Jazz ist angerichtet

4. Januar 2017 - 9:40 | Martin Schmidt

Saxofon, Akkordeon und Cello: Der Januar ist Jazz und Angejazztes und schneit als Gala-Abend oder Konzert, in klassisch, modern oder im kulturellen Crossover ins Ohr.

Liebe Jazzistas, liebe Jazzisten, der Monat Januar – kühl, kühn und bleich wie Chet Bakers Nasenspitze – ist heuer ein Neujahrsstart in Jazz. Als wolle man den erst kommenden 25. Augsburger Jazzsommer 2017 (17. Juli bis 13. August) vorwegnehmen, widmen sich winters die verschiedensten Locations der energetischen Freiformmusik – vom Sensemble Theater und dem Mephisto-Kino über das Kulturhaus abraxas mit Reesegarden bis natürlich hin zum Jazzclub.

Den Paukenschlag im Monat Jazzuar macht im Kulturhaus abraxas der Jazz-Gala-Abend »S-Live in der Kiste: 15 Jahre – 150 Konzerte«. Seit 2002 finden im Foyer der Augsburger Puppenkiste Konzerte von nationalem und internationalem Spitzenrang statt, zunächst unter dem Motto »Jazz in der Kiste« und seit 2007 als »S-Live in der Kiste«. Das nun 150. Konzert wird im 15. Veranstaltungsjahr im Theater des abraxas begangen. Am Samstag, 21. Januar (19:30 Uhr), versammelt sich dort mit vielen einstigen Gästen auch die Crème de la Crème der Augsburger Jazz-Szene. Zugesagt haben illustre Protagonisten wie arTrio & friends, Walter Bittner, Café Arrabbiata, Daniel Eberhard, Uli Fiedler, Agnieszka Hekiert, Uli Hoffmeier, Stephan Holstein, Harry Kulzer, Más que Tango, Mojo Six, Helmut Nieberle, Trio Quijote, Trio Zahg und  Karin Zimny. Partners in Crème und Partners in Crime!

Zum Thema Puppenkiste passt hier noch die Vollblutmusikerin Susanne Ortner. Die aus Meitingen stammende, inzwischen im amerikanischen Pittsburgh lebende Klarinettistin und Sopransaxofonistin steuerte die Musik zum 2016er-Kinofilm »Die Weihnachtsgeschichte« der Augsburger Puppenkiste bei. Am Mittwoch, 11. Januar (19:30 Uhr), spielt sie zusammen mit dem Belgier Tcha Limberger am spannenden Auftrittsort Mephisto-Kino. Ortner ist bekannt für ihr Klarinettenspiel im Klezmer, erforscht aber immer wieder ihre Jazz-Wurzeln. Der blinde Gitarrist, Sänger sowie Geigen- und Tárogatóspieler Limberger wird mit Ortner ein breites, virtuoses Repertoire aus Eigen- und Fremdkompositionen präsentieren – von Manouche über New Orleans Groove bis Jelly Roll Morton Rags.

Und noch mehr Jazz? Es ist nicht zu fassen. Als der Kolumnist im Teenageralter war, war ihm Jazz eine von vollbärtigen, Cordhosen tragenden Erdkundelehrern gehörte Rätselmusik. Später dann, in den rebellischen Jahren um die 20, war ihm das Genre eine unverbindliche Hi-Bro-Musik für Akademiker mit Tagesfreizeit. Erst spät wurde der Kolumnist weise und erkannte, dass es sich bei Jazz um die unmittelbarste Annäherung von Musik an Energie, Klang und Freiheit handelt und, gespielt im Ensemble, mithin Demokratie, Mut und Kommunikation in Reinkultur ist. Und damit sind wir schon beim Verein »Jazzclub Augsburg« der in seinem gleichnamigen, stylishen Kellerclub an der Philippine-Welser-Straße die Flagge hochhält. Nicht nur mit seinen Jam-Sessions (nächste Termine: Dienstag, 3. Januar, mit Jazzgeiger Max Grosch und Dienstag, 17. Januar, mit Jazzentiell), sondern mit immer wieder spannenden Bookings, die über das klassische Jazz-Verständnis hinausgehen. Diesbezügliche Höhepunkte im Januar sind hier sicher Noëmi Waysfeld & Blik (Samstag, 14. Januar) und Klaus Paier & Asja Valcic (Freitag, 20. Januar) – und beide Male trifft Akkordeon auf Jazz. Noëmi Waysfeld überträgt auf ihrem aktuellen Album legendäre Fados, den portugiesischen Blues, ins Jiddische. Sehnsucht und Melancholie heißt hier die sofortige und wundervolle Schnittmenge. Die französische Sängerin mit jüdisch-russischen Wurzeln erschafft zusammen mit dem Trio Blik (Akkordeon, Gitarre, Bass) eine Klanglandschaft, die Leichtigkeit mit Melancholie vermählt, umspielt von Einflüssen aus Gypsy-Jazz, Tango und Klezmer. Eine Woche später bei Klaus Paier & Asja Valcic trifft das Akkordeon auf Cello. Paier, einer der großen europäischen Akkordeonisten mit Weltruf, lässt mit der in Zagreb geborenen Cellistin Asja Valcic in einem selbstbewussten Crossover Jazz, Tango, Walzer und Barockmusik zusammenfließen. Frei nach ihrem Motto: Bach, Jazz und Tanz.

»Das Risiko ist das Zentrum des Jazz. Jede Note, die wir spielen, ist riskant«, so Steve Lazy. Und auch Kolumnenschreiben ist riskant. Denn der Platz ist voll und dennoch muss noch Folgendes mit rein: Am Donnerstag, 26. Januar (20:30 Uhr), spielt The Andi Rosskopf Experience im Sensemble Theater. Das Unikum Rosskopf (Whispering Grass) präsentiert mit den beiden Kunstförderpreisträgern Jan Kiesewetter (Sax) und Tilman Herpichböhm (Drums) sowie dem John-Lennon-Award-Förderpreisträger Uli Fiedler (Bass) alte und neue Kompositionen. Eintritt frei, Spenden erbeten. Ebenfalls am Donnerstag, 26. Januar, aber im Jazzclub: Mit One Two Free stehen nach 35 Jahren wieder drei Augsburger Jazz-Urgesteine in Reunion auf der Bühne: Saxofonist Robert Vogg, Bassist Klaus Füger und Drummer Walter Bittner – Historie trifft Frische! Weiter: Am Dienstag, 24. Januar (20:30 Uhr), spielen im Reesegarden Quint-Essence Klassiker des Wohlfühljazz, Eintritt frei. Und den Bogen zum Jazz kriegt auch die Heinz Ritter Combo – das charmante, chansoneske Salonorchester zwischen Barmusik, Country, Rock und Jazz spielt ebenfalls im Reesegarden am Dienstag, 31. Januar (20:30 Uhr, Eintritt frei).

Foto: Noëmi Waysfeld überträgt den Fado, den portugiesischen Blues, ins Jiddische. Unterstützt vom Trio Blik am Samstag, 14. Januar, im Jazzclub Augsburg. (Foto: Isabelle Rozenbaum)

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