Seichte Kunst trifft Totenreich

4. November 2017 - 6:43 | Thomas Ferstl

Diesen Monat gibt es für Sie nur drei Filmvorstellungen und keinen amüsanten oder informativen Text an dieser Stelle. Was sich aus diesem Trio zu sehen lohnt und was nicht, lesen Sie im »Projektor«, der a3kultur-Kinokolumne.

Paul »Gauguin« (2. November, Kinodreieck) fühlt sich von seinen Mitmenschen missverstanden und von den strengen Regeln der Pariser Gesellschaft eingeengt. 1891 lässt Gauguin (Vincent Cassel) seine Frau Mette (Pernille Bergendorff) und die gemeinsamen Kinder in der französischen Hauptstadt zurück, um nach Französisch-Polynesien, das heutige Tahiti, zu flüchten. Im selbst auferlegten Exil lebt er mit den Eingeborenen im Dschungel und verliebt sich in die junge Tehura (Tuheï Adams), die schließlich seine Frau und Muse und das Modell für seine berühmtesten Bilder wird. So erlangt er seine Inspiration zurück und entwickelt fernab des von rigorosen Vorschriften geprägten Europa eine ganz neue Kunstrichtung, den Synthetismus, und wird Wegbereiter für den Expressionismus. Im Dschungel warten aber auch Armut, Einsamkeit, Hunger und Krankheit auf Gauguin und Tehura und der Erfolg ist ihm trotz seiner neu gefundenen Motivation ungewiss.

Die Widersprüche in Gauguins Leben im vermeintlichen Paradies werden zwar deutlich, dienen jedoch weitestgehend nur als seichtes dramaturgisches Mittel, statt wahre Dramatik zu schaffen. Regisseur Edouard Deluc ist bemüht, seinem Publikum bei Gauguins erstem Aufenthalt in Polynesien, den der Film umfasst, nicht allzu viel zuzumuten. Dass Tehura erst 13 ist, als sie den Maler kennenlernt, lässt der Film beispielsweise nicht einmal erahnen. Auch Gauguins Krankheit wird von gespucktem Blut zu einem starken Husten verharmlost, seine Ambivalenz und Heuchelei gegenüber seiner Frau und den Eingeborenen wird lediglich sehr dezent sichtbar. Obwohl der Film mit starken Schauspielern besetzt ist, ist er durch die vorsichtige Herangehensweise zu harmlos, um wirklich gut zu sein.

Worum es in »Mord im Orientexpress« (9. November, CinemaxX, Kinodreieck) geht, lässt der Titel ja bereits erahnen. Aber der Vollständigkeit halber: Für die Rückreise von einem seiner Fälle nimmt Hercule Poirot (Kenneth Branagh) den legendären Orientexpress. An eine gemütliche Zugfahrt ist aber nicht lange zu denken, stattdessen hat der berühmte Meisterdetektiv bald wieder Arbeit: Ein Passagier bittet Poirot, etwas Wertvolles für ihn aufzubewahren, und wird bald darauf ermordet. Da der Zug mittlerweile im Schnee stecken geblieben ist, ist klar, dass einer der übrigen Reisenden der Täter sein muss. Die spanische Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz), die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley), Professor Gerhard Hardman (Willem Dafoe), die Witwe Mrs. Hubbard (Michelle Pfeiffer), Graf Andrenyi (Sergei Polunin) und der Doktor Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) sind alle verdächtig. Doch bald wird Poirot klar, dass er den Fall nicht lösen wird, wenn er nicht mehr über die möglichen Täter erfährt. Er muss deshalb mehr über das Opfer herausfinden – und sich beeilen, damit der Täter nicht noch einmal zuschlägt. Wie Sie hier schon das ein oder andere Mal lesen konnten, sind Remakes oft eine schwierige Sache. Die Zeichen stehen jedoch gut, dass Regisseur Kenneth Branagh eine gelungene Neufassung der ersten Verfilmung von Sidney Lumet aus dem Jahr 1974 nach Agatha Christies Romanvorlage von 1934 geschaffen hat. Allein die hochkarätige Besetzung lässt Cineastenherzen höherschlagen. Die aufwendige und liebevolle Produktion, die der Trailer erahnen lässt, tut ihr Übriges, mich zu einer positiven Prognose für den fertigen Film hinreißen zu lassen.

Ebenfalls mit Toten zu tun hat der neueste Streich von Disney und Pixar: »Coco: Lebendiger als das Leben« (30. November, CinemaxX).  Miguel (Anthony Gonzalez) ist zwölf Jahre alt und ein großer Fan von Musik – aber leider hasst seine Schusterfamilie alles, was mit Tönen und Instrumenten zu tun hat. Miguels Urgroßvater verließ damals seine Frau, um Musiker zu werden, seitdem fühlen sich die Riveras durch Musik verflucht. Doch Familie hin oder her – Miguel will seinem Idol, dem Sänger Ernesto de la Cruz (Benjamin Bratt), trotzdem nacheifern. Aus Versehen kommt er dabei ins Reich der Toten und betritt dadurch einen wunderschönen Ort, an dem er die Seelen seiner toten Verwandten trifft. Miguels Urgroßmutter Imelda und das nette Schwindlerskelett Hector (Gael García Bernal) sind darunter. Zusammen suchen das Skelett und der Junge im Totenreich nach de la Cruz, wobei allerdings die Zeit drängt: Zu lange darf Miguel nicht in der Unterwelt verweilen, sonst muss er als Skelett zurückbleiben. Der Animationsfilm ist inspiriert vom »día de los muertos«, dem Tag der Toten. An diesem wichtigsten mexikanischen Feiertag wird der Verstorbenen gedacht, jedoch nicht in tiefer Trauer, sondern als farbenprächtiges Volksfest mit Blumen, Kostümen, Masken und Musik. Wie von Disney und Pixar gewohnt ist auch dieser Film liebevoll und aufwendig animiert. Wer Bedenken hat, seiner Kinder könnten sich vor den ulkigen Skeletten gruseln, dem sei gesagt: Tränen könnten in der Tat fließen – Lachtränen.

Foto: In »Coco: Lebendiger als das Leben« (30. November, CinemaxX) entdeckt der junge Coco die Freuden des Totenreichs.

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