Lebendige Kulturnation

3. April 2017 - 8:18 | Jürgen Kannler

Im Herbst sind Bundestagswahlen. Grund genug, die Volksvertreter*innen aus unserer Region in die a3kultur-Redaktion zu laden, um zu erfahren, inwieweit sie sich in Berlin für unseren Kulturstandort engagieren. Unser erster Gast: Volker Ullrich.

a3kultur: Sie waren schon als Student politisch aktiv. Lässt sich die Diskussionskultur an der Uni vor 20 Jahren mit der heute vergleichen?

Volker Ullrich: Ich habe den Eindruck, dass es durch die Fokussierung des Studiums auf Bachelor und Master, aber auch durch den Umstand, dass Studenten heute im Durchschnitt ein bis zwei Jahre jünger sind als wir bei Studienbeginn, vielleicht etwas unpolitischer zugeht. Diskussionen waren damals pointierter und kantiger, als ich sie heute bisweilen beobachte.

Wie wichtig ist das Erlernen des direkten politischen Diskurses?

Politik kann sich nicht darin erschöpfen, auf Facebook zu posten, Artikel zu teilen und Likes zu setzen. Es geht auch immer um die Formulierung von Ideen und deren Verteidigung im Diskurs, aber auch um das Eingeständnis, eine andere kluge Meinung zu akzeptieren und einen Konsens zu finden. Ich habe den Eindruck, dass sich in den sozialen Netzwerken oft nur das Echo der eigenen Meinungen widerspiegelt. Das greift zu kurz.

Hätte Ihr politisches Leben einen anderen Lauf genommen, wenn Ihnen diese Diskurserfahrung an der Uni, die ja nicht immer nur angenehm war, abgegangen wäre?

Ich war bereits vor meinem ersten Tag an der Uni ein politischer Mensch und konnte mir schon damals vorstellen, mich politisch zu engagieren. Die Diskussionen an der Universität haben mich eher noch darin bestätigt, als dass sie mich abgeschreckt hätten.

Wir wollen heute ja auch darüber sprechen, inwieweit Sie sich in Berlin für unsere Kulturregion einsetzen. Um sich engagieren zu können, muss man sich auskennen. Was sind Ihre favorisierten Kulturorte?

Leider habe ich ja nicht so viele freie Abende, um das oft sensationelle Kulturprogramm in Augsburg in vollen Zügen zu genießen. Aber ich gehe abends ganz gern bei mir ums Eck in eines der Kinos. Wir haben eine wirklich ausgezeichnete freie cineastische Szene. Und ich mag das Große Haus des Theaters Augsburg sehr und freue mich schon, wenn es nach der Sanierung wiedereröffnet wird. Aber auch die Ersatzspielorte sind recht spannend.

Lassen Sie uns ein bisschen konkreter werden. Was haben Sie denn zuletzt im Theater gesehen?

Das war wohl der »Mitsommernachtstraum«, eine ziemlich interessante, aber in der Wirkung auch umstrittene Inszenierung. Der Regisseur hatte die Frauenrollen mit Männern besetzt, wohl um damit auf das klassische Shakespeare-Theater zu verweisen. Einige Premierenbesucher haben die Vorstellung vorzeitig verlassen.

Finden Sie das unhöflich?

Wer ein Premieren-Abo hat, der muss auch damit rechnen, mit neuen Formaten und anderen Denkansätzen konfrontiert zu werden. Theater darf das. Theater muss vielleicht sogar provozieren. Es gehört übrigens auch zur persönlichen Freiheit, einfach zu gehen. Damit müssen Künstler leben. Theater ist ein Ort des Respekts und der Toleranz, aber auch des provokanten Diskurses.

Bekommen Sie etwas vom Berliner Kulturleben mit?

Nein. Ich reise am Sonntagabend an und am Freitagnachmittag wieder zurück nach Augsburg. Montags ist Landesgruppensitzung, dienstags sind meistens abends noch Besprechungen, mittwochs findet die Vorbereitung auf Donnerstag mit Plenartag und Untersuchungsausschuss statt.

Aber Sie sitzen ja auch nicht für die Berliner Kultur im Bundestag, sondern für die Menschen aus unserer Region. Wie engagieren Sie sich für unsere Kulturregion im Bundestag?

Es gilt ja zunächst einmal, dass der Kulturbereich vornehmlich in die Hoheit der Länder fällt und der Bund nur eine ergänzende Kompetenz hat. Gleichwohl gibt es Ansatzpunkte. Der eine betrifft die Frage der konkreten Förderung von Projekten in Augsburg, wie zum Beispiel beim Lutherjahr, bei dem eine Förderung im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten erfolgt, und das zweite Thema ist die Sanierung der Synagoge, für die jetzt auch auf mein Drängen hin der Haushaltsausschuss des Bundestags 6.000.000 Euro bereitgestellt hat.

Welchen Eindruck haben Sie von der Zusammenarbeit mit Monika Grütters, der CDU-Staatsministerin für Kultur und Medien?

Einen sehr guten Eindruck. Wir sitzen in der Bundestagsfraktion fast nebeneinander, kommen so öfters ins Gespräch. Dank einer gewissen Hartnäckigkeit konnte ich sie vor einiger Zeit nach Augsburg einladen, nicht nur um die Lutherstiege zu besuchen und mit Kulturschaffenden ins Gespräch zu kommen, sondern um ganz konkret die Förderung für die Synagoge fix zu machen.

Ich hatte heute schon einen Termin mit Simon Pickel, dem Leiter des Mozartbüros. Er lässt Sie schön grüßen und fragen, ob Sie das Mozartjahr 2019, in dem der 300. Geburtstag von Leopold Mozart gefeiert wird, unterstützen werden. Er hofft für seine Veranstaltung auf Bundesmittel.  

Der Bund kann ein solches Festival fördern, wenn es ein klares Konzept gibt. Es muss aus der Mitte der Verantwortlichen kommen. Dann kann ich mich damit aufmachen und andere Bundestagsmitglieder, auch Frau Grütters, versuchen zu überzeugen, das zu fördern. Wenn es also ein entsprechendes Konzept gibt, dann lautet die klare Antwort Ja.

Wie viele solcher Konzepte werden im Laufe eines Jahres eigentlich an Sie herangetragen?

Gar nicht so viele. Das liegt daran, dass eine Bundesförderung eine gewisse Erheblichkeitsschwelle überschreiten muss. Das heißt, dass das Projekt eine bundesweite Bedeutung haben und ein überzeugendes Konzept vorgelegt werden muss. Ist das der Fall, dann stehen die Chancen auf Förderung sehr gut.

Wie sieht Ihr Einsatz im Bereich Kultur- und Kreativwirtschaft aus? Diese aufstrebende Branche gehört zu den umsatzstärksten, hat aber keine Lobby, die vergleichbar wäre mit der für die Automobil- oder die Chemieindustrie, und läuft aus diesem Grund immer nur irgendwie nebenher.

Im arbeite im Rechtsausschuss am Themenfeld Urheberrecht mit. Aus Gesprächen mit Künstlern und Kreativen weiß ich, dass ihre Arbeit verdienstmäßig meistens nicht paradiesisch ist, sondern viele hart um ihr Auskommen kämpfen müssen. Deswegen gilt für mich, dass eine künstlerische Leistung, egal in welchem Wirk- und Werkbereich, auch etwas wert sein muss. Gratiskultur und kostenloses Teilen und Weiterverwerten von kreativen Inhalten können wir auf Dauer nicht dulden. Sie entzieht den Kreativen ihre Lebensgrundlagen. Das Urheberrecht, das Leistungsschutzrecht und andere rechtliche Rahmenbedingungen müssen die Einnahmesituation der Künstler verbessern. Der Staat kann die Verteilung nicht selbst vornehmen, aber er kann durch Regeln dafür Sorge tragen, dass es fair zugeht, dass nicht allein die Großen gewinnen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, das zur Verbesserung der Einkommenssituation der Kreativen und Künstler führen würde?

Natürlich, wir könnten beispielsweise die Gerätevergütungen erhöhen. Es ist wenigen bekannt, dass beim Kauf eines Smartphones oder eines Laptops eine Gerätevergütung fällig wird, die dann über die Verwertungsgesellschaften an die Urheber ausgestellt wird.

Von Bedeutung ist auch die Buchpreisbindung. Wir brauchen nicht nur die Bestseller, die von Amazon ausgeliefert werden, sondern auch Chancen für Autoren, die von den kleinen Buchhändlern um die Ecke empfohlen werden. Das ist Teil unseres reichen kulturellen Lebens.

Es werden zuweilen Stimmen laut, die behaupten, in manchen Bereichen drängten zu viele Kreative auf den Markt.

Die Tatsache, dass junge Menschen auf Musikhochschulen gehen, schreiben oder Schauspieler werden möchten, zeigt mir zunächst einmal, dass wir eine lebendige Kulturnation sind und stolz sein können, dass Kunst und Kultur bei uns nicht allein an der wirtschaftlichen Verwertbarkeit gemessen werden, sondern auch am kulturellen Mehrwert. Wir fragen nicht allein, welchen Deckungsbeitrag es für Kultur gibt, sondern sagen, dass wir diese kulturelle Auseinandersetzung brauchen. Deswegen meine ich, dass wir nicht zu viele Künstler, Schriftsteller und Musiker haben. Wir sollten froh sein, dass sich Menschen für Kunst, Literatur und Musik begeistern.

 

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