Konstruktive Brüche können nicht schaden

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20. November 2016 - 7:54 | Jürgen Kannler

Thomas Elsen im Interview mit Jürgen Kannler.

a3kultur: Herr Elsen, zu den Kunstorten, die Sie leiten, gehört neben dem H2 die Neue Galerie im Höhmannhaus. Zurzeit ist dort die bemerkenswerte Schau »Ei« von Maximilian Prüfer zu sehen. An zwei langen Wänden hängen dort Dutzende Drucke von Schmetterlingen, die der junge Künstler mit geheimen alchemistischen Fähigkeiten direkt von den Flügeln der Insekten aufs Papier gebracht hat. Nicht wenige Besucher der Vernissage waren vom Ergebnis beeindruckt. Mich beschlich das Gefühl, dass diese Arbeit auch ein lustvoller Versuch ist, die Zeit zu manipulieren.

Thomas Elsen: Auf jeden Fall spielt das Moment der Zeit eine große Rolle in seiner Kunst. Er sieht die Dinge in der Natur ja immer als Folge von vorhergegangenen Ereignissen. Zeit dabei quasi als immateriellen Werkstoff einzubeziehen und zu reflektieren, ist sicher zentral für seine Arbeit.

Er wirkt wie ein Typ, der nicht laut auftritt, sich aber in seiner Arbeit recht klar auszudrücken weiß. Schätzen Sie diese Eigenschaft?

Sehr. Es ist immer überzeugend, wenn die Persönlichkeit eines Künstlers mit seinen Arbeiten in einer Übereinstimmung steht und man spürt, dass er wirklich aus einem inneren Drang etwas entfaltet und nicht aus einer etwa designmäßigen Attitüde heraus. Es gibt ja auch Leute, die Fähigkeiten und Talent haben, eine spannende Form zu entwickeln, und da auch sehr innovativ sind. Aber bei jemandem wie ihm besteht eine grundsätzliche Einheit in seinem künstlerischen Denken und dem, was sich hinterher in seiner Formensprache daraus ergibt.

Welches Attribut fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Prüfers Arbeit denken?

Für so eine Form von Kunst braucht man unter anderem unendlich viel Geduld. Sie fasziniert ja nicht zuletzt durch ihre sorgfältige Detailliertheit. Hier fließt viel Energie ein, von der virtuosen Materialbehandlung bis hin zur Rahmung der 79 Blätter, die er im Höhmannhaus zeigt.

Geduld ist wohl auch eine Währung, mit der man als Vermittler von Gegenwartskunst gesegnet sein sollte. Über die Jahre hinweg ist das H2 und vielleicht noch mehr das Höhmannhaus zu einem der wichtigsten Treffpunkte in Augsburg für Menschen mit Interesse an neuer Kunst geworden. Welches Geheimnis steckt hinter dieser Location?

Ob sie ein Geheimnis hat, weiß ich nicht, zumindest ist sie das Gehäuse für einen Versuch, möglichst unvoreingenommen an Dinge heranzugehen. Produktive Neugier und ein ungebrochenes Interesse an der Kunst und den sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten zu haben, ist dafür eine Grundvoraussetzung. Wer in diesem Job kein ehrliches Interesse mitbringen kann, der managt nur. Das ginge zwar auch, wäre aber im Ergebnis gewiss nicht so vermittelbar.

Wie sieht Ihr Konzept dabei aus?

Am Anfang steht schlicht, jeden Künstler ernst zu nehmen in dem, was er tut, aber dann auch nicht zu explizit auf etwas festgelegt zu sein, sondern offen zu bleiben. Dass filmische und fotografische Bildformen zunehmend anzutreffen sind, hängt einfach mit den gegenwärtigen Entwicklungen zusammen. Insgesamt gilt und galt von Beginn an: Der Raum, in dem Künstler hier arbeiten können, soll auch ein Experimentierraum für Aspekte der Gegenwartskunst sein, die zum jeweiligen Zeitpunkt einfach relevant sind, unabhängig davon, ob man sie jetzt selber ausstellt oder nicht.

Es geht also nicht darum, eine Art »Best of« darzustellen. Welcher Dramaturgie folgen Sie dabei?

Entscheidend ist wie gesagt, Raum für Neues zu bieten, weniger eine retrospektive Darstellungsfläche. Das heißt für mich, dass die Einladung an einen Künstler, eine Ausstellung zu machen, immer auch eine inhaltliche Aufforderung ist. Es geht also weniger darum, vorher Arbeiten auszusuchen, die man selbst schon im Kopf hat, als Künstlerinnen und Künstlern eine Präsentationsmöglichkeit für etwas zu geben, woran sie ohnehin gerade arbeiten. Dabei zählt, was jetzt im Augenblick für den Einzelnen wichtig ist. Es soll eine Chance sein, das an einem geeigneten Ort für einen bestimmten Zeitraum öffentlich vorzustellen. Die Dramaturgie besteht natürlich auch darin, nach Möglichkeit nicht vielfach hintereinander dasselbe Medium zu bedienen, sondern zwischen den Projekten eine gewisse Spannung herzustellen. So wird Clara Diepold z.B. im kommenden Jahr ein Tanzperformance-Projekt kuratieren, zudem gibt es Foto-, Film-, Soundprojekte, klassische Zeichnung und soziale Intervention. Es soll sich, genau wie im H2, für den Besucher lohnen, immer wiederzukommen. Man muss die Namen der Künstler im Vorfeld gar nicht unbedingt kennen oder viel über sie wissen. Was zählt, ist immer wieder neu die Frage: Was kommt als Nächstes?

Das Höhmannhaus funktioniert als Treffpunkt und Kommunikationsort für Künstler, Sammler und Interessierte aller möglichen intellektuellen Strömungen. Sie arbeiten fünf bis sechs Programme im Jahr aus. Dazu kommen zuweilen Formen wie Lesungen, Diskussionen und Performances. Diese Veranstaltungen sind in der Regel immer gut besucht. Drängt es sich da nicht auf, diesen Kunstort gezielt noch weiter dafür zu öffnen?

Sie meinen jetzt außerhalb des engeren Kontextes bildender Kunst?

Ich denke an interdisziplinäre Projekte, wie sie zuweilen bisher schon laufen. Diese zusätzliche Belebung des Hauses wirkt sehr wohltuend.

Grundsätzlich ist das sicher richtig. Mit den etwas weiter gefassten Themen erreichen wir naturgemäß auch neues Publikum. Man muss allerdings darauf achten, seinen eigenen Qualitätsanspruch zu halten und sich nicht zu verzetteln. Das heißt, man muss sich ein solches Beiprogramm auch leisten können. Da spielen oft Etat- und Personalfragen eine größere Rolle, als einem lieb ist. Vor allem aber muss immer klar sein, dass das, was wir anbieten, aus der Kunst, aus einem künstlerischen Anspruch heraus entsteht. Dann kann im Resultat auch etwas komplett anderes herauskommen. Die Hofgarten-Installation von Michael Clegg und Martin Guttmann, 2001 initiiert von Stefan Schrammel und seiner GfG in Kooperation mit uns, hätten wir nie realisieren können, wenn nicht immer klar gewesen wäre, dass diese beiden Künstler ein spannendes Projekt umsetzen. Ein Bücherschrank steht als Folge dieser Arbeit heute noch im Garten und erfreut sich größter Beliebtheit. Ginge man als Privatmann zur Stadt, um anzukündigen, dass man einen Schrank in irgendeinen Park stellen möchte, würde man vielleicht eher an die Kollegen vom Sperrmüll verwiesen.

Im Umkehrschluss hieße das dann, dass mit Kunst zielgenau Impulse in die Gesellschaft gebracht werden können.

Durchaus.

Denken Sie, dass diese Option in unserer Region schon ausgereizt ist?

Ausgereizt sicher noch nicht, eher im Gegenteil. Dennoch glaube ich, dass wir hier, ähnlich wie z.B. auch der Kunstverein, lab30 und andere im Verhältnis zum größeren Umfeld deutlich weniger konventionell sind als andere Städte.

Sie bescheinigen der Stadt demnach prinzipiell einen entspannten Umgang mit Gegenwartskunst. Wohl auch deshalb haben Kunstwerke wie die Arbeit »Delete« von Lab Binaer vor der neuen Stadtbücherei, die eigentlich kaum zu verstehen ist, ohne sich zuerst einmal mit der Gebrauchsanweisung zu beschäftigen, in Augsburg eine Chance.

Vermutlich.

Die Aufstellung dieser Arbeit wäre noch vor 15 Jahren kaum möglich gewesen. Damals verbannte OB Peter Menacher die geschenkte Aphrodite von Markus Lüpertz von der Maxstraße. Würde die Diskussion um die Aufstellung dieser Bronzefigur heute anders ausgehen?

Mit dem Wissen um das damalige Ereignis und allem, was sich seither entwickelt hat im Kopf, denke ich, dass sie ein bisschen anders verlaufen würde – was nicht unbedingt heißen soll, dass es heute weniger Leute gibt, die sich aufregen würden. Aber eine angeregte Diskussion ist ja erst einmal etwas sehr Erfrischendes. Damals lag das Problem ja auch in der Vorbereitung des Unterfangens quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das wurde von den Bürgern nicht akzeptiert und würde heute auch nicht so einfach gehen.

Hat der Fall Aphrodite demnach zur Emanzipation der Bürgerschaft beigetragen?

In gewissem Sinn vielleicht, und dafür kann man Lüpertz heute noch dankbar sein. Seine Idee finde ich nach wie vor genial. Lüpertz wusste natürlich ganz genau, dass der Standort entscheidend ist und was er damit auslöst, wenn er seine Bronzefigur in eine Reihe mit den historischen Prachtbrunnen auf die Maximilianstraße stellen würde.

Braucht eine Gesellschaft denn nicht genau diese Momente der Irritation?

Konstruktive Brüche können nicht schaden.

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