Solidarität oder Wissen

7. Juni 2015 - 8:30 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der vierte Teil behandelt: Solidarität oder Wissen.

In der Bibliothek der Universität Augsburg, wo ich unterrichtet habe, hat irgendeine(r) sich die Mühe gemacht, mein Bändchen »Literatur und Identität in der Fremde – zur Literatur italienischer Autoren in der Bundesrepublik« ausfindig zu machen, um auf der ersten Seite »Blöder Itaka« hineinzuschreiben. Solidarisch hat irgendeine(r) »Itaka« in »Ithaker« verbessert und daruntergesetzt: »So schreibt man das, du Klugscheißer!« So ein anonymer Schlagabtausch zwischen Gegnern und Freunden der Einwanderer ist nicht selten, man kann das auf öffentlichen Mauern und Klowänden immer wieder entdecken.

Merkwürdig daran ist das ungleiche Verhalten der beiden Akteure. Der Schreiber von »Blöder Itaka« geht sprachgenau mit seiner Beschimpfung um. Er braucht nicht zu wissen, dass »Itaka« die Abkürzung von »italienischer Kamerad« ist, welchem man sich nicht anvertrauen darf, weil Italiener angeblich immer wieder ihre Kriegskameraden verraten hätten. Der Schreiber hat irgendwo mitbekommen, dass mit »Itaka« italienische Einwanderer beschimpft werden, die sich nicht wie erwünscht benehmen. »Blöder« ist für ihn das geeignete Adjektiv, mit dem er seine Wut auf den Verfasser des Bändchens loslässt. Mit »blöd« teilt er zukünftigen Lesern mit, was er vom Autor, nicht unbedingt vom Bändchen hält. Empört über die anonyme, das heißt feige Beleidigung des Verfassers reagiert irgendeine(r) solidarisch und versucht den Beschimpfenden als Ignoranten zu entlarven. Das solidarische Eingreifen schlägt fehl, denn die Korrektur von »Itaka« in »Ithaker« als Ureinwohner Italiens ist gut gemeint, jedoch unzutreffend. Dass aufgrund der gleichlautenden Aussprache »Ithaker« inzwischen als Synonym von »Itaka« verwendet wird, veranlasst kaum zu der vorgenommenen Korrektur.

Aber wieso löst ein derartiges solidarisches Eingreifen Unbehagen im Adressaten aus? Gewiss weil das Vorgehen nicht stichhaltig ist. Nichts, so scheint mir, ist unerträglicher, als Objekt eines solidarischen Gestus zu sein, der sich als nicht stichhaltig erweist. Man hat den peinlichen Eindruck, damit versuche jemand Pluspunkte ohne Leistungen zu sammeln. Es ist leicht, über Einwanderer gut zu reden, schwierig ist es, korrekt über sie zu sprechen. Dies setzt Wissen voraus, und Wissen ist nicht zu haben, ohne Zeit aus dem eigenen Leben zu investieren. In Wirklichkeit würde Wissen den willigen Helfer vor Peinlichkeiten jeder Art und den Adressaten vor dem unerträglichen Unbehagen schützen, Objekt billiger Solidarität zu sein. Ferner meine ich, dass erarbeitetes Wissen über die Einwanderer die einzige erträgliche Form von Solidarität ist, gerade weil sie eine erbrachte Leistung in der Begegnung mit den Einwanderern ist und kein Gestus liberaler Geister, der bekanntlich nichts kostet.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Freunden der Ausländer verstehen. In der Tat versteht man sich nicht deshalb, weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.

Die Kolumne erscheint im Original online in der Kultur- und Literaturzeitschrift www.interessen.org. »Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

www.chiellino.com

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