Neue Ausstellungsstücke im Brechthaus

17. August 2017 - 11:45 | Gast

Zu sehen sind Dokumente zu Frank Banholzer und Siegfried Weigl. Ein Beitrag von Michael Friedrichs

Es ist das Verdienst von Gerhard Gross, dem in Augsburg und Südafrika lebenden Sohn von Paula Banholzer und Halbbruder ihres ersten Sohnes Frank, mehr Licht in dessen schwieriges Leben gebracht zu haben. Auf erstaunliche und eindrucksvolle Weise ist es verknüpft mit dem Leben von Helene Weigels Vater Siegfried in Wien. Und auch über ihn hat Gerhard Gross Recherchen angestellt und mit Archiven korrespondiert. Die wichtigsten Ergebnisse sind seit kurzem im Augsburger Brechthaus zu sehen: im ersten Stock im Raum über Brechts Leben im Exil.

Das Leben von Brecht und auch von Helene Weigel ist in erheblichem Umfang dokumentiert, weil beide großen Wert darauf legten, Schriftliches zu bewahren. Vor allem aber deshalb, weil ihnen mit ihren Kindern die Flucht ins Exil gelang und den Nazis nur relativ wenig in die Hände fiel. Frank Banholzer und Siegfried Weigl stehen für die Schattenseite: Sie erlitten, was der Familie Brecht/Weigel erspart blieb.

Das Kind von Brecht und Paula (Bi) Banholzer wurde am 30. Juli 1919 in Kimratshofen im Allgäu geboren und am 2. August auf den Namen Frank Otto Walter Banholzer getauft, Brecht bekannte sich von vornherein zu seiner Vaterschaft. Es gibt zunächst keinen anderen Weg, als das Kind am Ort in Pflege zu geben – weder Vater noch Mutter können Frank zu sich nehmen. 1925 wird er in Kimratshofen eingeschult. Ein Jahr später wird er im September für einige Zeit – die Dauer ist nicht bekannt – im Josefsheim Reitenbuch bei Gessertshausen aufgenommen. Wieder ein Jahr später bittet Brecht Helene Weigel, mit Frank einen Arzt zu konsultieren und über »den für ihn günstigsten Beruf« zu sprechen. 1929 im September wird Frank in der fünften Klasse von der Schule abgemeldet und kommt in ein Sanatorium in Wien. Eine Zeitlang ist er nach einer Mitteilung von Marianne Zoff dann auch bei ihren Eltern in Wien. Hauptsächlich aber kümmert sich Helene Weigel um die Unterbringung und ärztliche Versorgung von Frank in Wien, bis er 1935 von seiner Mutter nach Augsburg geholt wird.

Als 1933 Brecht und Helene Weigel ins Exil gehen, geht ihr Weg über Österreich. Brecht ist zwei Wochen lang gemeinsam mit Weigel in Wien 8 am Hamerlingplatz 4/1/8 gemeldet,  dann fährt er weiter nach Bern; Weigel bleibt etwas länger. Dies ist die letzte Gelegenheit für Vater und Sohn, sich zu sehen; der Hamerlingplatz ist 2 km von der Wohnung von Siegfried Weigl entfernt (1913-38 in Wien 9, Berggasse 30/1/4).

Helene Weigel setzt auch aus dem dänischen Exil heraus die Betreuung von Frank fort, sie bedankt sich 1935 brieflich bei dem Wiener Arzt Dr. Georg Frankl, der Frank medizinisch und psychologisch betreut hat. Im November schreibt Frank an seine »Liebe Tante Helli« und teilt ihr mit, dass er endlich in der Nähe von Augsburg eine Lehrstelle bekommen hat.

Die sicherlich erheblichen Kosten für Aufenthalt und Betreuung von Frank in Wien hat, wie Gerhard Gross von seiner Mutter erfahren hat, Siegfried Weigl getragen. Er war Prokurist eines Textilunternehmens in Wien und relativ wohlhabend.  Das Viertel, in dem er wohnte, war jüdisch geprägt; dass er in derselben Straße wie Sigmund Freud wohnte, war sicherlich Zufall. Aber auch der Arzt, der Frank betreute, war wissenschaftlich tätig. Dr. Georg Frankl, geboren 1897, war Kinderarzt, seine Praxis am Esteplatz 4 war knapp 3 km von der Berggasse entfernt. Er arbeitete 1938 mit Dr. Asperger zusammen, einem der Begründer der Autismus-Forschung. Nach dem Nazi-Einmarsch musste er fliehen; er wurde an der Medizinischen Fakultät der Universität von Kansas, USA, Professor für Psychologie und Pädagogik.

Von Siegfried Weigl sind äußerst wenig Kenntnisse überliefert – es gibt kein einziges Foto und keine von ihm selbst verfassten Schriftstücke, außer den Enteignungsformularen, die er bald nach dem »Anschluss« Österreichs an Hitler-Deutschland ausfüllen musste. Geboren ist er 1868, er verlobte sich 1893 mit Leopoldine Pollak, wie eine Zeitungsanzeige dokumentiert. Die Eheleute bekamen zwei Töchter, Stella (*1894) und Helene (*1900); ein Foto der Mutter mit ihren Töchtern ist erhalten. Stella heiratete Richard Zweig; sie starb 1934, sieben Jahre nach ihrer bereits 1927 verstorbenen Mutter.

Als Frank Banholzer 1929 nach Wien kommt, ist Siegfried Weigl also bereits Witwer. Er mag in Frank eine Art von Ersatz-Enkel gesehen haben – die Kinder seiner Tochter Helene bekam er in Wien nicht zu Gesicht.

Dass fast nichts von ihm und über ihn überliefert ist, ist ein direktes Ergebnis der Nazibarbarei. Bereits im August 1938 wurde in Wien eine »Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien« eingerichtet, mit äußerster Brutalität geleitet von Adolf Eichmann. Siegfried Weigl musste sein Vermögen auflisten, Wertsachen abliefern, eine »Judenvermögensabgabe« in Höhe von 14.000 Reichsmark zahlen sowie einen »Sicherheitsbescheid« über 19.100 Reichsmark. Er musste seine Wohnung mit Einrichtung und Erinnerungsstücken verlassen und wurde in der Währingerstraße 33 einquartiert.

In der zweiten Oktoberhälfte 1941 werden rund 5000 meist älteren Jüdinnen und Juden aus Wien in das Getto Lodz in Polen deportiert. Darunter ist am 28.10.1941 als Gefangener Nr. 931 Siegfried Weigl.

Dieses Getto wird von den Nazis »Getto Litzmannstadt« genannt, nach dem General  und Parteimitglied Karl Litzmann (1850–1936). Es ist das am längsten existierende Getto in Polen, eingerichtet im April 1940, und nach dem Warschauer Getto das zweitgrößte. Es ist ein Elendsviertel, fast ohne Abwasseranschluss, in dem bereits 60.000 Juden leben; weitere 100.000 werden dort zwangsweise einquartiert. Sie werden durch Zwangsarbeit ausgebeutet, viele werden in die Vernichtungslager deportiert. Die Lebensbedingungen werden eindrücklich geschildert in dem erst vor wenigen Jahren veröffentlichten Tagebuch der Jugendlichen Rywka  Lipszyc über die Monate Oktober 1943 bis April 1944, erschienen bei Suhrkamp.

Innerhalb weniger Wochen sterben im Getto Hunderte an Hunger, Krankheit und Erschöpfung. Siegfried Weigl stirbt am 20. Januar 1942.

Im Jahr darauf stirbt auch Frank Banholzer. Er war 1938 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden, wurde gleich nach Kriegsbeginn Soldat und musste Kriegseinsätze in Frankreich und Russland mitmachen. In Russland stirbt er bei einem Anschlag auf ein Wehrmachtskino in Parchow am 13. November 1943.

Mit der Ergänzung der Ausstellung im Augsburger Brechthaus ist, wenn auch auf engstem Raum, eine wichtiger blinder Fleck in der Brecht-Überlieferung aufgehoben.

Foto: Leopoldine Weigl, geb. Pollak, mit ihren Töchtern Stella und Helene, fotografiert in dem namhaften Fotostudio von Nicolaus Stockmann.

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