Kleine Männer werden zu großen Helden

8. Januar 2017 - 8:45 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne für den Januar

Lange litt der anspruchsvolle Kinogänger in den vergangenen Jahren an den Superheldenfilmen à la Marvel und DC. Wollte man eine Heldengeschichte sehen, musste man unter anderem grausige Storys und hanebüchene Spezialeffekte über sich ergehen lassen oder zu Hause eine DVD mit den guten alten Winnetous, Prinzen Eisenherz und Errol Flynns einlegen. Oder natürlich alternativ mal wieder einen Film vom alten Kontinent im Kino sehen. Erstaunlich, aber nicht unbedingt überraschend, dass in Hollywood nun erneut eine Umwandlung des Heldentypus stattzufinden scheint, da sich die kleinen Bürger der Supermacht so sehr vernachlässigt fühlten, dass sie einen undurchsichtigen Egozentriker zum neuen Präsidenten wählten und ihre Macht gegenüber den feinen Pinkeln in den Metropolen demonstrierten. Wie diese Veränderung innen- und weltpolitisch ausgehen wird, steht noch in den Sternen. Für die Besucher im Kino ist der Wechsel vom fliegenden Umhangträger hin zum bodenständigen Mann der Arbeiterklasse als Verkörperung des Heroen eine Bereicherung. Warum, erfahren Sie hier:

Der Titel »Hell or Highwater« (12. Januar, CinemaxX) leitet sich vom englischen Sprichwort »Come hell or high water« ab und bedeutet so viel wie »auf Biegen und Brechen« oder »Komme, was wolle«. Treffender könnte der Titel für diesen Film nicht sein. Der geschiedene zweifache Vater Toby Howard (Chris Pine) und sein frisch aus dem Gefängnis entlassener Bruder Tanner (Ben Foster) versuchen verzweifelt, die Familienfarm im Westen von Texas zu retten. Ihre verstorbene Mutter hinterließ das Anwesen mit erheblichen Schulden bei der Bank. Um an das benötigte Geld zu kommen, wollen die Brüder mehrere Banken überfallen und verhindern, dass ihr Heim und die dazugehörigen Ländereien zurück an den Staat gehen. Allerdings kommen ihnen schnell die Texas Ranger Marcus (Jeff Bridges) und Alberto (Gil Birmingham) auf die Spur und eröffnen die Jagd. Amerika und vor allem seine ländliche Mitte ist spätestens seit der Wahl von Geschäftsmann Donald Trump zum US-Präsidenten im Wandel begriffen. In diese Zeit des Umbruchs trifft Regisseur David Mackenzies Neo-Western. Hier stellen sich die gemeinen Bürger in Gestalt der Howard-Brüder gegen das kapitalistische System und den Staat. »Make America great again« könnte auch ihre Parole sein. Mackenzie packt viel Geschichte in die über 100 Filmminuten, die von der lebendig knisternden Dynamik der Hauptfiguren getragen wird. Auch Jeff Bridges macht eine gute Figur als kauziger alter Bulle nach dem Vorbild der Sheriffs längst vergangener Zeiten. Ein intensiver Western mit brandaktueller Thematik, für mich ein heißer Oscarkandidat. Yeehaw!

Der Einzelgänger Lee Chandler (Casey Affleck) wird von einer erschütternden Nachricht aus dem Alltag gerissen: Sein Bruder Joe (Kyle Chandler) ist plötzlich gestorben. Nach dem überraschenden Tod soll sich Lee um Joes 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) kümmern. Dafür zieht er von Boston zurück in seine Heimatstadt »Manchester by the Sea« (19. Januar, CinemaxX, Kinodreieck). Ohne jede Erfahrung muss er dort nicht nur Ersatzvater für einen Teenager sein, sondern trifft obendrein auch auf seine Exfrau Randi (Michelle Williams), mit der er früher chaotisch, aber glücklich zusammenlebte. Lee gerät in einen Zustand zwischen Lebensbereicherung und tiefem Seelenschmerz. Casey Affleck, der jüngere Bruder von Oscarpreisträger Ben Affleck, spielt brillant. Durch seine Ungezwungenheit vor der Kamera und das nuancierte, intime Drehbuch gelingt Regisseur und Drehbuchautor Kenneth Lonergan ein scheinbar einfacher, aber doch tiefgreifender und komplexer Film.

»Hacksaw Ridge« (26. Januar, CinemaxX) handelt von Desmond T. Doss (Andrew Garfield), der im US-Bundesstaat Virginia als ergebener Christ mit einem strengen Moralkodex aufwächst. Provoziert durch einen Fall von häuslicher Gewalt schwört er, keine Waffe mehr anzufassen. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor wird er jedoch in den Kriegsdienst eingezogen. In der Ausbildung von seinen Vorgesetzten wegen seines Pazifismus noch malträtiert, entwickelt sich Desmond im Kugelhagel erbitterter Schlachten zum unbewaffneten Helden. Mit dieser heroischen und wahren Geschichte meldet sich Mel Gibson nach zehn Jahren Abstinenz als Regisseur zurück. Nie für Zimperlichkeit bekannt, schildert Gibson auch diese Geschichte brutal und eindringlich. Zuschauer, denen schon am Anfang von »Der Soldat James Ryan« schlecht wurde, sollten diesen Film eher meiden oder zur Sicherheit eine leere Popcorntüte dabei haben. Ein aufklärerischer Antikriegsfilm, der dem Zuschauer viel abverlangt, aber, ich wage es zu behaupten, vielleicht auch das intensivste Kinoerlebnis, das 2017 zu bieten hat.

Foto: In »Hell or Highwater« (12. Januar, CinemaxX) verkörpern die Bankräuber Toby (Chris Pine, links) und Tanner (Ben Foster) die Cowboys der Neuzeit.

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