Mehr als nur Essen und Trinken

8. August 2017 - 10:57 | Jürgen Kannler

Die Friedenstafel zum 8. August ist eine Erfolgsgeschichte. a3kultur-Reporter Iacov Grinberg sprach mit Thomas Weitzel, dem Initiator der sympathischen Großveranstaltung zum Abschluss des Hohen Friedensfestes.

Es gibt viele Dinge, die heute ein fester Teil unseres Lebens und ganz selbstverständlich sind, als ob sie ewig existierten: Kugelschreiber, Computermaus, Einkaufswagen. Wir kennen die Namen ihrer Schöpfer nicht, obwohl sie das eindeutig verdienen. Zu den lokalen Augsburger Selbstverständlichkeiten gehört auch die Friedenstafel, die heute ein fester Teil des Augsburger Hohen Friedensfestes ist. Wir haben zufällig erfahren, dass der Urheber dieser Idee Thomas Weitzel, heute Kulturreferent, ist und haben ihm einige Fragen gestellt, auf die er geantwortet hat.

a3kultur: Herr Weitzel, wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Hohe Friedensfest mit einer Tafel zu beenden, an der die Bürger ihr Essen und Trinken teilen?

Thomas Weitzel: Als ich 2001 zum Leiter des städtischen Kulturbüros berufen wurde, herrschte in der Stadt Unmut über das Hohe Friedensfest. Der Verband der Einzelhändler bemängelte, dass am diesen Tag, wie bei jedem Feiertag, alle Geschäfte in der Stadt geschlossen sind, die Einwohner ins Umland zum Einkaufen fahren und die Stadt einfach wie leergefegt scheint. Es gab in der Stadt kein Gefühl eines Feiertages! Und bei Letzterem hatten sie leider recht. Es wurden nur einzelne religiöse Veranstaltungen durchgeführt, damals wurden schon Ökumenische Gottesdienste begangen, aber alles in geschlossenen Räumen mit einer begrenzten Anzahl an Teilnehmern.

Ich war oft in Siena beim Stadtfest. Die 17 Viertele der Stadt schicken am 2. Juli und 16. August ihre Vertreter für ein Pferderennen auf den Hauptplatz Piazza del Campo, der sich in ein wirkliches Volksfest verwandelt. Nach dem Rennen werden am Abend auf die Gassen Tische und Stühle aus umliegenden Häusern gestellt. Bekannte und Fremde bewirten einander mit Wein und hausgemachten Gerichten. Ich hatte dort eine Vision: wie schön wäre es, wenn in den engen Gassen der Augsburger Altstadt auch Tische und Stühle aufgestellt werden würden und Menschen – Bekannte und Freunde – zusammen das Friedensfest an diesen Tischen feierten!

Ich wusste, was in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern möglich ist, wird in Augsburg mit damals 250. 000 Einwohner kaum gehen. Die Tradition ist in Italien auch nicht über Nacht entstanden. Siena hat eine fast homogene Bevölkerung, in Augsburg gab es damals fast 30% Menschen mit Migrationshintergrund. Die Idee eine städtische Friedenstafel, ohne diese lange Tradition, hier im öffentlichen Raum anzusiedeln, wird unter diesen Umständen nicht leicht, aber die Kirchen haben geholfen die Einladung dafür zu verbreiten. Schließlich muss man mit etwas beginnen und so haben wir gemeinsam am 8. August 2003 erstmals eine Friedenstafel auf dem Rathausplatz organisiert.

a3kultur: Zwischen einer Idee und ihrer Verwirklichung stehen in der Regel eine behördliche Zustimmung und eine Menge organisatorischer Arbeit. Wie haben Sie das gemeistert?

Thomas Weitzel: Mit der behördlichen Zustimmung war es relativ leicht. Aber da die Finanzierung ganz knapp war, sollten wir auf Sponsoren und Freiwillige setzen. Das fordert viel Gespräche und Zeit. Mit Tischen und Bänken hat uns die Brauerei Riegele geholfen und ab 6 Uhr morgens haben die freiwilligen Helfer – Malteser und Mitglieder des Bündnis für Augsburg – diese auf dem Rathausplatz aufgestellt. Die Stadtwerke haben uns mit Wasser geholfen. Mit Brötchen hat uns die Bäckerei Schuster versorgt. Sie haben spezielle Rosinenbrötchen gebacken. Ganz so, wie im 18. Jahrhundert die evangelischen Kinder an diesem Tag bedruckte Blätter (Augsburg war bekanntlich eine Druckerstadt) mit Bildern und Sprüchen aus dem Alten und Neuen Testament sowie Rosinenbrötchen bekommen haben. Mit Weintrauben hat uns damals der Mesopotamien Verein geholfen. Was passt besser zum Friedensfest als Weintrauben und Brot? Und bei Aufräumen haben auch die Freiwilligen geholfen.

a3kultur: Wie haben die Augsburger die Friedenstafel angenommen?

Thomas Weitzel: Nicht nur die Städter, auch die Gäste der Stadt haben sie mit Begeisterung angenommen. Wir rechneten 2005 mit ca. 1000 Gästen. Es sind etwas mehr gekommen, also stellten wir zusätzliche Tische und Bänke auf. Sehr viele haben hausgemachte Gerichte mitgebracht, das Miteinander an den Tischen funktionierte exzellent.
Nach dem ersten Erfolg 2005 war die Friedenstafel bei der Planung des Hohen Friedensfestes schon nicht mehr wegzudenken. Die Zahl der Besuchet wuchs von Jahr zu Jahr. In diesem Jahr rechnen wir mit 2000 Besuchern, aber wir haben noch mehr Tische und Bänke, falls mehr kommen. Heute hilft uns mit Tischen, Bänken und Wasser die Brauerei Schwarzbräu, beim Aufbau und Abbau die Malteser, Brötchen bekommen wir von der Bäckerei Schuster und beim Ankauf sowie der Lieferung von Weintrauben, jetzt haben wir dafür ein Budget, unterstützt uns nach wie vor der Mesopotamien Verein.

a3kultur: Wie sehen Sie die Zukunft der Friedenstafel?

Thomas Weitzel: Meine damalige Vision habe ich nicht aufgegeben. Ich träume davon, dass die Tische entlang der ganzen Maxstrasse vom Rathaus bis St. Ulrich stehen. Ich verstehe, dass so eine Tafel nur bei einem sehr großen Fest, z.B. einem Jubiläum stattfinden kann. Aber eine solche Tafel sollte für mehr als 2000 Augsburger möglich sein. Mich freut, dass es schon einen ersten „Sateliten“ gibt. Im vorigen Jahr fand die Friedenstafel zum ersten Mal auch auf dem Helmut-Haller-Platz statt, in diesem Jahr ist sie dort wiederholt worden. Es gibt in vielen Stadtvierteln aktive Bürgervereine, die in ihren Vierteln Friedenstafeln machen möchten, wir haben schon einige Gespräche darüber geführt.

Im Internet findet man einige Friedenstafeln in Deutschland, diese finden aber nicht jährlich statt und sind wesentlich kleiner als unsere. Verschiedene Städte versuchen mit nicht unbedingt vernünftigen Rekorden zu protzen: Die längste Bratwurst, die größte Pizza oder schwerste Apfelkuchen. Hier in Augsburg haben wir aber nicht nur etwas großes, sondern auch vernünftiges – eine jährliche und große Friedenstafel.
 
Die Friedenstafel startet am 8. August um 11.30 Uhr auf dem Rathausplatz. Falls das Wetter nicht mitspielt, findet sie im Rathaus statt. Foto: Christian Menkel
 

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