Kein Liebesdienst

Barockgalerie im schaezlerpalais_phot bettina kohlen
23. Dezember 2016 - 21:58 | Jürgen Kannler

Die fatale Raumsituation unserer Kulturbetriebe zur Belastungsprobe. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Den Hauptteil der für die Große Schwäbische Kunstausstellung jurierten Arbeiten inmitten der historischen Werke der deutschen Barockgalerie in der ersten Etage des Schaezlerpalais (Foto) zu hängen, ist zuallererst einmal eine charmante, wenn auch nicht ganz unproblematische Einladung der Kunstsammlungen und Museen Augsburg an die Künstler der Region und ihres Berufsverbands BBK. Mit der Ausschreibung erfuhren die Künstler von der Möglichkeit, ihre Arbeiten »zusammen mit historischen Werken zu arrangieren. Platzierungswünschen wird nach Möglichkeit entsprochen.«  Für sich genommen ist es nach wie vor eine bestechende Idee, Zeitgenössisches im historischen Kontext zu präsentierten. Einige der spannendsten Ausstellungskonzepte der letzten Jahre verdankt die Region diesem Zusammenspiel. Allerdings handelte es sich dabei stets um die Auseinandersetzung oft international bekannter Künstler mit dem Thema, die eigens dafür ins Schaezlerpalais geladen wurden. Eine Kooperation auf vergleichbarer Basis mit lokalen Größen wäre reizvoll.

Die Große Schwäbische ist in der 68. Auflage die traditionsreichste Schau der Region. In diesen Jahren hat sie das Potenzial vieler wunderbarer Künstler in den Fokus gestellt und damit wohl auch eine gewisse karrierefördernde Mission verfolgt. Grundlage dafür war immer die freie Entscheidung der Einreichenden die Auswahl ihrer Arbeit betreffend. So entstanden nicht in jedem Fall, aber oft spannende Momentaufnahmen der Ist-Situation in den Ateliers. Basis dafür war das Verständnis des BBK, die Arbeiten in einem gut dafür geeigneten räumlichen Kontext zu präsentieren. Ein wesentliches Kriterium dafür war, für die eingereichten Arbeiten ein möglichst hohes Maß an Neutralität im Umfeld zu schaffen. Ob diese Messlatte bei der letzten Ausschreibung gerissen wurde, kann diskutiert werden.

Nun weiß bald jeder, dass es sich bei dem Obdach, das die Kunstsammlungen dem BBK gewähren, nicht um einen Liebesdienst handelt, sondern um eine vom Kulturreferat eingefädelte Zwangsehe. Der Grund dafür liegt in der städtischen Umwidmung der bisherigen BBK-Räume in der Toskanischen Säulenhalle in das Römerlager. Sicher, die Protagonisten mögen und schätzen sich wohl auch, aber sie wollen und sollen ihre Projekte mit der Autonomie umsetzen können, die ihnen zusteht und die sie für ihre Arbeit benötigen. Leider verhindert die fatale Raumsituation in zahllosen Bereichen des städtischen Kulturbetriebs ein solches Arbeiten, und das nicht nur bei der zeitgenössischen Kunst.

Über 100 Wochen »Aufruhr in Augsburg« 

Wie auf die Schnelle Raum für Kunst bereitgestellt werden kann, wenn der politische Wille die Voraussetzungen dafür schafft, beweist die Akquise der Interimsspielstätten für das brandgefährliche Stadttheater. Wie schnell solche Räume dem Spielbetrieb wieder entzogen werden können, im Übrigen auch. Um beim Thema Gegenwartskunst und der sie in Augsburg plagenden Raumnot zu bleiben, empfiehlt sich ein Blick in die stillsten Winkel des Glaspalastes. Dort herrscht »Aufruhr in Augsburg«. Doch leider nur im Titel einer Ausstellung, mit der die Pinakothek der Moderne ihre Augsburger Zweigstelle seit bald 18 Monaten lahmlegt. Zwar sind die ausgewählten Arbeiten deutscher Malerei der 1960er- bis 1980er-Jahre von einer Qualität, wie sie aus München zu erwarten ist, doch die Laufzeit, unlängst wurde bis zum 16. Juli 2017 auf insgesamt über 104 Ausstellungswochen verlängert, ist eine Frechheit und dreister Betrug an unserer Kulturregion. In München würden die dafür Verantwortlichen aus dem Amt gejagt. Nicht so bei uns. Die Staatsgalerie blockiert hier nicht nur die feinsten Ausstellungsflächen die Stadt, sondern lässt sich dieses Versagen auch noch bezahlen. Die Miet- und Nebenkosten des teuersten Kunstdepots der Republik tragen nämlich allein die Augsburger Steuerzahler. Vielleicht könnte unsere Kulturpolitik zu diesem Thema einmal Stellung beziehen und eine Partnerschaft auf Zeit zwischen BBK und Staatsgalerie vorantreiben.   

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