Sie müssen kein Muhackl sein

1. August 2016 - 8:54 | Thomas Ferstl

Der Kinosommer im August. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

Das Kinodreieck, Ausrichter des Lechflimmerns, besteht aus drei Programmkinos. Für gewöhnlich sind diese also dem anspruchsvollen Film und nicht dem Hollywood-Blockbuster-Einerlei verschrieben. Warum aber unter freiem Himmel nun einen anderen Kurs fahren? Auf den ersten Blick sind da ja ganz schön viele Filme aus der kalifornischen Metropole zu sehen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass sich aber doch eine Vielzahl an filmischen Perlen abseits des gängigen Mainstreamkinos eingeschlichen hat, und das ist ja auch gut so. Ansonsten würden Sie jetzt hier ein fett gedrucktes »Verräter« in Großbuchstaben lesen. Ganz ohne Blockbuster ist man aber nicht konkurrenzfähig gegenüber den anderen Freiluftkinos in Königsbrunn, Dillingen oder Kleinaitingen. Denn schließlich ist mit dem Film-Connaisseur allein das Geld nicht verdient, da braucht es auch den letzten Augsburger Muhackl, um schwarze Zahlen zu schreiben, und der will natürlich da abgeholt werden, wo er steht, vor einem schreiend bunten Filmplakat mit dem Namen irgendeines Umhangträgers.

Was Sie diesen Monat als Genießer oder wenn Sie sich die Muhacklmaske einmal vom Gesicht streifen wollen, sehen sollten, empfehle ich hier:

Julieta (Adriana Ugarte) lebt ihr Leben in den 1980ern in vollen Zügen. Sie könnte kaum glücklicher sein. Im Jahr 2015 sieht die Situation allerdings ganz anders aus: Julieta (Emma Suárez) ist mit ihrer eigenen Existenz völlig überfordert und steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nach dem Tod ihres Mannes Xoan (Daniel Grao) bleibt sie mit ihrer Tochter Antía (Blanca Parés) allein zurück. An ihrem 18. Geburtstag zieht Antía dann unvermittelt aus und lässt ihre verzweifelte Mutter zurück. Diese macht sich schließlich auf die Suche nach dem letzen Menschen der ihr geblieben ist.

Pedro Almodóvars Drama »Julieta« (31. Juli, Lechflimmern/4. August, CinemaxX, Kinodreieck) erzählt, welche Entscheidungen Julieta in 30 Jahren an diesen Punkt gebracht haben. Dieser bodenständige und ernsthafte Film ist wohl der beste des 66-jährigen Kultregisseurs seit Langem. Verschachtelt erzählt, glänzt das Drama vor allem in seinen stillen Momenten, die der Protagonistin zum Verhängnis werden.

»Die letzte Sau« (05. August, Lechflimmern) ist die Geschichte von Schweinebauer Huber (Golo Euler). Erst geht sein Hof pleite, dann wird dieser von einem Meteoriten vernichtet. Nur eine letzte Sau bleibt ihm, alles scheint verloren. Doch er beginnt ein Leben als Heimatloser, Vagabund und Indianer auf dem Stahlross. Hubert findet Gefallen an seinem rebellischen Leben und begegnet auf seiner Reise Menschen, denen es ähnlich erging wie ihm. Kleine, die von den Großen kaputt gemacht wurden. Für diese Kleinen erhebt sich Huber zum Widerstand und wird zum Symbol für Unruhe und Freiheit. Seine Botschaft: So geht’s nicht weiter!

Der dritte Spielfilm von Aron Lehmann schafft es, sowohl einen authentischen anarchistischen Geist durch seinen Film wehen zu lassen als auch eine Atmosphäre ständigen Staunens zu erzeugen. Gestaunt wird über eine verrückte Welt, in der Bauer Huber der Held ist, den diese Welt braucht, aber nicht verdient.

Pauline (Isabelle Carré) ist 39, kostümierte Alleinunterhalterin und erschrickt den nichts ahnenden Fabrice (Philippe Rebbot) eines Tages fast zu Tode. Pauline flüchtet, schließlich steht ihr nächster Auftrag auf dem Spiel. Später besucht sie den im Koma liegenden Mann und ist plötzlich von seinem Anblick, aber auch von ihrer eigenen Schuld so überwältigt, dass sie an nichts anderes mehr denken kann. Immer mehr dringt sie in sein Leben ein. Doch was passiert, wenn Fabrice aufwacht, wenn er überhaupt aufwacht?

Die Geschichte von Marie Belhommes »Die fast perfekte Welt der Pauline« (28. August, CinemaxX, Kinodreieck, Lechflimmern) ist zwar halbwegs vorhersehbar, deshalb aber nicht weniger emphatisch. Es fällt leicht, sich in die Situation von Pauline hineinzuversetzen. Dies liegt nicht zuletzt an der Hauptdarstellerin Isabelle Carré, die ihre sensible und unsichere Rolle bravourös meistert. Zudem weckt der Film nicht nur durch seinen Titel und die verträumte Filmmusik eine poetische Grundstimmung à la »Die fabelhafte Welt der Amélie«.

Foto: Neu-Gesetzloser Huber (Golo Euler, links) ist in »Die letze Sau« kein bisschen zimperlich.

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