Im Frieden begonnen, im Krieg eingeweiht

5. Juni 2017 - 8:34 | Dieter Ferdinand

Die israelitische Kultusgemeinde feiert in diesem Jahr das Jubiläum 100 Jahre Synagoge Augsburg.

Ehe die Römer 15 v.Chr. die Stadt zwischen Lech und Wertach gründeten, lebten dort bereits Juden. »Die Zeiten der Verfolgung, der Rückkehr und des friedlichen Lebens wechselten sich mit hartnäckiger Regelmäßigkeit ab«, schreibt Alexander Mazo, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben, in der Gemeindezeitung vom April 2017. Der erste 1212 urkundlich erwähnte Jude nannte sich »Joseph aus Augsburg«. 1348 wurden auch die Augsburger Juden als Brunnenvergifter denunziert und fast alle erschlagen.

1355 zählte man wieder 18 jüdische Familien. 1434 befahl der Rat der Stadt seinen jüdischen Mitbürger*innen das Tragen eines gelben Rings als Judenzeichen. 1438 folgte ein einstimmiger Beschluss, sie aus der Stadt zu vertreiben. Sie emigrierten in das vor den westlichen Toren Augsburgs gelegene kaiserlich-habsburgische Vorderösterreich. Eine Station war Kriegshaber. Zunächst trafen sie sich in Betstuben. 1627 wurde ein israelitischer Friedhof angelegt, 1720 eine Synagoge eingeweiht. 1861 lebten wieder rund 50 Juden in Augsburg. 1867 legten sie in der heutigen Haunstetter Straße einen jüdischen Friedhof an. 1911 wurden Fritz Landauer und Heinrich Lömpel beauftragt, ein größeres Gotteshaus in der Halderstraße zu planen. Die Grundsteinlegung fand am 30. April 1914 statt, drei Monate vor Kriegsbeginn.

Am 4. April 1917 folgte die Einweihung der Großen Synagoge mit Ansprachen und einer Festpredigt von Rabbiner Dr. Richard Grünfeld. Lob erfuhren vor allem der an den orientalischen Stil erinnernde Bau und das prachtvolle Innere mit der 29 Meter hohen Kuppel und den Reliefs mit Tora und Gesetzestafeln. Über den bayerischen König Ludwig III. sagte Dr. Grünfeld: »Treu steht er zu Kaiser und Vaterland, und keinen Augenblick hat er gezögert, seine wackeren Truppen hinauszusenden zum Kampfe gegen den gemeinsamen Feind.« Den Abschluss bildete die Bitte: »Ach Herr, segne unser Volk mit Sieg und Frieden!« Nach dem Ersten Weltkrieg wurden auch viele politisch engagierte Jüdinnen und Juden ermordet. 1930 besuchte Martin Buber die Synagoge. Er schuf in Zusammenarbeit mit Franz Rosenzweig eine sprachschöpferisch geniale Verdeutschung der Schrift (Altes Testament).

Im April 1933 begann der Boykott jüdischer Geschäfte, später musste der Judenstern getragen werden. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde gegen 3 Uhr in der Synagoge Feuer gelegt. Wegen der gegenüberliegenden Tankstelle rückte die Feuerwehr an und löschte, weil sie einen Großbrand befürchtete. Das Innere wurde weitgehend zerstört. In das geschändete Gotteshaus wiesen die Nationalsozialisten von November 1941 bis Kriegsende jüdische Menschen ein, die von dort in die Konzentrationslager im Osten deportiert wurden. Den Holocaust überlebten 25 aus Augsburg stammende Juden, in ganz Schwaben waren es 1933 noch 2.400.

Nach seiner Befreiung aus dem KZ 1945 setzte sich Senator Julius Spokojny als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben für die Restaurierung der Großen Synagoge ein. 1963 wurde im Gemeindehaus in der Halderstraße eine kleine Synagoge eingeweiht. Die Tora-Rollen waren geschändet worden, sie wurden neu geschrieben. Die Orgel, Zeichen eines liberalen Kultus, war wegen Geldmangels 1941 an die katholische Kirche in Weßling verkauft worden.

Am 1. September 1985 wurde die Große Synagoge wieder eingeweiht. Wegen der kleinen Mitgliederzahl war ein neues, in dieser Form in Deutschland erstmaliges Konzept erarbeitet worden. An den Feiertagen sollte die Synagoge der Kultusgemeinde zu Gottesdiensten und besonderen Feiern sowie Gedenktagen zur Verfügung stehen. Sie war als Hauptexponat eines Museums vorgesehen, »das unseren Mitmenschen die Kultur der jüdischen Religion näher bringen soll. Museum und Synagoge stehen für die gesamte Bevölkerung des In- und Auslands offen, wobei wir uns besonders wünschen, dass sich die Jugend aller Völker in aufgeschlossenem Verstehen für Kultur und Religion der Juden interessieren möge«, erläuterte Julius Spokojny in seiner Eröffnungsrede.

Die erste Vergrößerung der Gemeinde auf rund 250 Mitglieder erfolgte durch die Einwanderung von Juden aus Polen. Unter ihnen befand sich der 2011 verstorbene Augsburger Ehrenbürger Mietek Pemper, der als Zeitzeuge unermüdlich tätig war. Seit 1990 wanderten rund 1.200 jüdische Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion ein. »Immer öfter wurden nun in der Großen Synagoge religiöse Feste gefeiert sowie angemessene kulturelle Großveranstaltungen abgehalten. Die Synagoge war wieder in der Stadt angekommen und angenommen. Dadurch entwickelte sich auch das Museum immer mehr zu einer Stätte der Bildung in Sachen jüdischen Lebens und jüdischer Bräuche«, schrieb Rabbiner Dr. Henry Brandt 2010 in der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben und der Wiedereinweihung der Großen Synagoge.

Die Gemeinde stand zunächst vor einem Sprachproblem, das durch Kurse und menschliche Betreuung gemildert wurde. Seit April 2005 ist Alexander Mazo Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben. Er war im April 2003 aus Usbekistan eingewandert. Es standen wichtige Aufgaben an. Die Finanzen wurden saniert, eine sechstägige mehrsprachige Kinderbetreuung– Sonntags­schule – aufgebaut. Als Vermittler ist Mazo vielfältig engagiert, auch innerhalb der Gemeinde.

Die Musik führte ebenfalls zusammen. So wirkten in der Gruppe Schtetele Jüdinnen und Juden zusammen, die schon länger in Augsburg lebten, und solche, die aus Osteuropa eingewandert waren. Ebenfalls gemischt besetzt ist die wesentlich professioneller und vielfältiger musizierende Gruppe Feygele mit einer herausragenden Sängerin und sehr guten Instrumentalist*innen.

»Wir sind Dialogpartner«, so kennzeichnet Alexander Mazo das Verhältnis zum Jüdischen Kulturmuseum. Dieses führt viele Ausstellungen durch und geht in ausgewählten Beispielen den Lebensläufen jüdischer Menschen aus Augsburg nach. Dazu wurde von Museumsleiterin Dr. Benigna Schönhagen 2002 die Reihe »Lebenslinien – Deutsch-jüdische Familiengeschichten« eingerichtet.

Sie gestaltete 2006 das Museum neu. Sehr informativ sind die Schubladen und Vitrinen mit unzähligen Dokumenten. Hörstationen erläutern die Geschichte ganzer Familien durch die Zeiten. Eindrucksvolle historische Kultgegenstände sind zu sehen. Auch an Kinder ist gedacht, für sie stehen eigene Führungslinien bereit. Immer mehr Schulklassen besuchen das Museum. 2010 bedankte sich Frau Dr. Benigna Schönhagen bei Alexander Mazo »für das respektvolle Miteinander« zwischen Kultusgemeinde und Museum. 2014 wurde die restaurierte Synagoge Kriegshaber als Zweigstelle des Museums eröffnet. Inzwischen steht auch ein Multimedia-Guide für einen Rundgang durch das jüdische Kriegshaber zur Verfügung.

Viele Aufgaben stehen nach Auskunft von Alexander Mazo weiterhin oder neu an. Die Gemeinde, die am 4. Mai 2017 1.370 Mitglieder zählte, ist beim Runden Tisch der Religionen vertreten. Ganz dringend ist die Generalsanierung der Synagoge. Auch sucht die Gemeinde nach einer Fläche für einen neuen Friedhof.

»Als im Sommer 2014 die Demonstranten auf dem Rathausplatz ›Juden in die Gaskammer‹ schrien, wurde leider deutlich, dass die Vergangenheit und die Gegenwart koexistieren, dass die Pforten der Vergangenheit genauso wie die der Zukunft nicht zu verschließen sind«, gibt Mazo seiner Sorge Ausdruck und denkt heute an NPD und AfD. Befragt nach seinem größten Wunsch sagt er: »Dass unsere Kinder und Enkel nie erfahren, was es bedeutet, Krieg und Verfolgung zu erleben.«

Die israelitische Kultusgemeinde veranstaltet am 28. Juni 2017 einen Festakt, der den Höhepunkt des Jubiläums »100 Jahre Große Synagoge Augsburg« darstellt. In einem Grußwort dazu schreibt Dr. Henry Brandt, Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg und Ehrenbürger der Stadt, die Erbauer der Synagoge »machten uns vor, wie man zugleich die sich immer weiter entwickelnden Grundsätze der Tora verbinden kann mit einem erfüllten und weltoffenen Leben in der Zivilgesellschaft.« Der Blick der Gemeindemitglieder »war stets nach vorn gerichtet«.

www.jkmas.de
www.ikg-augsburg.com

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