Kunst schauen

Barockgalerie im schaezlerpalais_phot bettina kohlen
14. Dezember 2016 - 21:29 | Bettina Kohlen

Während der Jahresend-Feiertage muss man ja nicht immerzu essen, trinken und gute Miene zum Geschenkspiel machen. Man könnte auch sein Kunstinteresse hervorkramen und sich ins Museum begeben.

Wie wäre es mit einem Besuch im Schaezlerpalais? Dort ist seit ein paar Jahren die alljährliche Schwäbische Kunstausstellung beheimatet, doch in diesem Jahr gibt es etwas neues: Die Arbeiten sind nicht wie bisher als separate Ausstellung präsentiert, sondern nehmen Tuchfühlung mit den angestammten Bewohnern der Barockgalerie auf und sortieren sich in den musealen Bilderreigen ein. Diese Verschränkung klappt mal mehr, mal weniger gut. Einige Arbeiten beziehen sich konkret auf eines der angestammten Kunstwerke, viele korrespondieren jedoch nur lose, so dass der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit entsteht. Wie bei einer solchen Überblicksausstellung nicht zu vermeiden, sind hier Arbeiten unterschiedlicher Themen, Medien und – ja – Qualität versammelt. Dennoch lohnt es sich unbedingt, durch die Enfilade zu streifen und schließlich im wundervollen Rokoko-Festsaal zu stehen, in dem Nina Zeilhofer ein goldflirrendes Golden Gate errichtet hat. Das Zusammenleben der alten Kunstwerke mit denen von heute schärft den Blick für beide und bietet reizvolle Aus- und Einblicke. Alljährlich wird eine Arbeit mit dem Kunstpreis ausgezeichnet. In diesem Jahr wurde eine großformatige Federzeichnung von Peter Junghanß prämiert, das »Doppelportrait mit Selfiestange«. Und die Vorjahrespreisträgerin Kerstin Skringer ist mit ihrer Ölmalerei »Numb V« vertreten.

Im Festsaal angelangt, sollte man keinesfalls kehrtmachen, sondern durch die hintere Tür weitergehen in die ehemalige Katharinenkirche. Hier hängt herausragende alte Malerei, die jede Aufmerksamkeit verdient. Wer anschließend immer noch aufnahmefähig ist, kann sich in den zweiten Stock zum »Rendezvous der Künstler« begeben, wo Kunst der klassischen Moderne und der österreichischen Nachkriegszeit aus der Sammlung Helmut Klewan geboten ist.

Weiter geht es ins H2 – Zentrum für Gegenwartskunst. Hier im Glaspalast liegt gerade der Schwerpunkt auf Fotografie. Im Kabinettkubus wurde der zweite Teil der Schwäbischen Kunstausstellung installiert. So setzt sich Monika Schultes mit dem »Broken Home«, dem Verschwinden des Elternhauses auseinander. Fotografien und ein Video, das den Abbruch des Gebäudes dokumentiert, gewähren Einsicht in eine vergangene Lebenswelt. Schultes Ausstellung im Kunstverein Bobingen (bis 18. Dezember) umkreist das selbe Thema, zeigt ähnliche Fotografien und auch das Video, doch greift die Künstlerin hier stärker in das Geschehen ein, indem sie Möbel, Objekte und eigene Kunstwerke in Haus, Möbel und Ausstellungsraum infiltriert. Die knappe konzentrierte Version, die sie im H2 zeigt, tut der Sache auf jeden Fall gut. Die fotografische Rauminstallation von Christoph Rehm lässt den Festsaal des Schaezlerpalais in einem der Kabinetträume erstehen. Rehm setzt sich und den heutigen Betrachter in Bezug zur Geschichte, indem er einen mehrfachen Transfer vornimmt: Er fotografiert die früheste Fotografie des Saals von 1870 mit dem Handy modular ab und tapeziert damit im Raummaßstab Wände und Decken.

Im weiten hellen Saal des H2 haben Hausherr Thomas Elsen und Mitkuratorin Celina Lunsford die Fotoarbeiten von elf internationalen Künstlern inszeniert. »Not Here Yet« – noch nicht angekommen – lässt verschiedene Sichtweisen zu. Es liegt derzeit nahe, den Fokus auf Flucht und Migration zu richten – hierzu äußert sich Omar Imam, der Menschen in einem libanesischen Lager zeigt, doch offensiv in Szene gesetzt und nicht in Opferattitüde. Das Ausstellungskonzept greift jedoch wesentlich weiter, es geht grundsätzlich um das unterwegs sein, um die Bewegung im Raum, um Lebenswege oder grundlegende Veränderung. Vitus Saloshanka hat beobachtet, wie massiv sich die Region Sotschi im Laufe der Olympia-Vorbereitungen gewandelt hat. Maurizio Cattelan hat sich mit der Rollstuhl-Athletin Edith Wolf Hunkeler zusammengetan und ließ sie im Sommer über den Zürichsee schweben; das Foto dieser Performance vermittelt eine verblüffende Illusion, auch wenn der schwimmende Unterbau der Aktion direkt davor präsentiert wird. Die lakonischen Fotografien von Johanna Diehl werfen Fragen auf. Farbig und in großem Format zeigen sie ukrainische Synagogen, die keine mehr sind: sie wurden verlassen oder zu Turnhallen, Theatern und Lagerräumen umfunktioniert. Doch die synagogalen Merkmale blieben erhalten und lassen so auf den ersten irritierenden Blick den ursprünglichen Zweck erkennen. Neben rein fotografischen Arbeiten werden auch andere mediale Wege vorgestellt, wie die Arbeit des Spaniers Alberto Garcia Alix, die dem Betrachter 40 Minuten Aufmerksamkeit abverlangt. Der Künstler legt in Wort Bild und Film sein Leben offen, er spricht mit wunderbar rauer Stimme über Freunde und Freude, Drogen und Tod, das harte Milieu Madrids – sein Milieu. Wir sehen die Menschen aus seinem Umfeld, Junkies, Rocker – von ihm in schwarzweiß schonungslos brillant porträtiert, doch niemals entwürdigend. Diesen Fotografien stellt Garcia Alix unscharf verwaschene Videos gegenüber, die in China und Frankreich entstanden sind. Die Aufenthalte dort waren Garcia Alix Rettung vor dem Sturz in den Abgrund; er hat seine eigene Drogengeschichte hinter sich gelassen. Eine eindrucksvolle Arbeit eines grandiosen Fotografen.

Wer noch nicht völlig erschöpft ist, kann sich auch im H2 noch den Kunst-Overkill geben und nach nebenan in die Staatsgalerie schauen. Dort wird der »Aufruhr in Augsburg« mit figurativer Malerei der 60er- bis 80er-Jahre zelebriert – große Namen, aber etwas mau, doch wenn man schon mal da ist… Wem das alles aber ein bisschen viel Kunst ist, dem sei »Not Here Yet« im H2 ans Herz gelegt.

Die Große Schwäbische Kunstausstellung und das »Rendezvous der Künstler« laufen bis zum 15. Januar, »Not Here Yet« ist bis zum 23. April zu sehen.
www.kunst-aus-schwaben.de
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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