Eine komische Seifenoper

Oscar Theater Augsburg Spielzeit 2016/2017
1. Dezember 2016 - 14:56 | Bettina Kohlen

Boulevardtheater in der Brechtbühne? Da geht man schon ein wenig skeptisch hin. Doch, um es vorwegzunehmen: das klappt. Das klappt sogar hervorragend …

Das Theater Augsburg hat die französische Komöde »Oscar« ausgepackt, mit der Ende der 1950er-Jahre Louis de Funès erfolgreich war – so erfolgreich, dass aus dem Bühnenstück 1967 auch ein Film wurde, ebenfalls mit de Funès in der Hauptrolle.

Der Seifenfabrik-Patriarch Barnier bekommt noch vor dem Frühstück Besuch seines Mitarbeiters Leroi, der ihm deutlich macht, dass er dringend eine ordentliche Gehaltserhöhung benötigt, da er gedenkt, eine junge Dame aus den besseren Kreisen zu ehelichen, der er ein adäquates Leben bieten muss. Kaum hat Barnier das verdaut, kommt der nächste Schock: diese junge Dame ist seine eigene Tochter. Ab hier übernimmt das Chaos. Barnier versucht, Leroi auszutricksen: allzu teuer soll es ja nicht werden. Selbstverständlich haben die übrigen Protagonisten ihre eigenen Ziele. Das kann nicht gutgehen, die Farce nimmt ihren Lauf. Wertgegenstände in diversen Koffern werden vertauscht und verwechselt, Töchter, Väter, Liebhaber, Schwangerschaften, ökonomische und gesellschaftliche Bestrebungen kommen unter die Räder. Doch o Wunder: am Ende bekommt jeder mehr oder weniger, was er wollte.

Das gesamte Ensemble treibt das familiär-gesellschaftlich-monetäre Drama saukomisch dem Abgrund zu. Da wird nichts ausgelassen: Hektische Auftritte und Abgänge durch wackelige Pendeltüren, eine Klapptreppe, rutschende Perücken und ein Hündchen am Stiel. Alle Darsteller agieren mit großem Elan und Lust am grotesken Spiel, allen voran Klaus Müller als eitel-tyrannischer Seifentycoon, Raimund Widra als heiratswilliger Leroi und Marlene Hoffmann als doof-gewitzteTochter (und noch eine Tochter). Eine den Boulevard adelnde Meta-Ebene darf man nicht erwarten, auch wenn Kostüm und Bühnenbild Anspielungen auf Absolutismus und Vichy-Regime bereithalten, wie barocke höfische Kleidung in den Schlussszenen oder einen Wende-Ölschinken im Salon, der auf der einen Seite Louis XIV. und auf der anderen Seite Marschall Pétain zeigt.

»Oscar« ist eine rundum gelungene Inszenierung, die einen schräg-amüsanten Abend garantiert!

Nächste Vorstellungen: Fr 2.12., Mi 21.12., So 25.12., Fr. 30.12., Sa. 31.12.

www.theater-augsburg.de

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