Der Kirchenmusiker ist bodenständig

6. Mai 2016 - 8:05 | Jürgen Kannler

Die Augsburger Domsingknaben feiern dieses Jahr ihren 40. Geburtstag. Ein guter Grund, sich mit dem Domkapellmeister Reinhard Kammler zum Gespräch zu treffen.

Herr Kammler, Sie feiern in diesem Jahr den 40. Geburtstag der Wiederbelebung der Tradition von Domsingknaben in Augsburg. Sie waren von Anfang an dabei und gelten als maßgeblicher Motor.
Reinhard Kammler: Erzbischof Dr. Josef Stimpfle hat auf Anregung des damaligen Domkapellmeisters Rudolf Brauckmann im Herbst 1976 mir als jungem Musikstudenten das große Vertrauen geschenkt, am Dom wieder einen Knabenchor aufzubauen. Die Vorgänger der Augsburger Domsingknaben, die sich in Bezug auf den Mariendom »Marianer« nannten, wurden 1439 erstmals urkundlich erwähnt und hatten Bestand bis etwa zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Was war die Initialzündung für den Neustart?
Das war zunächst eine rein kirchenmusikalisch-liturgische Überlegung der für die Dommusik Verantwortlichen. Die zuverlässigen und hoch qualifizierten Damen und Herren des Domchores waren bislang an allen Sonn- und Feiertagen allein für den umfangreichen kirchenmusikalischen Dienst in der Domliturgie verantwortlich. Ein zweites Ensemble, eben ein Knabenchor, würde in Zukunft terminliche Entlastung bringen und die Dommusik durch mehr Vielfalt und Abwechslung bereichern.

Heute arbeiten Sie in einem modernen Haus mit Konzertsaal, Mensa und Gruppenräumen. Wie aber waren die Anfänge?
Der Aufbau der Domsingknaben entwickelte sich im damaligen Probenraum des Domchores in den ersten zehn Jahren qualitativ und quantitativ zügig und effektiv. Schnell waren die Domsingknaben auf insgesamt über 300 Kinder und Jugendliche angewachsen. Mein von Beginn an verfolgtes pädagogisches Konzept mit musikalischer Früherziehung für fünfjährige Buben, verschiedenen Chorstufen, Einzelstimmbildung, Instrumentalunterricht und Hausaufgabenbetreuung konnte ich in angemieteten provisorischen Räumen bereits erproben. So war die Legitimation gegeben, den inzwischen liturgisch bewährten, gut strukturierten und als Institution gefestigten Domsingknaben eine eigene Heimstätte mit ausreichenden Räumlichkeiten in adäquater Ausstattung zu geben: das 1986 neu erbaute Haus St. Ambrosius direkt in der Domkurve. Mit der im Neubau nun möglich gewordenen Tagesküche konnten die Domsingknaben als außerschulische Einrichtung eine umfassende Nachmittagsbetreuung für Schulkinder anbieten, lange bevor die gesellschaftliche Diskussion dieses Thema entdeckt hat.

Wie war das damals, quasi aus dem Stand eine Chorstimme zu formen, die ja recht bald schon musikalische Aufgaben im Dom übernahm?
Ein kleiner, aber funktionsfähiger Knabenchor, den ich schon als Schüler im Rahmen einer Pfarrjugend aufgebaut hatte, bildete in neuer Umgebung am Dom den soliden Grundstock, sodass es keine »Stunde null« gab. Ich konnte darauf aufbauen und die Sänger, die rasch aus dem gesamten Stadtbereich dazukamen, wuchsen mit den ihnen gestellten liturgischen, zunehmend auch konzertanten Aufgaben.

Wie viele Sänger wurden seitdem von Ihnen ausgebildet?
Das kann man nur schätzen. Wohl über tausend. Wir halten von jeher besten Kontakt zu allen »Ehemaligen«, die uns ihren Verbleib melden. Diese sind beruflich und privat »in alle Winde zerstreut«. Mittlerweile eine schöne Tradition: Jedes Jahr kommt auf meine Einladung hin ein stattlicher und klanglich üppiger »Ehemaligenchor« für die Osternachtsliturgie im Dom zusammen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Ausbildung geformt?
Jeder Chorleiter und Stimmbildner muss seinen eigenen Weg finden. Als Stipendiat des Deutschen Musikrates hatte ich die Gelegenheit, bei exzellenten Knabenchören zu hospitieren. Viele Erkenntnisse damals haben meine eigenen Vorstellungen bis heute beeinflusst und bereichert. Die Stimmtechnik und die Arbeitsweise mit englischen Knabenstimmen beispielsweise, die ich in Cambridge kennen lernen durfte, waren dabei für mich besonders prägend. So entstand mein persönliches Konzept in der Ausbildung von Knabenstimmen, ständig perfektioniert, aber auch reflektiert durch die wachsende Erfahrung. Meine Mitarbeiter und Assistenten haben diese Stimmbildungspraxis ebenfalls verinnerlicht und helfen mir effizient und effektiv bei der Umsetzung.

Empfehlen Sie Ihren Schützlingen, neben dem Chorgesang ein Instrument zu erlernen?
Auf jeden Fall! Die musikalische Ausbildung der Domsingknaben sollte neben der vokalen auch eine instrumentale Komponente haben. Ich bin dankbar für meine hoch motivierten und qualifizierten Kolleginnen und Kollegen in unserer eigenen, bestens funktionierenden Instrumentalabteilung. Domsingknaben, die unser Angebot nicht wahrnehmen, haben aber größtenteils anderswo Unterricht, vor allem auf Instrumenten, die bei den Domsingknaben nicht unterrichtet werden. Manche erlernen während ihrer vokalen Laufbahn sogar zwei oder drei Musikinstrumente.

Sie arrivierten in all den Jahren selbst zum gefragten Musiker. Was hat Sie in Augsburg gehalten?
In der Tat verlassen Musiker oft ihren Heimatort und machen andernorts Karriere. Der Kirchenmusiker ist da bodenständiger. Ich bin gebürtiger Augsburger, liebe meine Heimatstadt und freue mich, dass ich zum kulturellen Gewicht Augsburgs etwas beitragen kann. So eine Aufgabe lässt man nicht im Stich. Das von Dr. Stimpfle damals in mich gesetzte Vertrauen ist mir bis heute Verpflichtung.

Welchen Stellenwert genießt in der Ausbildung Ihrer Domsingknaben das Wissen über den Bilder- und Wertekanon der katholischen Kirche?
Die abendländische Musik hat eine einzige Wurzel: die Gregorianik der katholischen Kirche. Aus der Einstimmigkeit dieser »cantica« entwickelte sich alle spätere vokale Mehrstimmigkeit. Das heißt zweierlei: Selbst ein profanes Ensemble, das sich grundlegend mit Vokalmusik beschäftigt, kommt an der Kirchenmusik und ihrem Kontext nicht vorbei. Andererseits sollte sich die Kirche, auch die evangelische, als wichtiger Kulturträger und als Hüter dieses einzigartigen Erbes damit identifizieren und nicht davon verabschieden. Die kontinuierliche Beschäftigung mit den textlichen Inhalten von Kirchenmusik prägt konsequenterweise die Domsingknaben nachhaltig. Die Teilnahme am kirchlichen Leben ist untrennbar mit der aktiven Laufbahn der jungen Leute verbunden. Der religiöse Inhalt beispielsweise der Leidensgeschichte Christi wird in den Proben zu den Passionsoratorien so intensiv verinnerlicht, wie es ohne die Beschäftigung mit der bachschen Musik sonst sicher nicht der Fall wäre.

In Europa gibt es nur eine Handvoll Knabenchöre, die auf dem Niveau agieren wie die Augsburger Domsingknaben. Wie äußert sich in diesem Genre Konkurrenz?
Konkurrenz darf man in der Musik nicht so sehen wie im Sport. Es gibt keine Bundesligatabelle, schon eher eine interne Rankingliste. Jeder Knabenchor aber versucht zunächst jeweils vor Ort so gut wie möglich zu arbeiten. Das kommt der kulturellen Breitenpflege generell zugute. Einige wenige Ensembles sind zudem auch im professionellen Musikgeschäft bei internationalen Agenturen, Rundfunkanstalten, Opernhäusern und CD-Labels gefragt. Die Augsburger Domsingknaben gehören längst dazu. Das macht unseren Knabenchor attraktiv, es ist zugleich Bestätigung und Ansporn für meine Arbeit.

Welche Bedeutung hat für den Domkapellmeister die Musik der Familie Mozart?
Es ist schon bewegend, wenn man bedenkt, dass Leopold Mozart nur ein paar Hundert Meter von Dom weg geboren wurde und als Sängerknabe vielleicht auch einmal im Dom gesungen hat. Auch Wolfgang Amadeus wird bei seinen Besuchen in Augsburg ebenfalls im Dom gewesen sein. Nicht nur die Kirchenmusik von Vater und Sohn, sondern auch deren weltliche Werke setze ich immer wieder auf unsere Programme.

Die Domsingknaben sind gut in den lokalen, aber auch den überregionalen Klassikbetrieb eingebunden. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Mozartstadt Augsburg in den letzten Jahren?
Augsburg wird als deutsche Mozartstadt aus meinem Blickwinkel immer noch zu wenig wahrgenommen, nicht zuletzt in der Fachwelt. Ich musste das zum Beispiel beim Baltic Sea Festival in Stockholm  feststellen, wo wir in Mozarts »Zauberflöte« mit Weltstarbesetzung engagiert waren, oder auch bei unseren CD-Aufnahmen in Berlin für die Deutsche Grammophon. Die Verbindung Mozart – Augsburg war dort nicht bekannt. Da müssen weiterhin »dicke Bretter« gebohrt werden.

Die Domsingknaben sind auch international gefragt. Demnächst steht wieder eine Fernreise mit Konzerten in China an. Wie wichtig ist das Reisen für den Chor?
Unser Konzertkalender, der den liturgischen Verpflichtungen untergeordnet wird, ist immer randvoll mit Terminen in der näheren oder weiteren Umgebung. Konzertreisen werden bei uns nicht um ihrer selbst willen geplant, sondern kommen dann zustande, wenn ein weit entfernter Veranstaltungsort angefragt ist. Da schauen wir dann, ob eine ganze Tour zu disponieren ist. Eine gemeinsame Fahrt hat großen Erlebniswert, stärkt die Gemeinschaft und festigt das musikalische Niveau. Im Falle China war es so, dass uns die Berlin Entertainment im Auftrag der chinesischen Poly Theatre Group für rund 20 Konzerte in China erstmals engagiert hat. Da touren wir vier Wochen durchs Land und werden viel erleben!

Wie finanzieren Sie ein solches Unternehmen?
Im konkreten Fall China finanziert der Veranstalter die Reise komplett. Im Normalfall trägt die Kosten einer Konzertfahrt ganz oder zu einem Großteil der initiierende Veranstalter. Auch unsere Sponsoren und der Fonds der Freunde und Förderer der Augsburger Domsingknaben tragen wenn nötig kräftig dazu bei, dass wir so manche attraktive Fahrt durchführen können. Kirchensteuermittel aus dem regulären Haushalt der Diözese kommen nicht zum Einsatz. Auch der einzelne Sänger, von dem in den Konzerten professionelle Leistung erwartet wird, zahlt keinen Unkostenbeitrag.

Was wünscht sich der Chor zum Geburtstag?
Weiterhin Erfolg und Gesundheit für alle, die am großen und rührigen Unternehmen Augsburger Domsingknaben beteiligt sind, und zum neuen Chorjahr wie bisher hohe Anmeldezahlen für unsere musikalische Früherziehung!

Foto (Bernhard Gastager): Die Aufnahme zeigt Reinhard Kammler mit Chor beim letztjährigen »Bach in Rokoko«-Festival in Günzburg, das dieses Jahr im Herbst seine fünfte Auflage erfährt.
www.augsburger-domsingknaben.de

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