Reise geglückt

13. Oktober 2017 - 11:43 | Patrick Bellgardt

»Der kleine Prinz revisited« bringt Weltliteratur auf die Bühne des Sensemble Theaters.

In den unendlichen Weiten der Social-Media-Timelines und Internettrends unserer Zeit gibt es das Phänomen, philosophische Zitate und tiefsinnige Lebensweisheiten unter seinen Freunden und Followern zu verbreiten. Die inflationäre Verwendung solcher Sprüche – meist mit gephotoshoptem Wohlfühlbild versehen – rief gar eine Gegenbewegung hervor, die im Gegenzug sinnentleerte, verfälschte oder schlicht erfundene Sätze in den digitalen Raum schleuderte. Offline erfreuen sich Kalender oder Postkarten mit entsprechenden Sprichwörtern seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Auch Antoine de Saint-Exupérys poetische Erzählung »Der kleine Prinz« bietet hierfür eine Menge Stoff und wird in diesem Kontext gerne aufgegriffen – vor allem das wohl bekannteste Zitat des Werks: »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«

Doch was bleibt von einer solchen Vereinfachung, von einer Verkürzung eines Gesamtwerks – gerade bei einer so interpretationsfähigen Geschichte wie der des »kleinen Prinzen«? Dieser Spur folgt das Sensemble Theater mit seiner ersten Premiere in der Spielzeit 2017/18. »Ich habe mir die Frage gestellt, warum von dieser Geschichte im kollektiven Gedächtnis nur die Kalendersprüche geblieben sind, mit denen sich jeder identifizieren kann. Was da an Konsumkritik und Kritik an Egoismus und Selbstbezogenheit drinsteckt, diese aktuellen Themen wollte ich wieder sichtbar machen«, schreibt Regisseurin Gianna Formicone im Programmheft.

Dies ist ihr zweifellos gelungen. Nicht jedoch durch eine Überzeichnung dieser gesellschaftskritischen Aspekte. Vielmehr genügt es ihr – so banal es klingt – nahe am Originaltext zu bleiben. Schließlich enthält dieser für den aufmerksamen Zuhörer genügend Stoff gegen Machtgier, Eitelkeit und Bosheit, für Freundschaft, Vertrauen und Respekt.

»Der kleine Prinz revisited« ist eine Lesung im besten Sinne. Das Vortragen des Textes steht klar im Vordergrund. Christian Krug, nur mit einem Notenständer und Manuskripten ausgestattet, beweist einmal mehr, dass er dieses Handwerk meisterhaft beherrscht. Die verschiedenen Charaktere interpretiert der Schauspieler stimmlich, nicht jedoch in szenischem Spiel. Wunderbar ist die Gestaltung der Planetenbewohner, allen voran des Königs und des Fuchses.

Unterstützt wird Krug von Vibraphon-Virtuose Wolfgang Lackerschmid – 2015 brachte das Duo mit Goethes »Die Leiden des jungen Werther« bereits einen Klassiker der Weltliteratur auf die Bühne. Das Spiel Lackerschmids ist gewohnt unaufgeregt. Mal träumerisch, mal in den Vordergrund drängend, harmonieren die stimmungsvollen Kompositionen des Augsburger Jazzers jederzeit mit der Lesung Krugs.

Die dritte Zutat des Sensemble-Trips des kleinen Prinzen sind die Illustrationen (Grafik: Elfgenpick), die im Bühnenhintergrund auf eine Leinwand projiziert werden. Die in schwarz-weiß gehaltenen Motive orientieren sich an den Originalzeichnungen Saint-Exupérys. Das ist insgesamt stimmig, auch wenn man sich an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Dynamik in der grafischen Präsentation gewünscht hätte.

Kurzum: Wer schon immer mal wissen wollte, was hinter den schlauen Kalendersprüchen seiner Freunde steckt, sollte das Sensemble Theater ansteuern. »Der kleine Prinz revisited« erzählt die ganze Geschichte – unterhaltsam und substanziell. Reise geglückt!

Weitere Termine: 13. Oktober sowie 2., 8. und 9. Dezember

www.sensemble.de

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