Nacht und Zeit

27. Februar 2017 - 13:26 | Jürgen Kannler

Das Sensemble Theater überzeugt mit seiner neuesten Inszenierung »Eine einzige Nacht«.

Restlos ausverkauft: Seit geraumer Zeit fährt das Sensemble Theater mit einer Auslastung von 100 Prozent. Das hat mehrere Gründe und mag auch daran liegen, dass seit der ebenso umstrittenen wie überraschenden Schließung des Theaters Augsburg die Nachfrage des Publikums an Schauspiel vom Angebot bei weitem nicht mehr gedeckt werden kann. Schade, denn gerade jetzt sehnen sich die Menschen verstärkt nach Selbsterlebtem. Sie ahnen, im Vergleich zu dem was beispielsweise das Spektrum der (a)sozialen Medien anbietet, ist ein guter Theaterabend ein ungefiltertes Live-Erlebnis.

Der Erfolg der Sensemble-Mannschaft fußt auf diesen Gründen, aber eben nicht nur. Entscheidend für den Publikumszuspruch ist der Instinkt und die Sorgfalt, mit der dort relevante und bewegende Themen gefunden und bearbeitet werden. Das zeigt sich auch bei der aktuellen Produktion »Eine einzige Nacht«. Eigentlich ein relativ kurzer und zuweilen auch etwas schmallippig daherkommender Kammerdialog zweier verlorener Seelen, die jede für sich durch Nacht und Zeit treiben und dabei das Glück haben, sich für einen magischen Augenblick zu berühren. Ein Sujet also, das schon vor 100 oder 1.000 Jahren Bestand hatte. Sauber von Sebastian Seidel um das Jahr 2000 erdacht und nach einem längeren Reife- und kürzeren Nachbearbeitungsprozess jetzt neu aufgelegt.

Relevanz zieht das Stück aus der offensiven Spielfreude von Lisa Fertner und Serzan Celik. Geboren, als die Berliner Mauer gerade Geschichte wurde, bringen sie in ihrem Spiel den nötigen Druck auf die Piste, um ihren Rollen genügend Glaubwürdigkeit zu verleihen und damit ihren Nöten mit dem dafür angezeigten Respekt zu begegnen. Das funktioniert beileibe nicht in jeder dieser Coming-of-Age-Inszenierungen, mit der die Intendantenhöfe gegenwärtig landauf, landab verlorenes Gebiet für ihre Kunst zurückholen wollen. Gutes Theater ist eben keine Nummernrevue, auch wenn der schnelle Griff zu angeranztem Hitparaden-Pop verführerisch ist.

Es war klug von der Regisseurin Gianna Formicone nicht in diese Hitradio-Falle zu tapsen, sondern dem Sound, den Lilijan Waworka dieser Uraufführung beisteuerte, zu vertrauen. Im Übrigen führt sie ihr Team sehr konzentriert. Das ist wichtig, wenn auf den beiden kleinen Spielebenen, deren sie sich bedient, gepoltert, geschrien und einiges zerschlagen wird.

So funktioniert Theater der Gegenwart. Nicht nur so, aber eben auch so. Deshalb mein Tipp: Bestechen Sie die Kassendame im Sensemble und sichern Sie sich eines der Resttickets für »Eine einzige Nacht«. Die nächsten Termine sind am 31. März und 1. April.

www.sensemble.de

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