L.A. Woman

18. Juli 2016 - 8:58 | Thomas Ferstl

Was zwei Filme diesen Monat mit der Stadt der Engel und Frauen verbindet und warum der dritte aus der Reihe tanzt, lesen Sie hier. Projektor – die a3kultur-Kinokolumne

Vor 45 Jahren erschienen das Album »L.A. Woman« und der gleichnamige Titelsong von den Doors in den Plattenläden. Der Song aus Jim Morrisons Feder ist eine lyrische Liebeserklärung an Los Angeles und seine Bewohnerinnen. Was zwei Filme diesen Monat mit der Stadt der Engel und Frauen verbindet und warum der dritte aus der Reihe tanzt, lesen Sie hier:

Jerrica (Aubrey Peeples) ist leidenschaftliche Musikerin. Sie komponiert und singt, meist nur für sich selbst. Als ihre Schwester Kimber (Stefanie Scott) eines Tages ein Lied von ihr ins Internet stellt, ohne dass Jem – so ihr Künstlername – dem zugestimmt hat, wird das Video zum Klickhit. Jem wird zu einer Internetberühmtheit. In der Folge wird auch eine Plattenfirma auf die junge und talentierte Sängerin aufmerksam und bietet ihr einen Vertrag an. Zusammen mit Kimber und ihren anderen beiden Schwestern Shana (Aurora Perrineau) und Aja (Hayley Kiyoko) geht es nach Los Angeles. Dort soll das Quartett die Musikwelt als »Jem and the Holograms« (7. Juli, Cineplex Königsbrunn) im Sturm erobern. Doch auf dem Weg zum Ruhm gerät Jem ins Straucheln. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Film ist, abgesehen von den funky Kostümen, eher unterirdisch. In seiner Ausführung spiegelt er das Niveau der heutigen Popmusik à la Justin Bieber oder Miley Cyrus wider. Seiner Handlung wegen ist er aber dennoch interessant. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen durch virale Internetvideos schlagartig zu Berühmtheiten und gar Millionären werden, in der analogen Welt aber mit Widrigkeiten zu kämpfen haben. Auch im Rückblick auf den Mord an der 22-jährigen YouTube-Berühmtheit Christina Grimmie im vergangenen Monat ein thematisch spannender Einblick hinter die digitale Bühne doch ganz realer Selbstvermarkter.

Es ist Heiligabend in Los Angeles, doch auf dem Straßenstrich gibt es keine Urlaubs- oder Feiertage: Die transsexuelle Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) ist nach 28 Tagen Gefängnis wieder zurück an ihrem Arbeitsplatz und erfährt, dass ihr Freund und Zuhälter Chester (James Ransone) sie betrogen hat, zu allem Überfluss mit einer »echten« Frau. Ihre beste Freundin Alexandra (Mya Taylor) geht schließlich widerwillig mit Sin-Dee dem Wahrheitsgehalt dieses erschütternden Gerüchts nach und zusammen machen sie sich auf die Suche nach Chester und dessen neuer Flamme. Regisseur Sean Bakers temporeicher »Tangerine L.A.« (7. Juli; Kinodreieck) entführt den Zuschauer in die Halbwelt von L.A.s Subkulturen. Authentizität schafft Baker durch die Besetzung des Films. Die beiden transsexuellen Hauptdarstellerinnen arbeiteten in der Vergangenheit beide auf dem Straßenstrich von West L.A. und durften daher ihre Dialoge oft selbst gestalten und improvisieren. Bei den übrigen Darstellern handelt es sich hauptsächlich um hervorragend spielende Originale aus der Nachbarschaft um den Stadtteil Hollywood. Um in dem Film den schmutzigen Look wiederzugeben, den der Lebensraum der Protagonisten verlangt, filmte Baker alle Szenen mit mehreren iPhones. Begleitet von wummernden Bässen bietet »Tangerine L.A.« ein einmaliges Kinoerlebnis mit einer brachialen »In die Fresse«-Attitüde.

Das Setting von Ivan Calbéracs »Frühstück bei Monsieur Henri« (21. Juli, CinemaxX, Kinodreieck) ist zwar um einiges beschaulicher, aber es geht dennoch um ein nicht weniger schmutziges Geschäft. Die Gesundheit des in die Jahre gekommenen Henri Voizot (Claude Brasseur) ist nicht mehr die beste. Also lässt sich der grummelige Mann darauf ein, seine Pariser Wohnung mit der jungen, mittellosen Studentin Constance (Noémie Schmidt) zu teilen, gibt aber strenge Regeln vor. Bald hat Henri eine weitere Forderung an seine neue Mitbewohnerin: Sie soll dafür sorgen, dass sich sein Sohn Paul (Guillaume de Tonquedec) von Freundin Valérie (Frédérique Bel) trennt. Wenn Constance es schafft, darf sie ein halbes Jahr kostenlos bei Henri wohnen. Der Film ist eine typische Wohlfühlkomödie des französischen Mainstream-Kinos, überzeugt aber vor allem durch die schweizerische Newcomerin Noémie Schmidt.

Foto: In »Tangerine L.A.« hat die transsexuelle Prostituierte Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez, rechts) nicht nur Probleme mit Konkurrentin Dinha (Mickey O’Hagan) (Foto: Augusta Quirk)

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