Laut

31. Mai 2017 - 10:53 | Jürgen Kannler

Ein Interview mit André Bücker, dem neuen Intendanten am Theater Augsburg.

Jan-Pieter Fuhr ist ein guter Fotograf. Er gehört zum Team der Vertrauten von André Bücker, dem neuen Intendanten, der mit dem Saisonstart 2017/18 das Theater Augsburg durch raue See führen wird. Seit Anfang letzten Jahres agierte Bücker hinter den Kulissen, lernte die Stadt und einige ihrer Untiefen kennen, fand Kontakt zu ihren Kreativarbeiter*innen, formte das Team, mit dem er in den kommenden Jahren arbeiten will, und suchte nach Orten, an denen er arbeiten darf. André Bücker hat die Zeit, die er sich nimmt. Sein letztes Theater, das Anhaltinische in Dessau, hat ihm die Politik weggenommen, wegen Renitenz. Sein Theater in Augsburg, das Große Haus, war schon seit Jahren eine Zumutung für alle, die dort arbeiten mussten, und brandgefährlich für Besucher*innen. Es wurde zum Spielball der Politik und irgendwann geschlossen, nun soll es saniert und neu erfunden werden. Ob Bücker jemals an diesem Haus arbeiten wird, ist die Frage – sein Vertrag läuft nur über fünf Jahre. Aber er will dieses Haus prägen. Wenn dies gelingt, holt er zurück, was verloren schien, noch bevor er sich in Augsburg bewarb.

Mit Jan-Pieter Fuhr durchstreifte André Bücker im letzten, viel zu langen Winter die Stadt. Die beiden waren auf der Suche nach Motiven und Momenten, die helfen konnten, diese für sie neue Stadt zu verstehen. Es entstand eine Fotostrecke mit Stadtporträts, von denen fast 50 Stück im prächtigen, neuen Spielzeitbuch ganzseitig Aufnahme fanden. Sie sind gewissermaßen die erste Inszenierung des Teams Bücker in Augsburg. Diese zeigt uns eine schlafende Stadt, die sich gern hinter Zäunen, Planen und Verschlägen vor dem Leben versteckt. Wenn es sein muss, versperrt ein Felsbrocken das Weiterkommen. Saukomisch. In seinem Vorwort geht der neue Intendant nur auf Fuhrs Fotos ein. Er schreibt im Kunsthistorikersprech realsozialistischer Schule: »Die Baustelle ist hier Symbol des Aufbruchs und der Erneuerung, für Transformation und Fortschritt und Markierung einer Leerstelle, die mit neuem Inhalt gefüllt wird.« (Spielzeitbuch S. 10) Dabei zeigt Bücker doch nur Brachen oder bestenfalls die Vorboten der nächsten Gentrifizierungswelle. Egal, er bringt das Werk durch die Zensur und unterhält schon jetzt sein Publikum.

a3kultur: Herr Bücker, was haben Sie in Dessau gelernt, was nur dort für Sie zu lernen war?

André Bücker: Eine ganze Menge. Viel über Politik und wie Macht funktioniert, auch oder vor allem im negativen Sinn. Ich habe aber auch erfahren, welche Bedeutung Solidarität in schweren Situationen hat. Ihre Bedeutung, wenn sich Menschen gegen den Abbau von über 100 Mitarbeitern stellen. Das war eine tief gehende Erfahrung.

Nachdem Sie sich gegen die Kahlschlagpolitik in Sachsen-Anhalt positioniert hatten, standen Sie bald auf der Straße. Von welcher Seite haben Sie damals Solidarität erfahren?

Kurioserweise auch aus Richtungen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Da haben Leute angerufen und mir Jobs angeboten, die ich gar nicht auf der Rechnung hatte. Das war nicht schlecht. Ich musste ja wieder Geld verdienen.

Ihr Vater hat als Drucker gearbeitet, Ihre Mutter war kaufmännische Angestellte. Sie waren ein Arbeiterkind. Hilft der Blick von draußen, sich in einem zutiefst bürgerlichen Dschungel wie dem Stadttheater zu bewegen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das so unterschreiben würde, das mit dem »zutiefst bürgerlichen Dschungel«. Das Stadtheater ist für mich in erster Linie ein Ort der Kunst. Aber ich war immer schon neugierig und bewege mich gern in neuen Strukturen. Mit Neuem habe ich keine Probleme. Das ist für mich interessant und inspirierend. Da ist bei mir so ein Hang zu Milieus, die man noch nicht kennt. Meine Freunde sind nach dem Abi von Osnabrück nach Berlin zum Studium, ich bin nach Bochum gegangen, und wissen Sie, warum? Weil ich in Bochum niemanden kannte. Ich wollte bewusst von null neu anfangen. In Berlin wäre alles so geblieben, wie es war.

Nun sind Sie in Augsburg und nichts ist, wie es war. Zufrieden?

Durchaus, als Künstler reizen mich Dissonanzen und Reibungspunkte. Sie stellen dar, wo es zieht. Ich finde es erst mal gut, wenn sich etwas verändert.

Bei aller Liebe zur Veränderung setzen Sie in der Personalpolitik gerne auf Vertrautes. Bei der Spielzeitpräsentation vor wenigen Wochen haben Sie Ihr Leitungsteam vorgestellt. Mit den meisten haben Sie schon in Dessau zusammengearbeitet. Auch mit Friedrich Meyer, er ist seit einem Jahr kaufmännischer Direktor in Augsburg und damit ein Brückenkopf, bei dem sich die neue mit der alten Intendanz verzahnt. Wie erlebten Sie diese Vorbereitungsphase?

Es ist gut und wichtig, Partner zu haben, die sich in der Struktur auskennen. Wir kennen uns gut und vertrauen uns zu einhundert Prozent. Das ist im Theater nicht oft der Fall. Ähnliches gilt für die anderen Kollegen im Team. Wir arbeiten seit einem Jahr zusammen und das erste sichtbare Ergebnis ist das neue Spielzeitbuch.

Sie präsentieren dem Publikum in Ihrer ersten Saison ein sehr breites Spektrum. Welche Kunstformen inspirieren Sie abseits des Theaters?

Ich mag zum Beispiel vielschichtige, gut erzählte Science-Fiction-Filme wie »Inception« oder zuletzt »Ghost in the Shell«. Einige Genre-Klassiker aus den 70er-Jahren zählen ebenso zu meinen Favoriten und ich sehe mir Serien wie »The Get Down« oder »Breaking Bad« auf Netflix an.

Finden Sie in Science-Fiction Antworten auf Fragen der Gegenwart?

Es ist faszinierend, wie nah Science-Fiction oft an unserem Leben ist. Deshalb haben wir mit »Welt am Draht« und »Solaris« diese Themen in den neuen Spielplan geholt. Diese Art der Rezeption von Ästhetik bekommen wir durch das Kino. Die Verbindung Mensch und Maschine ist extrem spannend. Sie war für mich auch wichtige Inspiration für meine Inszenierung von Wagners »Ring« in Dessau.

Welche Musik hören Sie abseits von Oper und Klassik?

Ich war als Jugendlicher mal Schlagzeuger in einer Punkband. Nicht gut, aber laut. Musik war immer wichtig. In den Jahren hat sich mein Spektrum entwickelt. Ich höre psychedelische Bands wie 13th Floor Elevators, besitze das gesamte Grateful-Dead-Programm, mag gern Reggae und bin als Fan von Black Flag und Henry Rollins nie ganz vom Punk weggekommen. Als schnellen Energiekick kenne ich nichts Besseres. Seit einigen Jahren interessiere ich mich auch für Hip-Hop. In all diesen Richtungen suche ich aber gerne das Besondere abseits vom Massengeschmack.

Sie sind also ein alter Punkrocker, nicht schlecht – klare Aussage, klare Haltung.

Ja, genau, das ist mir wichtig. So kam ich musikalisch auch zu Blues und Country. Vor einigen Jahren bin ich mit einem Freund von New York aus über Atlantic City nach Nashville, Memphis und dann zurück nach Chicago. In zehn Tagen. Und jede Nacht in einen anderen Club.

Da werden Sie mit Franz Dobler viel zu besprechen haben.

Auf alle Fälle. Es hat mich sehr gefreut, ihn hier persönlich kennenzulernen. Zusammen mit Friedrich Ani startet er in der neuen Spielzeit das Benno-Ohnesorg-Theater im Hoffmannkeller: »Eine Art Lesebühne, die nicht viel Theater macht. Mit Gästen aus Literatur und anderen angeblich schönen Künsten.« (Spielzeitbuch S. 192).

Diese Abende werden ihr Publikum finden. Aber wie holen Sie sogenannte »bildungsferne Schichten« ins Theater? Kulturreferent Thomas Weitzel formuliert dies als Ziel in einem Interview, das Sie mit ihm und dem OB für das Spielzeitbuch führten, und sieht dabei wohl einen Widerspruch, wenn er im gleichen Atemzug fordert: »Aber wir dürfen auch nicht vergessen: Theater darf und muss ein Fest sein …« (S. 17)

Nicht unbedingt. Er spricht eher von einer großen Vielfalt, die wir anbieten müssen. Es geht um die Partikularinteressen der Leute, die wir bedienen wollen. Das Publikum entscheidet sich für sein Programm.

Können Sie mir drei Programmpunkte nennen, die Sie für sogenannte »bildungsferne Schichten« entwickelt haben? Wo setzen Sie konkret an?

In der Kommunikation und Vermittlung des Ganzen. Es wird keine sogenannte »niederschwellige« Programmstruktur geben, das fände ich bizarr. Wir werden den Kontakt zur Hochkultur für die vermitteln, die diesen Zugang noch nicht haben.

Mit dem Martini-Park haben Sie einen alternativen Theaterplatz entwickelt. Sind solche Orte ein guter Background, um neue Leute zu erreichen?

Ich glaube schon. Der Martini-Park ist als Ort interessant. Kollegen, die in vergleichbaren Situationen Interimstheater bespielt haben, sprechen nie von einem Publikumseinbruch, sondern von einem Zuwachs, aber auf der Basis einer Veränderung in der Besucherstruktur.

Wie charakterisieren Sie diese Spielstätte?

Dieser Ort ist spannend, auch im Kontext Textilviertel. Es ist ein Theaterraum, der uns dazu bringt, uns auf das Wesentliche in der Theaterkunst zu konzentrieren. Wir werden dort fast ohne technische Zaubermöglichkeiten arbeiten. Uns bleiben aber die Kreativität jedes Einzelnen sowie bühnenbildnerisches und inszenatorisches Geschick.

Mit »Plan A« starten Sie eine Plattform, die interdisziplinäre und interkulturelle Ansätze verfolgt. Wo tauchen diese Ansätze im Spielplan auf?

»Das Spiel der Schahrazad« oder »Gesichter Anatoliens« sind solche Beispiele. Aber auch die Kollaboration mit dem Grandhotel Cosmopolis oder die Stückentwicklungen von Hausregisseurin Nicole Schneiderbauer im performativen Bereich zählen dazu. »Plan A« ist nicht als eine Nische zu verstehen, die der Political Correctness geschuldet ist. Es geht vielmehr um ein erweitertes Konzept mit Vorträgen, Kooperationen, Gastspielen und Workshops. Ziel ist es, solche Themen zu verhandeln, nicht ein Label zu bauen.

Bei »Plan A« beschwören Sie eine Diskurskultur, die auch unbequem sein kann. Sie selbst nannten den Diskurs um die Theatersanierung bei einer Veranstaltung bein den swa im Rahmen des Bürgerbeteiligungsprozesses schädlich für den Theaterstandort. OB Kurt Gribl fand zuletzt in der Brechtbühne versöhnlichere Töne und nannte ihn wertvoll. Wie stehen Sie heute zu dem Thema?

Es war grundsätzlich nicht falsch, Debatten über die Ziele der Theatersanierung und die Kosten des Projekts zu führen. Diesen Fragen muss man sich stellen. Mit wie viel Gift die Debatte zum Schluss geführt wurde, war jedoch alles andere als hilfreich für den Theaterstandort. Wäre es tatsächlich zu einem Bürgerbegehren pro oder kontra Theatersanierung gekommen, hätte das die gesamte Theaterlandschaft geschädigt. Ich bin erleichtert, dass das Bürgerbegehren nicht an den Start ging.

Und trotzdem fehlt dem Sanierungsprojekt die Unterstützung aus der Bürgerschaft, die sich in Euro und Cent ausdrückt. Eine erste Zusage über 10.000 Euro wurde von der Stadt vor Monaten als Großspende gefeiert. Seitdem ist nicht viel passiert. Nicht so toll, wenn man bedenkt, dass seit bald zehn Jahren klar ist, dass saniert werden muss. Warum kommt die Spendenakquise nicht in Schwung?

Ich bin sicher, dass sich da etwas entwickeln wird, wenn die Sanierung Fortschritte macht und man verlässlich kommunizieren kann, wie der Neubau aussehen wird. In etwa zwei Jahren, wenn wichtige Vorarbeiten erledigt sind, spätestens dann wird das Fundraising mit einer ganz anderen Dynamik daherkommen.

Heißt das im Umkehrschluss, dass namhafte Geldgeber dem Zeit- und Etatplan zur Theatersanierung nicht recht vertrauen und ihren guten Namen nicht an ein Projekt mit so vielen Fragezeichen hängen wollen?

Das hat vielleicht damit zu tun. In Kreisen, die Geld zu verteilen haben, wägt man solche Entscheidungen genau ab. Das dauert eben seine Zeit. Aber wir haben diese Zeit und in den kommenden ein, zwei Jahren werden wir das Thema ganz anders verhandeln.

Herr Bücker, was erwartet die Besucher*innen zum Theaterfest im Textilviertel, mit dem Sie am 24. September die Spielzeit starten?

Zuallererst einmal ein Fest mit allem, was dazugehört, für Menschen, die uns kennen oder uns kennenlernen wollen. Wir laden aber nicht nur unser Publikum und die Nachbarn im Textilviertel zu uns ein, sondern auch Künstler, Partner, Freunde und Akteure aus der Stadt. Dann werden wir unser neues Theater im Martini-Park mit über 600 Plätzen vorstellen und einige Szenen aus dem Programm der kommenden Spielzeit präsentieren. Bei einem Speeddating kann jeder, der möchte, die künstlerische Leitung kennenlernen. Und weil an diesem Tag der Bundestag gewählt wird,beschließen wir das Ganze mit einer Wahlparty.

 

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