Revolutionen aus Blei und Druckerschwärze

7. April 2017 - 9:10 | Martin Schmidt

Die Sonderausstellung »Augsburg macht Druck« im Diözesanmuseum St. Afra beleuchtet die Anfänge des Buchdrucks in Augsburg.

Bereits fünf Jahre nach Gutenbergs Tod (1468) erschien in Augsburg, das damals gerade mal 20.000 Einwohner zählte, das erste gedruckte Buch – und war dabei Vorreiter, bevor in Rom, Venedig, Paris oder Nürnberg die ersten Druckpressen knarzten. »Mehr als Gold hat das Blei die Welt verändert, und mehr als das Blei der Flinte ist es das Blei des Setzkastens gewesen«, diese Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) zugeschriebene Beschreibung illustriert, dass die Erfindung des Buchdrucks eine Revolution vergleichbar mit der Innovationskraft der digitalen Revolution und der sozialen Kommunikationspower des Internets war. Die aktuelle Sonderausstellung »Augsburg macht Druck« im Diözesanmuseum St. Afra in Augsburg (zu sehen bis 18. Juni) widmet sich jenem technischen und schnell auch kulturell-geistigen Umwälzungsprozess und zeigt frühe Augsburger Drucke bis 1500.

Während nebenan in der Dompfarrbücherei »Buchtreff am Dom« Bücher aus dem Digitaldruck-Zeitalter die Regale bevölkern, taucht der Besucher im Diözesanmuseum ein in eine Zeitreise, deren Marksteine alleine Bücher, Wälzer, Druckwerke bilden. Apfelsinenkistengroß ist Isidorus Hispalenius' Druckwerk »Etymologiae« (1472). Der schwere Lederschnittband mit Metallbeschlägen enthält die erste gedruckte Weltkarte, diese ist klein und schematisch, ward aber zum ersten Mal in einem Druckwerk zu sehen. Ein paar Schritte weiter: ein aufgeschlagen ein Meter Breite messendes Geschichtsbuch. Andere Bücher sind in bekannten Größen, manchmal ungewohnten Formaten – Kräuterbücher, Lehrbücher über Landwirtschaft, Kalender, Lateinische Wörterbücher, Bücher zur Eheführung, Rechtsbelehrungen, Werke zur Redekunst. Auch zu sehen ist ein in Augsburg gedruckter Ablassbrief und ein Buch über das Aufkommen der Syphillis – der Autor selbst war aus Angst vor Ansteckung von Ingolstadt nach Augsburg geflohen. Und: Farben sind in jenen alten Büchern, in den handkolorierten Initialienbildern und Illustrationen. Es dominieren Rot und Grün, bisweilen Gelb, selten das wertvolle Blau. Der Buchholzschnitt, damals um 1470 ein relativ junges Medium, war in Augsburg und Ulm richtungsweisend.

Ehrwürdiger Gilb, alte braune Rätsel-Flecken, Bibelwälzer, der Vergänglichkeit geweihtes Papier – allein dessen holziger Duft fehlt, er bleibt hinter Glas. Die Ausstellung ist kompakt, sie bespielt im Erdgeschoss den Bronzetür-Saal und das Souterrain. In der Form stehend aufgeschlagener Bücher sind jeweils zwei Vitrinen zusammengefügt, in den anthrazitfarbenen Schaukästen wiederum liegen in kleinen Druckwerkschwärmen, V-förmig wie weiße Möwen aufgeschlagen jene Medien, die damals die Welt veränderten. Im Erdgeschoss bergen außerdem vier gläserne Schneewittchensärge  Druckpreziosen, elegante Stelltafeln geben Hintergrundinformationen. Kleine Vitrinenbeigaben wie Tabernakeltürchen, Reliquiengläser, Bodenplatten oder die Nasenzwicker-Brille des Humanisten Hieronymus Wolf  (*1516 in Oettingen, gestorben 1580 in Augsburg) lockern das von Büchern beherrschte Schaukastenleben auf und machen das Odeur der alten Zeiten exemplarisch sichtbar.

Die Vitrinen im Keller, örtlich und im Lichtspiel stimmungvoll inszeniert, widmen sich den Augsburger Heroes of Print: Günther Zainer († 1478) und Erhard Ratdolt († 1518). Erster kam 1467 als erster Drucker nach Augsburg. In den zehn Jahren 1468 bis zu seinem Todesjahr druckte Zainer über 100 Werke, darunter Bücher zu Recht, Medizin, Astronomie und das Decameron. Auch aber, und das vor Luthers Bibelwirken: eine deutschsprachige Bibel. Die Ausstellung zeigt mit der »Biblia« (1475) die erste mit Holzschnitten illustrierte Bibel der Druckgeschichte. Zainer setzte noch eins drauf: Er verbesserte die deutsche Übersetzung sprachlich. Beeindruckend auch: Das »Gebet- und Stundenbuch« (1471) misst gerade mal das Smartphone-Format 12,3 x 8,8 Zentimeter. Der Satzspiegel quetscht sich in knappe 8,8 x 5,2 cm, und weil die Buchstaben immerhin erbsengroß sind, finden in das kleine Format auf eine Seite in 15 Zeilen jeweils knapp 20 Buchstaben in Reihe.

Der zweite Held des Drucks, Erhard Ratdolt, unterhielt eine Druckerei in Venedig; auf mehrmaligen Wunsch des Augsburger Bischofs begann er, ab 1486 in seiner Vaterstadt zu drucken. Dabei erfand er den Meilenstein des Notentypendrucks: für den Abdruck von Noten musste nicht per Hand eine  Vorlage der Gesamtnotation geschnitzt werden, sondern die Noten wurden wie Buchstaben gesetzt.

Die schwierige Aufgabe, »nur alte Bücher« gekoppelt mit abstraktem Historienwissen visuell auszustellen, löst die kompakte Ausstellung in Bestform. Die räumliche und quantitative Begrenzung ist eine gute, produktive: Detailliertes Wissen und immr wieder erstaunliche Inhalte werden komprimiert und übermüdungsfrei vermittelt. Derart lädt die Ausstellung jederzeit zu einem spontanen Besuch, dessen Kürze sich mit dem Besuch des gesamten schönen Museums prächtig verlängern lässt.

Die Sonderausstellung »Augsburg macht Druck« ist zu sehen bis Sonntag, 18. Juni, im Diözesanmusem St. Afra Augsburg.

www.museum-st-afra.de

Foto: Breviarium Augustanum. Pars hiemalis Augsburg: Erhard Ratdolt, Januar 1493 Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek

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