Neu aufstellen – Teil 2

29. Mai 2017 - 10:50 | Jürgen Kannler

Zweiter Teil des Interviews mit Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel

In der a3kultur-Maiausgabe veröffentlichten wir den ersten Teil des Interviews, das wir mit Thomas Weitzel, dem Kulturreferenten der Stadt Augsburg, anlässlich seiner ersten drei Jahre im Amt führten. Es ging dabei um den Kulturentwicklungsplan, das Gaswerk und Personalprobleme im Amt, aber auch um Dachmarken städtischer Kulturpolitik: Mozart, Brecht und Römer. Nachzulesen unter: www.a3kultur.de

Das Gespräch führte Jürgen Kannler, Foto: Frauke Wichmann.

Bahnpark

a3kultur: Von Ihrer Kollegin Eva Weber weiß man, dass sie Lokomotiven langweilig findet. Teilen Sie diese Antipathie?

Thomas Weitzel: Sie spielen auf den Bahnpark an. Es geht dabei aber gar nicht darum, was jemand persönlich mag oder nicht, sondern wie der öffentliche Auftrag formuliert ist, über den am Ende immer der Kulturausschuss bzw. der Stadtrat entscheidet. Wir können nämlich nur Projekte fördern, die einem klaren Auftrag folgen und ein kulturpädagogisches Konzept vorweisen können. Ebenda sehe ich beim Bahnpark noch Klärungsbedarf. Hinzu kommt die Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Nehmen Sie als Vergleichsbeispiel das Jüdische Kulturmuseum in der wunderbaren Augsburger Synagoge, deren 100. Geburtstag wir nun feiern. Hier wird täglich ein Beitrag zur kulturellen und politischen Bildung geleistet, eine unserer Kernaufgaben wohlgemerkt. Wir müssen unsere Mittel angesichts der Fülle möglicher Betätigungsfelder mit nachvollziehbaren Parametern priorisieren. Ich glaube, dass die Zeiten additiver Kulturförderung überholt sind. Aktuell ist dem Bahnpark in diesem Jahr aber sowohl ein Investitionskostenzuschuss für Ausbaumaßnahmen für einen regulären Veranstaltungs- und Besucherbetrieb zugesagt geworden wie auch ein einmaliger Betriebskostenzuschuss für das Jahr 2017. Darüber hinaus sind wir uns mit dem Bezirk Schwaben als weiterem Fördergeber einig, dass ein Nutzungskonzept für den kulturellen Kernbereich erarbeitet werden muss, das den Fördergrundsätzen entspricht.

Die Politik beklagt gebetsmühlenartig die schlechte Finanzlage der Stadt, ist aber scheinbar nicht in der Lage, vorhandene Potenziale optimal abzurufen. Dies hat auch zur Folge, dass der Haushalt für Kultur den Erwartungen hinterherhinkt. Projekte wie der Bahnpark, die nicht auf Förderungen von EU, Freistaat und Bezirk verweisen können, sind aber auf Zuwendungen der Stadt angewiesen, um an diese Töpfe zu gelangen. Welche Bedeutung hat es, wenn Funktionsträger wie Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert sich für den Bahnpark aussprechen, diesen unterstützen und letztendlich auch von der Stadt vorangetrieben sehen wollen?

Natürlich zeigt es Wirkung, wenn sich Herr Reichert für ein Thema stark macht. Das ist auch gut so. Der Bahnpark hat aber nur eine Chance, wenn er im Verbund funktioniert, und zwar mit einer Kopplung eines museumsähnlichen Kernbereichs mit didaktischem Konzept. Er ist nur als Kulturinstitution für uns förderwürdig.

Das Interview mit Thomas Weitzel fand bereits im April statt. Seitdem kam Bewegung in die Sachlage. Folgenden Zusatz reichte der Kulturreferent kurz vor Drucklegung nach:

Es gab gerade in den letzten Wochen eine große Dynamik in dem Thema. Bezirk, Landkreis und Stadt Augsburg fördern den Bahnpark mit zunächst einmaligen Betriebskostenzuschüssen, um Raum zu geben für die oben genannten Maßnahmen: Erstens Erwerb der bau- und versammlungsrechtlich notwendigen Genehmigungen (federführend ist hier die Regierung von Oberbayern, da die Bahnflächen nicht entwidmet sind). Zweitens Erstellung eines didaktischen bzw. museumsähnlichen Nutzungskonzepts für den Kernbereich. Alle Fördergeber sind sich darin einig, dass keinesfalls der Ausbau zu einem vollwertigen Museum mit entsprechenden Standards angestrebt wird.


Theater Augsburg

André Bücker startet nach intensiver Vorarbeit in die neue Spielzeit. Ein Luxus oder ein Modell, das in Augsburg Schule machen sollte?

Einen Vorlauf von eineinhalb bis zu zwei Jahren halte ich auf dieser Ebene für absolut sinnvoll und er entspricht auch der im Theaterbetrieb gängigen Praxis. Wir wollen ja schließlich nicht alle drei Jahre den Intendanten wechseln. Die mit diesem Vorlauf einhergehende Planungssicherheit müssen wir bei anderen Themen erst noch erreichen. Nur so lassen sich Förderverträge optimal verhandeln, gefragte Künstler buchen oder bedeutende Ausleihen für Ausstellungen anbahnen. Wir beschäftigen uns heute schon mit dem Leopold-Mozart-Jahr 2019 und stellen die Weichen für 2023, da feiern wir nämlich Brechts 125. Geburtstag und den 450. von Elias Holl.

Ab wann startet André Bückers Vertrag? Mit der Spielzeit 2017/18, konkret im September 2017.

Die Aufgaben, die er jetzt im Vorlauf übernommen hat, werden über einen Honorarvertrag abgerechnet.

Nun kommt er mit neuem Team, das bis ins dritte Glied die bestehenden Strukturen ersetzt. Nicht besonders nachhaltig. Halten Sie das noch für zeitgemäß?

Aber natürlich. Die Verwaltungsleute bleiben dem Team ja in der Regel erhalten. Wechsel gibt es vor allem im Bereich der künstlerischen Leitung. Das ist auch absolut okay, wenn in diesem Bereich nach einigen Jahren eine neue Handschrift erkennbar wird. Ausdruck dessen ist ja beispielsweise schon das neue Spielzeitbuch. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass mit dem Wechsel keine Wertung im Hinblick auf das Vorgängerteam verbunden ist. Der Theaterbegriff lässt viele Deutungen zu und Theater wird eben stark von Künstlern und ihrer Persönlichkeit bestimmt. Das ist die kulturhistorische Tradition des Theaters und seinem Wesen ein Stück weit immanent. Überhaupt gehört doch der Wandel zur Kunst, die sich nicht im Bestehenden einrichtet, sondern sich auch immer ein Stück weit neu erfinden muss.

OB Gribl nannte den Diskurs um die Sanierung zuletzt wertvoll für die Stadt (Brechtbühne). Bücker fand andere Worte, er nannte sie schädlich für den Theaterstandort (SWA). Wie stehen Sie heute dazu?

Der moderierte Bürgerdialog über das Theater und unsere Theaterlandschaft war wichtig und hat die Stadt weitergebracht. Wir haben hier etwas gelernt und eingeübt, auf das wir nun immer wieder zurückgreifen können, und der Kulturentwicklungsplan wird uns reichlich Gelegenheit dazu bieten. Ob es die bisweilen grundständige Infragestellung einer Institution der Hochkultur in diesem Kontext gebraucht hätte, dahinter setze ich allerdings ein dickes Fragezeichen.

Bisher ist aus der Bürgerschaft erst eine Großspende zur Theatersanierung über 10.000 Euro eingegangen. Nicht so toll, wenn man bedenkt, dass seit bald zehn Jahren klar ist, dass saniert werden muss. Warum kommt die Spendenakquise nicht in Schwung?

Wir haben schon höhere Zusagen und liegen momentan bei etwas mehr als 50.000 Euro. Das Thema ist mittlerweile mit einem eigenen Flyer und Anzeigen angestoßen, darüber hinaus gibt es Absprachen mit den Fördervereinen, wie Spenden eingeworben werden können. Wir haben zwar seit September letzten Jahres den für die Sanierung entscheidenden Grundsatzbeschluss 2 in trockenen Tüchern, doch wir befinden uns gerade für den nördlichen Bereich (Schauspiel, Werkstätten, Orchesterprobengebäude) noch in der Phase der Konzeptplanung. Gerade für Sponsoren und Spender ist es denke ich wichtig, eine plastische Vorstellung vom Gesamtprojekt zu bekommen. Wenn hier Visualisierungen möglich sind, lässt sich die Spendenakquise vollumfänglich auch mit dem neuen Team um André Bücker angehen. Momentan befinden wir uns hier ja in einer Umbruchphase und es ist das Ziel, zunächst den Start der neuen Intendanz zu bewältigen und dann mit einem zwischen Stadt und Theater abgestimmten Marketingkonzept für die Theaterstiftung unter dem Dach des Hauses der Stifter zu werben. Darüber hinaus kann sich natürlich ab sofort jede Bürgerin und jeder Bürger auch mit kleineren Beträgen für die Theaterstiftung engagieren: IBAN: DE03 7205 0000 0000 0781 21. Für Fragen steht auch jederzeit Frau Baier Pickartz bei der Stadt Augsburg zur Verfügung, sie koordiniert das Projekt.

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