Nähe zulassen?

14. Dezember 2016 - 9:25 | Bettina Kohlen

Mit der Ausstellung »Trauma« gewährt der Kunstverein Augsburg einen Einblick in Arbeiten des britischen Fotografen Saul Fletcher aus den letzten 20 Jahren.

Der erste Blick des Besuchers fällt unwillkürlich auf die großen fahnenähnlichen Wandskulpturen am Ende des zentralen Raumes: die »Flags« bestehen aus robusten rostigen Eisengittern, die Fletcher mit zarten farbigen Wollfäden durchwebt und umwickelt. In der Mitte des Raumes steht ein weitere skulpturale Arbeit, eine roh zusammengezimmerte Bretter-Bar.

Doch diesen direkten Zugang zu seinen Objekten und Wandtableaus gestattet Fletcher eher selten: Er lichtet sie ab, entweder als Abbildung ihrer selbst oder als Bühne, vor und auf der er sich selbst oder ihm nahestehende Menschen in eigenartig verrenkten Posen inszeniert, nackt und/oder maskiert. In frühen Aufnahmen verzichtet er auf eine gestaltete Bühne, die Wände bleiben roh, eine diffuse Dunkelheit umgibt die Szene. Das Ergebnis sind sehr irritierende sehr kleinformatige Fotografien, die vom Betrachter verlangen, seine Distanz aufzugeben. So ist es auch bei einer Reihe menschenleerer, zutiefst dunkler Waldstücke von 2015, bei denen Fletcher den Ausschnitt so wählt, dass eine Verortung nicht mehr möglich, kaum etwas zu erkennen ist. Erst aus der Nähe werden Silhouetten und Konturen sichtbar.

Saul Fletcher (*1967), ein nordenglisches Arbeiterkind, war Hafenarbeiter und befasst sich seit Mitte der 1980er Jahre mit Fotografie. In den 1990ern ging er nach London, wo er unter anderem Juergen Teller assistierte und als Werbefotograf arbeitete. Heute lebt und arbeitet Fletcher in Berlin.

Um Zugang zu den Fletchers Arbeiten zu bekommen, muss der Betrachter nah ran gehen und gerät so in einen Bereich verwirrender Distanzlosigkeit. Der Künstler thematisiert traumatische Erlebnisse, wohl einen als Kind erlittenen Missbrauch. Was wir da sehen, ist existenziell; der Rezipient verbleibt dennoch – oder logischerweise – in einer distanzierten Fremdheit…

»Trauma« ist noch bis zum 29. Januar im Holbeinhaus zu sehen. Führung: 11. Januar, 19 Uhr.

www.kunstverein-augsburg.de

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