Männer zeigen Bein

11. Mai 2017 - 11:19 | Michael Friedrichs

Oder Frauen verhüllen Arm. Ein Gastslambeitrag von Michael Friedrichs

Folgende dpa-Meldung erschien in der Augsburger Allgemeinen vom 9. Mai 2017 (nachzulesen auf Seite 13):

Männer zeigen Bein
Anders als Frauen tragen modebewusste Männer in diesem Sommer weniger Stoff als im Vorjahr. Der Mann zeigt Body und Bein, sagt Alexandra von Richthofen von der Zeitschrift Textilwirtschaft. Die neuen Shorts sind kürzer und knapper geschnitten als bisher. Für Hingucker sorgen am Mann Kontrast-Paspeln sowie Aufdrucke. Beliebt seien etwa Fotoaufdrucke von Meeresmotiven. Und es werde aktuell wieder populärer, Bademode zu tragen, die plakativ das Hersteller-Logo zeigt.

Das ist ein hochkonzentrierter, anspruchsvoller Text, dessen Bedeutung sich in der Tiefenschicht nicht unmittelbar erschließt. Ich habe deshalb als erstes versucht, jeweils die Negation, das Gegenteil zu formulieren. Das könnte etwa wie folgt gehen, Passage für Passage:

Männer zeigen Bein – Frauen verhüllen Arm
Anders als Frauen – Ebenso wie Männer
tragen modebewusste Männer – modeunbewusste Frauen lassen liegen
in diesem Sommer – außerhalb jenes Winters
weniger Stoff – mehr Form
als im Vorjahr – wie im kommenden Jahr
Der Mann zeigt Body und Bein – Die Frau verhüllt Kopf und Arm
sagt Alexandra von Richthofen – verschweigt Alex zu Unrichthausen
von der Zeitschrift Textilwirtschaft – zu dem Blog Keramikmisswirtschaft
Die neuen Shorts – Die alten Röcke
sind kürzer und knapper geschnitten als bisher. – sind ebenso lang und weit ungeschnitten wie künftig
Für Hingucker – Gegen Wegseher
sorgen am Mann – freuen an der Frau
Kontrast-Paspeln sowie Aufdrucke (Jetzt wird’s echt schwierig. Das Gegenteil von Kontrast könnte Einheitlichkeit sein. Was sind Paspeln? Laut Wikipedia ist eine Paspel „ein schmaler, wulstiger Nahtbesatz an Kleidungsstücken“, probieren wir es also) – einheitliche Schmucklosigkeit oder Abdrucke.
Beliebt seien etwa Fotoaufdrucke – Unbeliebt sind definitiv live Abdrucke
von Meeresmotiven – von Landhandlungen
Und es werde aktuell wieder populäre, – Aber es wird inaktuell nicht mehr unbeliebter
Bademode zu tragen – altertümliche Skianzüge hinter sich her zu ziehen
die plakativ das Hersteller-Logo zeigt – die ganz unauffällig das Kleingedruckte im Vertrag der Niedriglohn-Textilnäherinnen verbergen.

Nochmal im Zusammenhang:

Frauen verhüllen Arm
Ebenso wie Männer lassen modeunbewusste Frauen außerhalb jenes Winters mehr Form liegen als im nächsten Jahr. Die Frau verhüllt Kopf und Arm, verschweigt Alex zu Unrichthausen zu dem Blog Keramikmisswirtschaft. Die alten Röcke sind so lang und weit ungeschnitten wie künftig. Gegen Wegseher freuen an der Frau einheitliche Schmucklosigkeit oder Abdrucke. Unbeliebt sind definitiv live Abdrucke von Landhandlungen. Aber es wird inaktuell nicht mehr unbeliebter, altertümliche Skianzüge hinter sich her zu ziehen, die ganz unauffällig das Kleingedruckte im Vertrag der Niedriglohn-Textilnäherinnen verbergen.

Ich denke, durch die Gegenteil-Formulierungen ist besonders deutlich geworden, worum es hier geht: um Männer und Frauen, sowie um Aussagen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine bewährte Methode ist ja auch, sich durch eine Wortschatzanalyse der Interpretation zu nähern. In alphabetischer Reihenfolge lautet der Wortschatz:
aktuell Alexandra als als als am Anders Aufdrucke Bademode Bein Beliebt bisher Body das der Der Die die diesem es etwa Fotoaufdrucke Frauen Für geschnitten Hersteller-Logo Hingucker im in knapper Kontrast-Paspeln kürzer Mann Mann Männer Meeresmotiven modebewusste neuen plakativ populärer Richthofen sagt seien Shorts sind Sommer sorgen sowie Stoff Textilwirtschaft tragen tragen und und Und von von von Vorjahr weniger werde wieder zeigt zeigt Zeitschrift zu.

Die häufigsten Begriffe sind hier „als“ (3x) und „von“ (3x). Beschränken wir uns auf das „als“. Es wäre zu klären, ob es hierbei um ein temporales „als“ geht, wie in „als ich noch der Waldbauernbub war“, oder um einen Vergleich, wie z.B. in „größer als“, „schöner als“, „wichtiger als“. Tatsächlich handelt es sich in allen drei Fällen um dieses vergleichende „als“: „anders als“, „weniger als“, „kürzer als“. Es geht in diesem Text also offenbar vorrangig um Differenz, und insbesondere um Reduktionsvorgänge. Es gibt – das erschließt sich bei genauer Lektüre – darüber hinaus auch noch ein implizites „als“, nämlich in der Formulierung „es werde aktuell wieder populärer“. Stillschweigend wird offenbar vorausgesetzt: populärer „als zu einem nicht-aktuellen, demnach früheren Zeitpunkt“.

Wir sehen, es geht in diesem Text um Differenz, oder Différance, um es mit Derrida zu sagen. Während Derrida zwischen Sprache und Schrift differenziert, geht es hier um die Differenz zwischen zwei Zeitzuständen und zugleich zwischen zwei Gestaltungen. Zum Zeitpunkt A war etwas anders als zum Zeitpunkt B. Wie aber ist der Zeitpunkt B definiert? „In diesem Sommer“, lesen wir da. Veröffentlicht wurde der Text im Mai, das ist nach allgemeinem Verständnis der klassische Frühlingsmonat. Es ist mithin von der Zukunft die Rede, und zwar in einer Weise, als wäre sie bereits Gegenwart. Es wird vorausgesetzt, dass es eine Zukunft gibt, eine bestimmte Zukunft, einen Sommer, und dieser Zukunft werden bestimmte Charakteristika zugeschrieben, deren Gültigkeit als sicher angenommen wird. Es werde da nämlich „Hingucker“ geben, heißt es. Das heißt, es werden (nicht näher quantifizierte oder qualifizierte) Änderungen der Blickrichtung vorhergesagt, die durch Dinge, in diesem Fall Badebekleidung männlicher Personen, mit großer Zuverlässigkeit ausgelöst werden. Man kann die Zuversicht, mit der diese Aussage getroffen wird, durchaus mit Formen von Religiosität gleichsetzen, mit Erweckungserlebnissen. Dazu passt der Begriff „plakativ“ im letzten Satz.

Es handelt sich offenbar um eine Heilsbotschaft. Was mit dem erwähnten Logo gemeint ist, ob Kreuz oder Davidstern, Buddha oder Halbmond, Swoosh oder drei Streifen, macht offenbar keinen entscheidenden Unterschied. Das könnte darauf hinweisen, dass tatsächlich alle großen religiösen Richtungen von dieser Bewegung erfasst werden.

Ich finde es sehr beachtlich, dass die Lokalzeitung sich solch tiefgründigen Themen widmet. Alsdann, schönen Sommer allerseits.

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