Schwarzer Oktober

2. Oktober 2017 - 8:26 | Thomas Ferstl

Der Herbst im Zeichen des »Film noir«. Projektor, die a3kultur-Kinokolumne

»Film noir« bezeichnete ursprünglich eine Reihe von zynischen, durch eine pessimistische Weltsicht gekennzeichneten US-amerikanischen Kriminalfilmen der 1940er- und 1950er-Jahre, in Deutschland auch als »Schwarze Serie« bekannt. Klassischerweise wird John Hustons »Die Spur des Falken« mit Humphrey Bogart von 1941 als erster Vertreter des Genres genannt. Seinen Ursprung hat der Film noir jedoch im expressionistischen deutschen Kurzfilm und den amerikanischen Groschenkrimis der 1920er- und 1930er-Jahre. Neben kernigen Machodetektiven und Femmes Fatales ist vor allem das kontrastreiche Spiel von Licht und Schatten stil- und namensgebend für das Genre. Stilprägend ist auch, dass die Stadt, der Ort des Geschehens, häufig selbst zu einem Art Charakter in der Geschichte wird. Ausgestorben in den frühen 1950er-Jahren erfreute sich das Genre am Ende des 20. Jahrhunderts einer Wiedergeburt unter der Bezeichnung »Neo-Noir«. Zu dessen bekanntesten Vertretern zählen unter anderem Curtis Hansons »L.A. Confidential« von 1997 oder in sehr überzeichneter Version die Comicverfilmungen von Frank Millers »Sin City« von 2005 und 2014. Diesen Monat kommen gleich zwei Filme in die Kinos, die dieses wunderbare Genre weiter am Leben erhalten. Ob diese Streifen einen Kinobesuch wert sind, lesen Sie hier:

»Die Nile Hilton Affäre« (5. Oktober, Kinodreieck) Noredin (Fares Fares) ist Polizeibeamter in Kairo. Er erpresst Kleinkriminelle und lässt sich von Straßenhändlern und Hausbesitzern bestechen. Solange er unter dem Einfluss von Alkohol und Tabletten steht, funktioniert der Witwer zuverlässig in einem Gesellschaftssystem, das kurz vor dem Zusammenbruch steht. Als in einer Luxussuite des Hotels Nile Hilton eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll er ermitteln. Was auf den ersten Blick nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aussieht, wandelt sich schnell in einen Fall, der die Elite des Landes bedroht. »Die Nile Hilton Affäre« beruht auf wahren Begebenheiten. 2008 schockierte der Mord an der Sängerin Suzan Tamim in Dubai die arabische Welt und als Spuren zu einem der einflussreichsten Männer Ägyptens führten, sorgte das für große Aufregung. Regisseur Tarik Saleh verwebt gekonnt diesen nebulösen Mordfall mit der politischen Situation eines Landes, das sich während des Arabischen Frühlings 2011 von den Fesseln seiner alten Strukturen befreien wollte. Im Stil des Film noir spielt diese Geschichte in einem Kairo, das dem Los Angeles der 1940er-Jahre gleicht: korrupt, dekadent und reich an Möglichkeiten für Mächtige. Der Film schöpft auch seine Dramaturgie und die Figuren aus den Hollywoodfilmen der 1940er-Jahre. Versetzt in die Zeit des Arabischen Frühlings verleihen die althergebrachten Muster dem Film jedoch einen einzigartigen Charakter. Darstellerisch überzeugt »Die Nile Hilton Affäre« mit einem lässigen und intensiven Fares Fares sowie einer sehr präsenten Mari Malek als Zeugin der Affäre. Ein atmosphärisch dichtes Neo-Noir-Krimidrama, das zu Recht mit dem Grand Jury Prize beim diesjährigen Sundance Film Festival ausgezeichnet wurde.

Ein weiterer Film, der sich diesen Monat der grundlegenden Elemente des Film noir bedient, ist »Blade Runner 2049« (5. Oktober, CinemaxX, Kinodreieck). 1982 spielte Harrison Ford in Ridley Scotts Meisterwerk »Blade Runner« den Polizisten Rick Deckard. Als sogenannter Blade Runner wurde er beauftragt, aufständische Replikanten, künstlich hergestellte Menschen, aufzuspüren und zu töten.

Denis Villeneuves Fortsetzung beginnt 30 Jahre nach den Geschehnissen von Deckards Ermittlungen. Der Blade Runner K (Ryan Gosling) entdeckt ein Geheimnis, das die Überreste der dystopischen Gesellschaft endgültig ins Chaos stürzen könnte. Diese Entdeckung veranlasst K dazu, nach Deckard zu suchen, der seit 30 Jahren als verschollen gilt.

Wie der aktuelle Trailer zeigt, wird auch die Fortsetzung mit einer düsteren und dichten Atmosphäre aufwarten. Wenn wir hier einen wie in »Driver« unterspielenden Gosling erleben, ist »Blade Runner 2049« auf dem besten Wege, ebenfalls zum Klassiker zu werden.

Foto: Der korrupte Polizist Noredin (Fares Fares) soll »Die Nile Hilton Affäre« (5. Oktober, Kinodreieck) unter widrigsten Bedingungen aufklären.

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