Musik, Misuk, Musenküsse

1. März 2017 - 8:25 | Martin Schmidt

Bei allem, was (b)recht ist – die Lange Brechtnacht punktet und punktet mit Mine, Sidsel Endresen und dem Schwabinggrad Ballett & Arrivati.

Laut Bertolt Brecht darf Theater nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu verändern vermag. Gilt das auch für Popmusik? Grübel, grübel, denk, denk – unangenehme Frage. Gerade eben für den Pop, der sich – immer mehr und oft als befriedigendes Mehr – in bekömmlichen Konsumeinheiten taktet. Soll Pop dabei Zeichen entwerfen oder verwerfen? Oder beides? Und wer ist Bert? Und wo ist Ernie? Wir haben doch alle keine Ahnung. Die Wahrheit ist: Am Samstag, 4. März, findet im Rahmen des Brechtfestivals 2017 die »Lange Brechtnacht« statt – mit popkulturell geilen Gesten, aber auch mit geile Hochkultur gebärenden Gebärden. #Blablabla, formulier, formulier.

Bereits in der Reihung der ukrainischen Theatralo-Band Dakh Daughters (Brechtbühne, 21:30 und 23 Uhr) und dem One-Man-Disco-House-Statement Erobique (Bungalow, 1 Uhr) gelingt dem Brechtfestival eine starke brechtsche Versuchsanordnung in Pop und Clubkultur. Der Auftritt von Liedermacherikone Konstantin Wecker (Gaswerk, 20:30 Uhr – siehe a3kultur-Interview mit Konstantin Wecker auf Seite 3) setzt wohl den maximalbrechtschen Akzent. Das könnte, übersetzt in Pop, schon alles jenes sein, was Brecht in Abgrenzung zum Begriff Musik »Misuk« nannte: »epische Musik«, die Geschehnisse nicht nach- oder ausmalt, sondern kommentiert. Und trotzdem kommen ebenda jetzt noch das Schwabinggrad Ballett & Arrivati. Der Überkommentar! Das Polit- und Performance-Projekt bezeichnet sich als Afro-Punk-Jazz-Activism-Ensemble, ist ein Coop-Modus aus Refugees und People of Colour, eine Mehrspielervariante musikalisch versierten Widerstands. Auf Demos entwickelten die beiden Kollektive eine experimentelle Tanzmusik, unterstützt durch straßenportable Krachmacher wie schrottige Schlagzeugteile, Analogsynthies, Glockenspiel oder Congas. Im Augustanasaal (21:30 und 23 Uhr) wird diese sicke Misuk aus Jazz, Postpunk und elektronischem Afro-Kraut schweißtreibend auf die Bühne gebracht. Nimm das, Trump!

Gute Mine zum guten Spiel

Jemand, der auf bemerkenswerte Weise Pop, Experiment, Minimalismus und übrigens auch Tatsächlich-singen-Können zusammendenkt, ist die Mainzer Interessanto-Musikerin Mine (Rathaus, Oberer Fletz, 21:30 Uhr). Sie puzzelt Nähe und Kühle in elegant-intelligenten Songs zusammen, die Arrangements führen Eigensinn und Eingängigkeit zueinander, Jazz, Soul, Pop und Electro mäandern überraschend durcheinander. Das ist neu (irgendwo) und gut (irgendwie), und ohne sich zu verbiegen oder konturlos zu werden, sammelt dies in einer fast angstmachend lässigen Geste Hörer aus Indie und Mainstream gleichzeitig ein. Und jubelt dabei Experimentelles und manchmal auch Soul und Jazz unter. Zusatzinfo, einfach so, passt aber halt auch: Samy Deluxe lud die Mittzwanzigerin ein, bei seiner letzten Platte auf dem Track »Offenes Herz« mitzusingen. Popmusik, zu Gast bei Brecht, das Festival als Feuilleton.

Exbrechtimentell

Was Bertolt Brecht wohl zu Sidsel Endresen gesagt hätte? Oder zu ihrer Musik? Sie ist ebenso wenig Brecht, wie sie Brecht ist; tatsächlich ist sie eher Musik als Misuk, Musik in Reinform. Und brechtisch-episch erst recht nicht, aber eben deswegen ist ihr Auftritt eine kleine Sensation, zu der man den Festivalmachern gratulieren muss (#schmatz). Ganz abgesehen davon, dass es eh eine Sensation ist, dass sie in Augsburg auftritt. Lautmalerisch, experimentell, meditativ, introspektiv, mit Konventionen brechend – Sidsel Endresen ist eine der erstaunlichsten Stimmen im Jazz, die sich immer wieder auf experimentelle Begegnungen mit Avantgarde-Musikern einlässt. Hierzu zählen zwei großartige Alben zusammen mit dem E-Gitarren-Soundforscher Stian Westerhus oder das mindcracking Album »Merriwinkle« (2004) mit Christian Wallumrød und Helge Sten. Die 66-jährige Norwegerin tritt im Jazzclub (21:30 Uhr) zusammen mit der Wiener Künstlerin Katharina Ernst auf, deren freies, dynamisches Schlagzeugspiel der Stimmmagierin Tore öffnen soll und wird. Katharina Ernst selbst wird um 23 Uhr ein eigenes Solo-Set spielen, eine perkussive Reise durch polymetrische und experimentelle Klangfelder. Und schlägt damit wieder Drums und Bogen zu Brecht, 1919 schrieb dieser sein Drama »Trommeln in der Nacht«.

Das musikalische Programm des Festivals und der Langen Brechtnacht finden Sie unter www.brechtfestival.de.

Foto: Brecht Grenzen! Die Lange Brechtnacht präsentiert am Samstag, 4. März, das Schwabinggrad Ballett & Arrivati. (Foto: Rasande Tyskar)

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