Schranke hoch?

24. Mai 2017 - 9:26 | Jürgen Kannler

Gegenwärtig steckt der Bahnpark mitten in der größten Geduldsprobe seines Bestehens. Ob daraus eine Zerreißprobe wird, werden die kommenden Wochen zeigen.

Der Grund dafür ist die ausstehende »Baugenehmigung für Nutzungsänderung« für die denkmalgeschützte Dampflokhalle und das Rundhaus Europa, wie von Bahnpark-Geschäftsführer Markus Hehl zu erfahren war. Die für Ende Mai geplante Saisoneröffnung musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden (lesen Sie hierzu den Beitrag »Die Abfahrt verzögert sich«). Ein Grund mehr, sich mit dem Gelände zwischen Bismarckviertel und Messe zu beschäftigen.


Warten an der Bahnsteigkante
Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Das neue Jahrtausend war noch jung, da beschloss der Augsburger Stadtrat, die Industriebrache des ehemaligen Bahnbetriebswerks an der Firnhaberstraße einer kulturellen Nutzung zuzuführen.

Weite Teile der Anlage standen unter Denkmalschutz und es fanden sich genügend Eisenbahnbesessene, um die Sache in die Hand zu nehmen. So entstand Schritt für Schritt eine Belebung des größten Flächendenkmals der Region, das vor bald zehn Jahren mit dem Ziel einer kulturellen Nutzung von der Deutschen Bahn AG zum symbolischen Preis von einem Euro in den Besitz der Bahnpark Augsburg gGmbH überging. Seitdem wurde dieses Juwel Augsburger Industriekultur herausgeputzt und mit prestigeträchtigen, internationalen Denkmalschutzpreisen bedacht.  

Es scheint, als habe die Politik damals erkannt, dass sich aus dem Gelände am Gleis mehr machen ließe als Spekulantenland. Und das zu einer Zeit, als nach dem Abzug der US-Armee drei riesige Militärareale in der Stadt zu verwerten waren, also ganz anders als heute Überfluss in Sachen Freiflächen herrschte.

Seit einigen Jahren entwickelt der Bahnpark ein zunehmend Beachtung findendes Programmangebot, das vor allem auch Familien im Fokus hat. Die Faszination der riesigen Loks und schönen alten Hallen scheint ungebrochen. Praxisnahes Erleben ersetzt hier digitale Erlebniswelten. Es riecht nach Schmieröl, Ruß und alten Gleisanlagen, das kommt an. Kernstück des Parks ist eine riesige dreiteilige Langhalle, in der die Besucher empfangen und Loks gewartet werden und wo zwischen den parkenden Stahlkolossen genügend Platz für alle Arten von Events ist. Das Prachtstück der Anlage ist das Rundhaus Europa. Bereits teilsaniert, bietet es Platz für Lokomotiven aus allen Teilen Europas. Bahnler haben schon immer grenzüberschreitend gedacht. Eine Eigenschaft, die dem Projekt heute zugutekommt und dafür sorgte, dass es internationale Beachtung fand und so zu einem Lieblingsprojekt europäischer Denkmalschützer wurde.     

An den zu Recht eingeforderten didaktischen Konzepten für den Bahnpark wird gearbeitet, ebenso wie an weiteren kommerziellen Verwertungsmöglichkeiten des Geländes, die im Einklang mit den touristischen Ambitionen der Parkmacher stehen, allerdings nicht von der gGmbH getragen werden. Nach der Umwandlung eines alten Übernachtungshauses für Bahnangestellte in ein Studentenwohnheim steht der Neubau eines Themenhotels mit 263 Betten auf der To-do-Liste. Dass dabei das industriehistorische Ambiente nicht zur Staffage verkommt, dafür sorgen nicht zuletzt die zahlreichen Gruppen von Eisenbahnfreunden, die auf diesem Gelände ihrer Leidenschaft frönen  und es so zu einem riesigen Abenteuerspielplatz machen.   

Nun wäre es an der Zeit, der weisen Entscheidung des Stadtrats von damals eine Entsprechung in der Gegenwart anzuschließen. Leider fehlt den Entscheidern heute jenes Fünkchen Innovationsgeist, ohne den vor 20 Jahren kein Gleis in Richtung Bahnpark gestellt worden wäre. Städteplaner und Architekten haben das Potenzial schon lange erkannt. Ebenso die Maklerzunft. Doch man muss kein Verwertungsprofi sein, um die Möglichkeiten zu erkennen, die eine weitere Entwicklung des brachen Bahngeländes für die Gesellschaft brächte. Es reicht ein Blick auf den Stadtplan.

Es geht im Kern um rund 80.000 Quadratmeter, die südlich des Bahnparks entwickelt werden könnten. Gegenwärtig befindet sich das Gelände samt zwei riesigen unter Denkmalschutz stehenden Hallen und anderen Gebäuden noch im Besitz der Netz AG. Dass die Fläche nicht schon längst dem Bauboom der Region zum Opfer gefallen ist, liegt im Wesentlichen an den seit Jahrzehnten nicht mehr genutzten Gleisanlagen darauf. Diese könnten zwar zurückgebaut werden, sind aber bis dato im regionalen Streckennetz geführt. Eine Aufgabe, die am runden Tisch gemeistert werden könnte.

Eine sensible Umwidmung des Geländes birgt nicht nur die Chance eines sozial verträglichen Wohnungsbaus, sondern auch einer Anbindung des gesamten Quartiers an die Innenstadt, inklusive einer Erschließung hin zum Messegelände und zur Universität. Über die Achse Firnhaber- und Bismarckstraße wären es nur gute zwei Kilometer vom Ulrichsplatz zum Univiertel. Gut per Rad zu machen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen. Die swa hat diese Option auf dem Schirm und prüft bereits eine mögliche Straßenbahnverbindung.

Allerdings mangelt es an einem städteplanerischen Konzept mit Vision für dieses Quartier. Die zuständigen Referent*innen fühlen sich für das Thema nicht verantwortlich. Der Prozess des gegenwärtig laufenden Stadtentwicklungsplans böte aber genau für solche Themen eine perfekte Basis, um gemeinsam mit den Bürger*innen und Fachleuten die Zukunft dieses Areals zu diskutieren. Sehr viele Standorte dieser Qualität hat die Stadt nicht mehr zu bieten. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre die Sicherung dieser Chance durch den Erwerb der Flächen durch die Stadt. Die gegenwärtige Niedrigzinspolitik würde dem in die Karten spielen. Was bisher fehlt, ist die Initiative der Politik.   

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