Lockende Liebesverstecke

29. Januar 2018 - 13:07 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere des performativen Theateressays »Solvejg. Mon Amour« im Rahmen von »Plan A« von »barth& schneider« in der Galerie Noah und im Kunstmuseum Walter

Wurde Ihr Herz auch schon öfter einmal mit Füßen getreten? Fühlten Sie sich einsam, wütend, unverstanden, verlassen, verletzt, verwundet und wie in einem Stacheldraht verfangen? Verzückt, brünstig vor Lust und Sinnlichkeit? War Ihnen bewusst, dass Sie »in der Liebe die Unterscheidung, eine Trennung, einen Unterschied, eine Zwei« haben? Hätten Sie die Liebe als »Hinabsteigen der Ewigkeit in die Zeit« definiert? Neugierig auf einen philosophisch anspruchsvollen Diskurs, auf das »Lob der Liebe«, wie es etwa Alain Badiou in seinem Bestseller ausspricht oder intellektuelle Liebes-Konzepte aus der Feder von  Roland Barthes oder Eva Illouz? Wer ausreichend Offenheit, Neugier, Stehvermögen besitzt, um die bequemen und konventionellen Theater- und Denkpfade und ein meist passives Zuschauersein zugunsten eines durchaus anregenden performativen Theateressays aus dem Hause »barth & schneider« zu verlassen, sollte in Richtung Glaspalast aufbrechen. In der Galerie Noah und dem Kunstmuseum Walter findet mit »Solvejg. Mon Amour« vor der Folie von Ibsens dramatischen Gedicht »Peer Gynt« und natürlich auch gemäß dem Spielzeitmotto SINNSUCHE ein Theaterprojekt statt, das sein Publikum mitgehen lässt – dies im wahrsten Sinn des Wortes.

Es war ein Jagen und Summen, ein Flüstern und Flattern im Raum, ein Locken und Jagen, ein wildes Versteckspiel, in das sich die drei Akteure Isabelle Barth, Thomas Prazak und Karoline Stegemann mit Inbrunst und  körperlicher Hingabe stürzen. »Kommst Du? Für immer! Ich will! Wo bist Du?« raunt es unzählige Male durch die Räume. Inmitten der irritierenden stilistischen Überfülle der Gemäldesammlung suchten sich die Zuschauer die optimale Sichtachse oder ein bereit liegendes Kissen und wechseln damit zwangsläufig die Perspektive auf ein anfangs wirres Geschehen. Physische und mentale Flexibilität wurden hier beiläufig geschult. Man darf, soll, muss als Zuschauer eigenständig Orientierung und dank der raffiniert montierten Texte weitergehende Erkenntnisse gewinnen oder auch mal ein wenig resigniert beiseitetreten. An diversen Fundstellen entdeckte man kleine Zettel-Botschaften, Aggregatszustände von Liebesbeziehungen. Während man noch nachdachte über Begrifflichkeiten wie »Verzückung«, »Liebkosung« oder »Vereinigung« sah man schon die Dämonen der Eifersucht durch den Raum rasen. Wo findet was statt? Stehe ich richtig, um alles mitzubekommen, was die drei sich hier »antun«? Was zitieren sie im Moment, worüber sinnieren sie, wer treibt es gerade mit wem und was passiert als Nächstes? Allmählich wurde klar, dass man ruhig ein paar Augenblicke abtauchen darf; dass sich der Betrachtung der Exponate an den vielen Wänden und dann erneut den drei Darstellern in ihrer merkwürdigen, und dann doch schlüssig an der »Peer Gynt«-Konstellation entfachten Dreiecksbeziehung widmen darf, ohne den roten Liebesfaden komplett zu verlieren.

Ein wenig zu besinnlich dehnte sich das Ende nach gut 80 Minuten, als die Zuschauer aufgefordert waren, Requisiten und Kostümfragmente gemeinsam mit den Protagonisten in die auf dem Boden liegende Stacheldrahtrolle zu verweben. Dennoch ging mit dieser Produktion (Regie: Nicole Schneiderbauer) der »Plan A« – das interdisziplinäre und interkulturelle Format, das den offiziellen Spielplan ergänzt – auf und überzeugte die rund 40 Premierenbesucher, die mit langem Beifall dankten.

Weitere Termine: 3. und 10.  Februar

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Isabelle Barth, Karoline Stegemann, Thomas Prazak

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