Das Kind von Europa

25. April 2017 - 15:28 | Dieter Ferdinand

Das Theater Augsburg präsentiert die erste Oper über Kaspar Hauser im Textil- und Industriemuseum (tim).

Halb Europa nahm Anteil am Schicksal des jungen Mannes, der am 26. Mai 1828 in Nürnberg am Unschlittplatz auftauchte. Er war jenseits aller Zivilisation gefangen gehalten worden, konnte kaum sprechen und gehen. Die Kunde verbreitete sich, er wurde bald  »Das Kind von Europa« genannt. Komponist Hans Thomalla hat kein Libretto geschrieben, sondern Originalzitate zusammengestellt, zu denen er Klänge hörte. In der Ersatzspielstätte Textilmuseum sehen wir eine konzertante Aufführung mit szenischen Impressionen und spärlichen Requisiten. Der schmale Spiel- und Zuschauerraum ermöglicht eine fesselnde Darbietung. Die einfühlsame Lichtregie unterstützt Verständnis und Konzentration.

Bei dem Werk geht es um Begegnung und Umgang mit Fremdheit. Die Worte, die Hauser gebrochen spricht, schildern Erlebtes. Zarte Musik begleitet die Anteilnahme der Menschen. Nach dem Mordversuch in Nürnberg hören wir gewalttätige Töne. Die Musik spricht von Ambivalenz, als ein englischer Lord  behauptet, er vermisse Hauser. Die Szene, in der in Kaspar die zarte Liebe zu einer Frau erwacht, wird von lyrischen Klängen begleitet. Besonders dramatisch werden nach dem Mord im Ansbacher Hofgarten die Verleumdungen durch die Gegner: »Er log wie ein Kind«, er habe sich selbst getötet. Als einfühlsamsten Roman empfinde ich übrigens »Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens« von Jakob Wassermann. Der Film »Kaspar Hauser – Verbrechen am Seelenleben eines Menschen« mit André Eisermann als badischer Erbprinz überzeugt mich.

Im tim lebt Xavier Sabata in jeder Hinsicht überragend den Titelhelden. Giulio Alvise Caselli berichtet mitfühlend über Hauser. Samantha Gaul entdeckt das Blut nach dem ersten Anschlag. Sally du Randt erwidert die Zuneigung von Kaspar empathisch. Das gesamte Ensemble agiert auf hohem Niveau. Lancelot Fuhry führt gewohnt sicher durch die anspruchsvolle Partitur. Danach langer hochverdienter Applaus, vor allem für Xavier Sabatas Kaspar Hauser. 

Weitere Termine: 26. und 28. April sowie 7., 9. und 10. Mai.

www.theater-augsburg.de

Foto (A.T. Schaefer): Xavier Sabata (Kaspar Hauser) und Samantha Gaul (Bürgerin).

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