arbeitsvorgänge ohne Sprachkenntnisse erledigen können.

Später wird den Einwanderern mitgeteilt, sie seien entwurzelt und ihre Identität auf Grund der kulturellen Unterschiede zwischen dem Herkunfts- und Gastland sei gefährdet. So entdecken Einwanderer, dass sie eine Identität besitzen, die früh oder später in Krise geraten wird.
Daran haben sie bis zu ihrer Ankunft im Gastland nicht gedacht. Sie haben sich zur Auswanderung entschieden, nachdem sie festgestellt haben, dass ihr Lebensprojekt an ihrem Geburtsort nicht zu verwirklichen ist. Anders gesagt, sie haben gespürt, dass sie woanders hin gehen müssen, um ihre Fähigkeiten und Kompetenzen anwenden zu können. So gesehen sind Auswanderer und Flüchtlinge Menschen, die ihr Lebensprojekt am Geburtsort gefährdet sehen und sich einen neuen Ort aussuchen, wo sie es umsetzen können.

Aber was geschieht, wenn sie den ausgewählten Ort erreicht haben? Sie stellen fest, dass ihr Lebensprojekt unter anderen Voraussetzungen entstanden ist und dass sie nun seine Umsetzbarkeit überprüfen müssen. Soll diese bittere, jedoch unvermeidbare Erfahrung der Auslöser der Identitätskrise sein, die Experten jeder Fachrichtung bei den Einwanderern sehr früh entdeckt haben?

Im Gespräch mit Freunden und im Lauf meiner Unterrichtsjahre als Dozent für interkulturelle Literatur bin ich immer wieder mit der so genannten Identitätskrise der Einwanderer konfrontiert worden. Mein Kommentar hierzu lautete: „Da die Zukunft nicht für alle ausreicht, erhalten Einwanderer und Flüchtlinge eine Identitätskrise als vorgezogene Entschädigung." Es folgte der Hinweis, dass Einwanderer und Flüchtlinge Menschen sind, die ihren Geburtsort mit einem Lebensprojekt verlassen, um die eigene Kompetenzen und Fähigkeiten woanders zu erproben.

Als Beweis habe ich Freunde und Studierende darauf hingewiesen, dass man bei der Untersuchung der Auswanderung in einer beliebiger Ortschaft aus dem Mittelmeerraum, in der die sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse durch keine großen Gefälle geprägt sich, zu folgendem Ergebnis kommt: Aus der gesamten Ortschaft, das heißt unter denselben Bedingungen, wandern einige Einwohner aus, andere nicht. Das gilt auch für jedes beliebige Viertel, jede Gasse und jedes Haus.

Wer auswandert, trifft eine Entscheidung genau so wie derjenige, der nicht auswandert. Sie tun es nicht aus unterschiedlichen Gründen, sondern sie schätzen die Bedingungen, unter welchen sie ihr Leben leben können oder wollen, anders ein. Natürlich riskieren Auswanderer, dass ihr Lebensprojekt ins Stoppen gerät, weil sie die Lebensbedingungen in dem Land nicht kennen, in dem sie es verwirklichen wollen.

Daraus eine Identitätskrise ableiten zu wollen, ist weder richtig noch gut. Hilfreich wäre es, vom Lebensprojekt auszugehen, damit Einwanderer und Flüchtlinge sich selbst anders als bisher verstehen können: vor allem nicht nur als defizitär.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht deshalb, weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.

Die Kolumne erscheint im Original online in der Kultur- und Literaturzeitschrift www.interessen.org. »Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

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