Poesie in Tanz und Wort

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2. November 2016 - 7:22 | Thomas Ferstl

Keine kecken Texte, dafür busfahrende Poeten und andere cineastische Highlights in unserer Filmkolumne »Projektor«.

Da ich mich durch die literarische und körperliche Ausdruckskraft der Protagonisten in den nachfolgend besprochenen Filmen in meiner schreibenden Tätigkeit eingeschüchtert fühle, lesen Sie diesen Monat keinen kecken Text aus meiner Feder. Herzlichen Glückwunsch an das Kinodreieck, das am 6. Oktober für das herausragende Kinoprogramm 2015 durch Staatsministerin Monika Grütters ausgezeichnet sowie für sein hervorragendes Kinder- und Dokumentarfilmpogramm geehrt wurde. Jetzt aber zu den Filmen:

»Die Tänzerin« (3. November, Cinemaxx) Loïe Fuller (Soko), Tochter eines Rodeoreiters aus dem Mittleren Westen der USA, avanciert von Paris aus in ganz Europa zum Star der Belle Époque. Sie erfindet sich und ihren Körper jeden Abend auf der Bühne der Folies-Bergère unter Metern von Seide neu und zieht dabei das Publikum in ihren Bann. Doch der Erfolg fordert seinen Tribut. Ihr immenser Körpereinsatz schwächt sie, doch ihr Perfektionismus treibt sie weiter an. Kraft zieht sie aus der Bewunderung ihrer Verehrer: Der Adlige Louis Dorsay (Gaspard Ulliel) wird zu ihrem Seelenverwandten, während die sanfte Gabrielle (Mélanie Thierry) sie umsorgt und auf dem Boden der Tatsachen hält. Doch als sie die junge Tänzerin Isadora Duncan (Lily-Rose Depp) unter ihre Fittiche nimmt, die sie zwar beflügelt, aber auch schamlos ausnutzt, erkennt Loïe, dass sie den steinigen Weg des Erfolgs bis hin zur Bühne der Pariser Oper nur allein gehen kann. Der Film von Regisseurin Stéphanie Di Giusto ist detailliert ausgestattet und die Tanzszenen sind wundervoll in Szene gesetzt. Neben Hauptdarstellerin Soko (Foto) brilliert auch eine hinreißende Lily-Rose Depp, die ihrem Vater Johnny ebenbürtig mit Talent gesegnet ist. Fuller hat als Choreografin den modernen Tanz mitbegründet, doch zugunsten zwischenmenschlicher Romanzen und Konflikten bleibt eine tiefergehende Darstellung ihre künstlerischen Errungenschaften hier leider auf der Strecke.

»Peter Handke« (11. November, Kinodreieck) ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller Österreichs, wenn nicht gar der gesamten deutschsprachigen Literatur. Trotzdem oder gerade deswegen ist er aber auch ein Rätsel. Der 1942 in Kärnten geborene Handke avancierte dank Werken wie »Publikumsbeschimpfung« oder »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« zum gefeierten Literaten, doch kaum hatte er sich in den Bestsellerlisten positioniert, verschwand er auch schon wieder fluchtartig aus dem Rampenlicht. Stattdessen ging er auf Reisen und nahm die Leser mit in seine ganz eigene Sprache. Regisseurin Corinna Belz will den Zuschauern dabei helfen, sich Peter Handkes Denk-, Arbeits- und Lebenswelt zu erschließen. In ihrem Dokumentarfilm untersucht sie, wie der Autor schreibt, wie er seine Beobachtungen in Kunst verwandelt und mit den großen Fragen ringt: Was ist jetzt? Wie soll man leben? Wie schon Belz’ erster Film »Gerhard Richter – Painting« ist auch dieses Porträt eine ruhige, intime Begegnung mit dem Künstler und mit sich selbst. Ebenfalls diesen Monat feiert mit Wim Wenders’ »Die schönen Tage von Aranjuez« (24. November, Cinemaxx) die Verfilmung von Peter Handkes gleichnamigem Theaterstück und gleichzeitig die fünfte Zusammenarbeit der beiden Künstler Premiere.

Von einem fiktionalen, aber nicht weniger brillanten Schreiberling handelt Jim Jarmuschs »Paterson« (17. November, Kinodreieck). Paterson (Adam Driver) arbeitet als Busfahrer in einer Kleinstadt, die genauso heißt wie er selbst: Paterson im US-Bundesstaat New Jersey. Jeden Tag geht er dort seiner Routine nach: Er fährt dieselbe Route, beobachtet dabei das Geschehen außerhalb seiner Windschutzscheibe und hört Bruchstücke von Gesprächen seiner Passagiere. In seiner Mittagspause setzt er sich in einen Park und schreibt Gedichte in sein kleines Notizbuch. Am Abend geht er mit seinem Hund spazieren, bindet ihn vor einer Bar an und trinkt exakt ein Bier. Anschließend kehrt er nach Hause zurück, zu seiner künstlerisch ambitionierten Frau Laura (Golshifteh Farahani), die im Gegensatz zu ihm immer wieder neue Projekte startet. Gekonnt minimalistisch spielt Adam Driver einen genialen, einfühlsamen Poeten in der Gestalt eines Linienbusfahrers, der uns das Mondäne des Alltags und die Schönheit des Lebens vor Augen führt.

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