Konkret und körperwarm

26. Dezember 2016 - 8:25 | Jürgen Kannler

Die Galerie Claudia Weil in Rinnenthal. Ein Besuch von Jürgen Kannler

Den Weg nach Rinnenthal, einem Ortsteil von Friedberg, wenn man so will, findet man eher zufällig. Sanfte Grashügel und dichter, altbayrischer Nadelwald sind noch heute kennzeichnend für das einstige Bauernland. Für unseren Verkehr viel zu enge Straßen zeichnen hier Linien in die Landschaft zwischen Augsburg und München, denen der Anfang wie das Ende fehlt. Kein schlechter Platz für eine Galerie, die sich nicht nur, aber eben auch mit konkreter Kunst beschäftigt, denkt man und sucht im Ort nach einem Hinweisschild oder Zeichen, wie man zu Claudia Weil kommt. Von Laufkundschaft lebt hier niemand. Aber das tun sie ja andernorts auch kaum noch, die Kunsthändlerinnen und Kunsthändler. Nur wer es versteht, sich ein belastbares Netzwerk aus Freunden und Kunden aufzubauen, hat in dem Job eine Chance. Verkehrsanbindung oder direkte Nachbarschaft sind daran gemessen zu vernachlässigende Größen. Es sei denn, man verzehrt mit »Kulturarbeit spielen« nur eine zugefallene Erbmasse oder den Zugewinn einer gescheiterten Verbindung ohne Härteklauseln im Ehevertrag.

Die Kunden von Claudia Weil kommen wie die Künstler die sie vertritt, von überall her, aber noch nicht aus Rinnenthal. Trotzdem fühlen sich beide Gruppen hier, in der Galerie dieser rheinischen Frohnatur, allem Anschein nach wohl. Die Familie hat vor Jahren das Grundstück am Ortsrand mit dem ebenso soliden wie einfachen Landarbeiterhäuschen darauf gekauft, um dem Lärm der Münchner Leopoldstraße zu entkommen. Aus dem Wochenendvergnügen wurde bald ein zweiter Hausstand und irgendwann der einzige. Da war der dem Haus vorgelagerte Schuppen längst zum lichten Atelier für Thomas Weil, den Maler, Architekten und Kunsttheoretiker, umgebaut. Zusammen mit seiner Frau Claudia hat er sich dem Ornament verschrieben. Zum Thema wurde publiziert, gelehrt, in Vorträgen berichtet, viel Kunst produziert, Ausstellungen gemacht, Preise gewonnen und das Projekt »ornamentconcepts« ins Leben gerufen. Es wird wie die Galerie und die Nachlässe von Marie Luise Heller und Ernst Weil von diesem Kunstort in Rinnenthal aus gemanagt.

Die Namensgleichheit ist natürlich kein Zufall. Thomas Weil wurde 1944 in einen bayerischen Künstlerhaushalt hineingeboren. Sein Vater war Maler, später Kunstprofessor, die Mutter Bildhauerin, seine Stiefmutter die großartige Marie Luise Heller. Claudia wuchs in einer Beamtenfamilie mit höherer Besoldungsstufe auf, auch in Augsburg, aber eigentlich mehr in Bonn, bei den Diplomatenkindern. Menschen mit solch unterschiedlichen Vitas ziehen sich zuweilen magisch an, und in manchen Fällen wird aus diesem Reiz ein gemeinsames Leben.

Die Kinder sind aus dem Haus und Platz ist vorhanden. Claudia Weil beschließt, einen Ort zu schaffen, an dem sie die Arbeiten ihrer Künstlerfreundinnen ausstellen kann. Genau vor vier Jahren organisiert sie ihre »Erste Ausstellung« mit Arbeiten von zwölf Künstlerinnen, die meisten Namen stehen noch heute in ihrem Portfolio. Die unterste Etage im Familienhaus steht für die Galerie bereit, dazu kommt ein Pavillon im Garten. Alles nicht sehr groß, aber auch nicht zu klein. Rund zwanzig Künstler lassen sich heute von Claudia Weil vertreten und arbeiten mit ihr zuweilen auch kuratorisch zusammen, wie Ivo Ringe.
Gemeinsam mit Ringe hat sie auch das aktuelle Ausstellungsprojekt »the pattern reveals itself« umgesetzt, das noch bis zum 29. Januar in Rinnenthal zu sehen sein wird.

»30 Künstler aus den Niederlanden, Belgien, England, Deutschland, der Schweiz und den USA zeigen auf, wie sich die Konkrete Kunst in den letzten Jahrzehnten weiter entwickelt hat im Hinblick auf das Erforschen von Wahrnehmungen, Mustern und Interferenzen. Der Titel der Ausstellung »The Pattern reveals Itself« ist als eine Anspielung auf ein englisches Sprichwort zu verstehen, das grob übersetzt lautet: ›Ah, jetzt wird es mir deutlich‹«.

So weit informiert Claudia Weil online über ihr aktuelles Projekt. Was sie verschweigt, ist ihre Gabe, Konkretes recht körperwarm zu vermitteln. Dabei bildet die aufgeräumt-behagliche Atmosphäre ihrer Räume nur eine Hülle. Die Energie der Beseelung hat ihre Quelle in den intimen Formaten, die Claudia Weil zu bedienen weiß.

www.galerie-claudiaweil.de

Thema:

Weitere Positionen

23. April 2018 - 11:18 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere des dreiteiligen Ballettabends »Dimensions of Dance. Part 1« im Martini-Park mit Choreografien von Young Soon Hue, Ricardo Fernando und Mauro Bigonzetti.

20. April 2018 - 12:52 | Jürgen Kannler

Der Ministerpräsident kündigt an, das Theater Augsburg könnte unter staatliche Führung gestellt werden. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

19. April 2018 - 9:54 | Iacov Grinberg

Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler, »Urbane Landschaft«, im Abraxas

franziska_huenig_cmyyk_kunstverein_augsburg_2018_foto_bettina_kohlen.
17. April 2018 - 17:29 | Bettina Kohlen

Die Möglichkeiten in der Region aktuelle Kunst zu sehen, sind vielfältig. Manches läuft nur kurz, anderes (zu) lang, und natürlich ist nicht alles großartig … Doch diese drei Ausstellungen sollte man nicht versäumen.

13. April 2018 - 16:51 | Gast

In der Sonderausstellung »Brot. Nahrung mit Kultur« im Museum KulturLand Ries dreht sich alles um das sättigende Grundnahrungsmittel.

11. April 2018 - 9:08 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im April

11. April 2018 - 0:09 | Iacov Grinberg

Ein Besuch der Augsburger Frühjahrsausstellung »afa«, die noch bis 15. April besucht werden kann.

5. April 2018 - 10:21 | Dieter Ferdinand

»Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?«: die Tora-Krone im Porträt

3. April 2018 - 10:24 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere der Romanadaption »Das Ungeheuer« von Terézia Mora in der alten Orchesterprobebühne des Theaters Augsburg

la_forza_del_destino_theater augsburg 2018_foto_jan-pieter_fuhr_0539.jpg
26. März 2018 - 16:25 | Bettina Kohlen

Intendant André Bücker hat Giuseppe Verdis »La forza del destino« für die Bühne im Martini-Park inszeniert.