Kein eigenes Leben

19. Februar 2018 - 10:19 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere des Theatermonologs »Klavierkind« von Sebastian Seidel im Mozarthaus

Die von der Regio Augsburg Tourismus bespielten Augsburger Kunstorte wie das Fugger-und Welsermuseum (wo mit enormem Erfolg »Fugger Consulting – Europe first« gespielt wird) oder ab sofort das Mozarthaus profitieren von Sebastian Seidels brillantem Gespür für relevante Themen mit Stadtbezug. Bereits 2012 wurde sein Theatermonolog »Klavierkind« als Auftragswerk der Stadt Augsburg anlässlich des 61. Deutschen Mozartfests im eigenen Haus, dem Sensemble Theater, uraufgeführt. Jetzt zeigt er eine leicht überarbeitete Fassung in der ursprünglichen Besetzung mit Tinka Kleffner und Sophia Weidemann einmal im Monat im Mozarthaus. Regisseur und Autor Seidel und die beiden Interpretinnen nutzten in der Premiere das intime räumliche Ambiente sowie den originären Klang der beiden Hammerflügel für einen intensiven, sehr nahe gehenden und außergewöhnlichen Theaterabend, der musikalisch wie darstellerisch überzeugt.

Geschickt wird jeder einzelne Zuschauer zum potentiellen (Psycho)-Therapeut dieser attraktiven Frau, die in festlicher Abendgarderobe zum Finalakkord der a-Moll Mozartsonate in den Raum stürmt und sich nervös dafür bedankt, dass sich auf die Schnelle noch ein Gesprächstermin einrichten ließ. Kurz vor dem großen Eröffnungskonzert beim Mozartfest! Hier wird ihre hochbegabte Tochter, ein hymnisch gepriesenes Wunderkind am Klavier die  familiär begründete Musikalität einmal mehr unter Beweis stellen. Einmal mehr hat sie das dringende Bedürfnis, die eigene Existenz zu überprüfen. Sie kämpft sich ab an ihrer radikalen Eigen-Analyse, dem wissenden, schonungslosen Rückblick auf die ihr zugewiesenen Rollen, die ihr ein wirkliches, eigenes Leben verstellt haben. Vor dem imaginären, psychologisch geschulten Gegenüber wird deutlich, wie und warum ein normales Leben und die tägliche Basis geopfert wurden auf dem Altar der Hingabe an die Musik. Gebannt folgt man dem existentiellen Offenbarungseid, dem Tinka Kleffner virtuos die leisen und lauten Zwischentöne einer zwischen Passion und Resignation schwankenden Frau verleiht, die von klein auf »nichts anderes als Noten geatmet hat«. Für sie übersteigt die Musik alles Irdische, sie ist noch berauscht von deren Zauber und erkennt am Ende doch, dass sie wie Godot Zeit ihres Lebens gewartet hat auf das »Glück des Daseins«. Gebrochen als Tochter einer unnachgiebigen »Meistermutter«, Mutter einer »Meistertochter«, die über ein nahezu selbstverliebtes Selbstverständnis verfügt, sind ihr in dieser ausschließlich auf das Klavierspiel konzentrierten Frauenfront sowohl der Selbst-Wert als auch ein eigenes Leben abhandengekommen. Anders als die berühmte Mutter und die Tochter war sie selber nicht geschaffen für musikalische Höchstleistung, fehlte der Funke, der jetzt das desaströse Gefühl der Leere hinterlässt.

Wie nahe die 23 Jahre alte Sophia Weidemann, die selber bereits als Jungstudentin an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart ihre Karriere begann und jetzt dort ihr Masterstudium begonnen hat, der Wunderkind-»Buchvorlage« kommt, bewies sie mit den musikalischen Begleitwerken aus der Feder von (natürlich) Mozart und Bach (vier Goldberg-Variationen!). Mit eindrucksvollem agogischem Gespür und insgesamt souveränem Spiel meisterte die junge Pianistin all die klang-und anschlagtechnischen Herausforderungen der beiden im Raum stehenden Hammerflügel. Ein großer Abend im kleinen Konzertraum des Mozarthauses!    

Weitere Termine: 15. März, 19. April, 17. Mai, 21. Juni, 20. September, 18. Oktober und 15. November, jeweils 19:30 Uhr im Mozarthaus.

www.sensemble.de

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